Böker, Doris [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 19): Landkreis Cuxhaven — Braunschweig, 1997

Page: 278
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neu verblendet. Den hölzernen Glockenturm vor
der Westwand baute man nach einem Brand
1648 wieder auf und bekrönte ihn 1701 mit einer
schlanken, im unteren Bereich leicht geschweif-
ten Pyramide. Die Wirkung des Innenraums be-
einflußt maßgeblich die in grau-blauen Tönen ge-
haltene Bemalung der Balkendecke mit Wappen
und Rankenornament. 1697 von Andreas Mitho-
bio geschaffen, zeigt sie im östlichen Feld in zwei
Medaillons die Kreuzigungs- und die Auferste-
hungsszene. Noch reicher hatte man bereits
1674 die Chordecke durch Johan Branck aus-
schmücken lassen, die innerhalb dreier von Ran-
ken-, Fruchtwerk und Engeln gerahmter Kar-
tuschen die Taufe, die eherne Schlange und
Jacobs Traum abbildet. Auch die übrige Ausstat-
tung, das aufwendig geschnitzte, im Haupitge-
schoß durch Säulchen dreizonig gegliederte Al-
tarretabel (dat. 1618), die von der Figur des Apo-
stels Petrus getragene Kanzel (1. Viertel 17.Jh.,
wohl M. Ringkmacher), das an den Bankwangen
mit Flachschnitzereien verzierte Gemeindege-
stühl (im wesentlichen von 1653) sowie die her-
mengeschmückten Kniebänke vor dem Altar
(dat. 1613), belegt eine rege Stiftertätigkeit im
17.Jh. Von der aus dem Ende des 18.Jh. stam-
menden Orgel hat sich auf der 1696 angelegten
Westempore lediglich der Prospekt erhalten. Als
wertvolles Stück des frühen 13.Jh. ist der dem
Dreibeintyp angehörende Bronzetaufkessel mit
filigranen Rankenzügen der Wandung hervorhe-
benswert.

Unmittelbar an der südlichen Gemeindegrenze
erhebt sich weithin sichtbar die wohl 1871 erbau-
te (Einritzung in einem der Grundsteine) Galerie-
holländermühle, die als Wind- und Dampfmühle
betrieben wurde (Süderende 78). Der Bauherr,
der Holzhändler Peter Frey, lie8 von seinem
Grundstück aus einen Graben anlegen, der eine
Verbindung zu der aus dem Kirchspiel Odisheim

Osterbruch, Süderende 78, Wohn-/Speichergebäude, Anf. 19.Jh.

zur Medem führenden Wettern herstellte, so daß
das Mahlgut auf Kähnen transportiert werden
konnte, um den im Frühjahr und Herbst über-
schwemmten Fahrwegen der Hadelner Marsch
auszuweichen. 1988-90 unterzog man die 1972
stillgelegte Mühle, deren Anlegestelle in den sieb-
ziger Jahren zugeschüttet und mit Tannen be-
pflanzt worden war, einer auch die technischen
Einrichtungen berücksichtigenden Instandset-
zung. Der südöstlich davon stehende giebelstän-
dige Ziegelbau, an den sich ein 1922 errichteter
Wirtschaftsanbau nach Westen anschließt, wird
durch die über der mittigen Eingangstür zweige-
schossig angeordneten Ladeluken als ein kombi-
niertes Wohn-Speichergebäude ausgewiesen,
das hier wohl zu Anfang des 19.Jh. errichtet wur-
de.

OTTERNDORF
Geschichtlicher Überblick

Als Hauptort des sächsisch-lauenburgischen Ha-
deln nahm die Stadt Otterndorf, die etwa 1,5 Kilo-
meter von der Niederelbe entfernt an der Medem
liegt, über mehrere Jahrhunderte hinweg eine
herausragende Position im Elbe-Weser-Raum
ein. Die Siedlung wurde wohl im Zuge der früh-
mittelalterlichen Landnahme zunächst ebener-
dig, später dann auf einer Wurt innerhalb eines
Küstenstreifens angelegt, der während der letz-
ten Überflutungsphase zwischen dem 3. und
8.Jh. noch Wattgebiet war und erst danach be-
siedelbar wurde. Ältestes Zeugnis der Besied-
lungsgeschichte ist bisher ein in das 10.Jh. zu
datierender Scherbenfund, der 1974 in einer auf
den ehemaligen Wattboden hinabreichenden
Baugrube in der Reichenstraße zutage trat. Ne-
ben Fischern und Bauern dürften vor allem Kauf-
leute an der Entstehung Otterndorfs beteiligt ge-



wesen sein, die an dieser verkehrsgünstigen
Stelle Handelsniederlassungen errichteten. Noch
vor dem ersten urkundlichen Beleg Otterndorfs —
1261 wird ein Pfarrer, „Godefridus plebanus in
Otterentorpe“, erwähnt - kann aus einer 1238 da-
tierten Urkunde zwischen Hamburg und dem
Land Wursten, in der Handelsbedingungen zwi-
schen beiden Partnern geregelt wurden, auf be-
reits bestehende Handelsbeziehungen mit dem
Land Hadeln geschlossen werden, die einen
ähnlichen Vertrag voraussetzen. Die Ausfuhr der
vorrangig auf dem Wasserweg transportierten
Hadelner Erzeugnisse erfolgte hauptsächlich
über die bis zur Mitte des 15.Jh. außendeichs ge-
legene Handelsniederlassung Otterndorf.

Das Kirchspiel Otterndorf findet bereits im Jahre
1301 urkundliche Erwähnung; es wird in der
1. Hälfte des 16.Jh. in die beiden politischen
Kirchspiele Otterndorf-Osterende und Ottern-
dorf-Westerende unterteilt. In Westerende be-
saßen der Erzbischof von Bremen, das Domkapi-
tel und die Kirche die Zehntrechte, während die
Zehnten in Osterende dem Herzog und verschie-
denen Adelsgeschlechtern, unter denen die Kule
eine herausragende Rolle spielten, gehörten. Die
Reformation wurde in Otterndorf um 1526 einge-
führt.

Als Landesherren (bezeugt 1219) in der Nachfol-
ge der Stader Grafen übten die Herzöge von
Sachsen-Lauenburg, deren „castrum Otterndor-
pe“ 1390 erstmals urkundlich belegt ist, die Hohe
Gerichtsbarkeit aus.

Wohl auf Wunsch Hamburgs, das den im 14.Jh.
stark ausgebauten Handel mit Hadeln unter den
Bedingungen seines eigenen Rechts auszuüben
gedachte, wurde Otterndorf, dessen kleine Ge-
markung die Hornweide im Norden, die Eschwei-
de im Süden und die Westerweide im Westen



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Osterbruch, Süderende 78, Mühle, 1871



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