Böker, Doris [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 19): Landkreis Cuxhaven — Braunschweig, 1997

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NATURRÄUMLICHE GLIEDERUNG UND SIEDLUNGSFORMEN

Der Landkreis Cuxhaven liegt im sogenannten Elbe-Weser-Dreieck, dem an die Nordsee
grenzenden nördlichsten Teil des niederdeutschen Tieflandes, den im Westen die Unter-
bzw. Außenweser, im Osten und Norden die Niederelbe mit ihren angrenzenden Marschen
einfassen. Den Kernraum bildet die Geest mit ihren Mooren, eine von Eis und seinen
Schmelzwässern geschaffene Altmoränenlandschaft. Das 2.072 Quadratkilometer große
Kreisgebiet schließt im Süden an den Landkreis Osterholz, im Südosten an den Landkreis
Rotenburg und im Nordosten an den Landkreis Stade an. Seine größte Nord-Süd-Ausdeh-
nung beträgt 68 Kilometer, die größte West-Ost-Ausdehnung 54 Kilometer. Der fast voll-
ständig von Ablagerungen des Quartärs, d.h. des Eiszeitalters (Pleistozän) und der Nach-

eiszeit (Holozän), bedeckte Raum ist durch die Landschaftsformen von Geest, Moor, FIuß-
und Seemarsch geprägt.

Die Geest

Das zentrale und südliche Kreisgebiet wird von einer ebenen bis flachwelligen Grundmorä-
nenlandschaft der Saale-Eiszeit bestimmt, auf der sich heute Äcker, Grünland und Wald
abwechseln. Sie wird durch die beiden Flüsse Geeste und Lune in drei Bereiche unterteilt:
die Bederkesaer Moorgeest im Norden, die Beverstedter in der Mitte und die Hagener
Moorgeest im Süden. Der hohe Anteil an Moorland steht in Zusammenhang mit der Anhe-
bung des Meeresspiegels während des nacheiszeitlichen Atlantikums (mittlere Wärmezeit).
In deren Folge war der Grundwasserspiegel angestiegen, so daß es zu einer Versumpfung
auch ursprünglich trockener Niederungen mit der Bildung von Niedermooren kam, die zu
einer Aufgliederung der Geest in unterschiedlich große Platten führte. Die Bodenbeschaf-
fenheit der aus den Niederungen etwa 10 bis 15 Meter über NN herausragenden Geestin-
seln reicht von trockenen bis zu tonigen Sandböden, die weit weniger ertragreich als
Marsch- oder Lößböden sind, so daß eine vergleichsweise große Nährfläche für die einzel-
ne Familie notwendig war. Aus diesem Grund entstanden im Innern der Geest relativ kleine
Siedlungen, die am Rand der Grundmoräneninseln liegen, da hier der wertvollere Geschie-
belehm zutage tritt. Bevorzugt war vor allem die Lage zwischen dem trockenen Ackerland
der Geest und dem Grünland einer Talaue. Größere Siedlungen entwickelten sich in Geest-
randlage am Übergang zum fruchtbareren Marschgebiet.

Landschaftsbestimmende Elemente im Norden des Landkreises bilden zwei im älteren Ab-
schnitt der vorletzten Eiszeit (Drenthestadium der Saale-Kaltzeit) entstandene und durch
die Niederung der Hadelner Bucht getrennte Endmoränen, die in Nord-Süd-Richtung ver-
laufen: im Westen die Altenwalder Randlage mit der Hohen Lieth (bis 38 m hoch), deren
Ausläufer bei Duhnen bis an die Küste vorstößt, und im Osten der Lamstedter Vorstoß mit
dem Westerberg und der Wingst. Mit 74,1 Metern stellt der Silberberg in der Wingst die
höchste Erhebung im Kreisgebiet dar. Die einst ausgedehnten Heideflächen dieser im In-
nern fast siediungsleeren Höhenzüge mit trockenen, nährstoffarmen Böden wurden durch
die Aufforstungen während der letzten 150 Jahre zurückgedrängt.

Die im frühen Mittelalter einsetzende Besiedlungswelle erlebte ihren Höhepunkt im hohen
Mittelalter mit der Entstehung zahlreicher kleiner Dörfer. Zu den urkundlich früh nachweis-
baren Siedlungen gehören u.a. Bramstedt (1072), Driftsethe, Bokel, Hollen (1105) und Be-
verstedt (1229). Von der Wüstungsperiode des 13./14.Jh. war der Elbe-Weser-Raum weit
weniger als z.B. das Gebiet des südlichen Niedersachsen betroffen. Die Bevölkerungszu-
nahme des 16.Jh. ging mit einer fortgesetzten Teilung der Vollhöfe in Halb- und Viertelhöfe
sowie mit der Ansiedlung von Kötnern und Brinksitzern einher. Über die Größe der Orte gibt
das zwischen 1500 und 1510 entstandene Vörder Register erstmals Auskunft, in dem alle
zur erzbischöflichen Obervogtei Bremervörde gehörenden Güter und Rechte erfaßt wur-
den. Während die kleinen Geestdörfer im Durchschnitt aus fünf bis sieben Höfen bestan-
den, waren die wegen ihrer Lage nahe der Marsch begünstigten Dörfer demgegenüber be-
reits größer. So zählte Nesse z.B. um 1500 19 Bauhöfe (Vollhöfe) und fünf Kötnerstellen,
Loxstedt 22 Bauhöfe und 24 Katen. Bevölkerungs- und Stellenzunahme, die jeweils in Ab-
hängigkeit von der zur Verfügung stehenden Nährfläche erfolgten, führten zu einer allmäh-
lichen Verdichtung der Dörfer. In der Börde Debstedt beispielsweise stieg die Zahl der
landwirtschaftlichen Betriebe von 149 im Jahr 1649 auf 324 im Jahr 1762.

Bis ins 19.Jh. war das Siedlungsbild der Geestlandschaft durch kleine, locker gruppierte
Haufendörfer (auch Einzelhöfe) geprägt, die im Abstand von zwei bis sieben Kilometern la-
gen. Noch heute läßt sich in einigen ländlichen Siedlungen anhand der Lage, Größe und
Gestaltung der Höfe die ehemalige Sozialstruktur annähernd nachvollziehen. Die Eintei-



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