Böker, Doris [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 19): Landkreis Cuxhaven — Braunschweig, 1997

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umfaßte, im Jahre 1400 das am Hamburger
Stadtrecht orientierte Stader Stadtrecht verliehen.
Nachdem Otterndorf und Hadeln danach jahr-
zehntelang an Hamburg verpfändet waren, löste
Herzog Johann IV. von Sachsen-Lauenburg
1481 das Land wieder ein und verlieh Otterndorf
im selben Jahr das sächsische Stadtrecht. In
dem 1541 von seinem Sohn Magnus modifizier-
ten Privileg ist erstmals von Jahrmärkten die
Rede, die sich jedoch wohl in der von Handel und
Handwerk lebenden Stadt bereits weitaus früher
etabliert haben dürften.

In der 1. Hälfte des 16.Jh. hatte die lediglich
durch Wall und Graben gesicherte Stadt mehr-
fach unter dem Einfall bremisch-erzbischöflicher
Truppen zu leiden. Bei zwei Bränden in den Jah-
ren 1513 und 1529 - 1524 zählte man 107 Haus-
stände - wurden fast alle Häuser zerstört. Im An-
schluß an den Wiederaufbau begann man im
3. Viertel des 16.Jh. mit der östlichen Stadterwei-
terung, durch die sich die Siedlungsfläche ver-
doppelte. Die Errichtung des Ostertores 1580 am
östlichen Ende der Marktstraße und des Rathau-
ses 1583 an der Nordseite des Marktplatzes wei-
sen deutlich auf die zu diesem Zeitpunkt bereits
erfolgte Erweiterung hin, für deren Anlage außer-
halb der Wurt die wahrscheinlich in der Mitte des
15.Jh. durchgeführte Eindeichung des Gebiets
der Medemmündung die Voraussetzung bildete.

Im Vorfeld des Dreißigjährigen Krieges, den Ot-
terndorf, die üblichen Kontributionen zahlend, un-
beschadet überstand, wurden neben der Verstär-
kung der Verteidigungsanlagen des 1513/14 neu
erbauten Schlosses (1400 zerstört) 1615/16 die
Befestigungsanlagen der Stadt verbessert, in-
dem die Gräben verbreitert und neue Wälle auf-
geschüttet wurden. Schließlich errichtete man
auch im Westen wohl 1618 ein massives Tor. Als
Sitz der landesherrlichen Verwaltung einschließ-

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Otterndorf, Altstadtkern von Norden (Luftaufnahme, H. U. Armbrust, 1996)

lich der Gerichtsbarkeit und Versammlungsort
der Stände, bestehend aus den sieben Hoch-
landkirchspielen (erster Stand), den fünf Siet-
landkirchspielen (zweiter Stand) und der Stadt
Otterndorf (dritter Stand), entwickelte sich die
Siedlung einerseits zum politischen, andererseits
aufgrund ihrer verkehrsgünstigen Lage zum wirt-
schaftlichen Mittelpunkt des Landes Hadeln.
Dies dokumentieren nicht nur die für die 2. Hälfte
des 17.Jh. überlieferten intensiven Handelsbe-
ziehungen zu Hamburg, Bremen, Holland und
Norwegen, wobei vor allem Weizen, Gerste und
Ziegelsteine exportiert sowie hauptsächlich Ge-
nußmittel, z.B. Bier, Tabak, Branntwein, aber
auch Holz importiert wurden, sondern auch die
starke Bevölkerungszunahme in dieser Zeit: ein
Schmalzehntregister von 1596 nennt 142 Haus-
haltungen, 1694 sind es bereits 289 Hausstände.
Schon im 17.Jh. dehnte sich die Siedlung jen-
seits des Stadttors westlich der Medem aus. Be-
gründet auf der prosperierenden Wirtschaft ent-
faltete Otterndorf während des 18.Jh. einen be-
trächtlichen Wohlstand, der weder durch den
Wechsel in der Landesherrschaft — 1731 wurde
Hadeln von Kaiser Karl VI. an den Kurfürsten Ge-
org Il. von Braunschweig-Lüneburg übergeben —
noch durch die kurzzeitige Besetzung 1757
durch französische Truppen während des Sie-
benjährigen Krieges beeinträchtigt wurde. Die
1768 erhobene Zahl von 275 gewerbe- und han-
deltreibenden Personen gibt Zeugnis von der flo-
rierenden Wirtschaft. Dabei weist die Anzahl der
Bauhandwerker auf eine gute Baukonjunktur hin,
die allerdings zu Beginn des 19.Jh. schon wieder
abflaute. Nicht zuletzt wegen des engen Kon-
takts zu Hamburg erlangte auch das kulturelle
Leben ein gewisses Niveau. Bereits 1682 war
über Stade, Buxtehude und Harburg eine Fahr-
post eingerichtet worden, und um 1800 gab es
zwischen Hamburg und Otterndorf eine tägliche
Schiffverbindung.

Otterndorfs Stadtbild erfuhr bis weit ins 19.Jh.
hinein keine einschneidenden Veränderungen.
Gegenüber 360 Feuerstellen im Jahr 1762 wuchs
die Zahl der Wohngebäude bis 1858 nur auf 377.
Durch die Zugehörigkeit zum Königreich Hanno-
ver nach der kurzzeitigen französischen Beset-
zung wurde Otterndorf mit Hadeln in die hanno-
versche Reformgesetzgebung einbezogen. In
diesem Zusammenhang löste das 1852 einge-
richtete Amtsgericht die verschiedenen Gerichte
der Stadt und Hadelns ab. Auch nach der preußi-
schen Annexion Hannovers 1866 blieben die
Hadeler Sonderrechte erhalten und gingen erst
1885 verloren, als die Stände durch den Kreistag
ersetzt wurden. Otterndorf selbst konnte inner-
halb dieser Umstrukturierungen seine Position
als administrativer Mittelpunkt behaupten.

Im Verlauf des 19.Jh. nahm der einst wichtigste,
über das Wasser führende Transportweg für den
Handel allmählich an Bedeutung ab. Einsetzend
mit der 1848 fertiggestellten, über Otterndorf ver-
laufenden Chaussee Stade-Ritzebüttel, wurde
diese Tendenz durch die Einrichtung einer Bahn-
station im Zuge der 1881 eröffneten Eisenbahn-
strecke Harburg-Cuxhaven noch verstärkt. We-
der die Industrialisierung - 1869 wurde lediglich
eine Düngerfabrik gegründet - noch die günstige
Konjunktur der Gründerzeit wirkten sich nachhal-
tig auf Otterndorf aus; vielmehr wurde es ab der
Jahrhundertwende durch die aufstrebende Ent-
wicklung des benachbarten Cuxhaven innerhalb
weniger Jahrzehnte auf den Rang einer kleinen
Landstadt verwiesen.

Entscheidende Veränderungen brachte zum ei-
nen die Eingemeindung der beiden Kirchspiele
Oster- und Westerende im Jahre 1929 mit sich,
durch die sich die Zahl der Einwohner auf 3600
verdoppelte, zum anderen die Funktion Ottern-
dorfs als Kreissitz der 1932 zusammengelegten





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