Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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Die Anklage richtet sich gegen mehrere Artikel
der Medicinischen Wochcnschrist, welche über die
Wirthschaft in dem den Schwestern vvm guten
Hirten vom Staate nbergebenen Stras- und
ZwangSarbeitshauje für weiblichc L-träslinze
zu Ileudors ernste Klagen gesührt hatten. Dr.
Wittelshöfer wird beschuldigt, mit seinen Arti-
keln sich des Vergehens dcr Herabwürdigung
bchördlicher Verfügungen und der Auswicgelung
gegen Oeganc der Regierung schuldig g-macht
z» haben. Der Staatsanwalt beantragt sür
Dr. Wittelshöfer drei Monate schweren Arrest
und außerdem noch für eine Ucbertrctnng dcs
Preßgesetzes 30 fl. Geldstrafc, jowie daS Berbot
der Berbreitnng uud die Vcrnichrung oer be-
lresfenden glummcrn der Meoicinijchen Wochen-
schrist. Die Ostdeutsche Pvst charactcrijirt diejen
Proceß niit den Worten: „Die Anregungen,
die dieser Proccß gibt, das Slrciflichl, daS bei
diejer Gclegenheit auf eine ganze Reihe unscrer
inncrn Verhältnisse fätlt, gebcn ihm den Cha-
rakter eines Ereignisses. Es ist kein Zweisel,
daß man in demsclben ein Charakterbild und
einen Werthmesser nnjerer socialen uud gejetz-,
lichen Zustände crdlicken wird." Nach einer
glänzcnden Vertheidigung des Dr. Berger in
der Sitzung am 5. Novbr. bemerkte noch der
Angeklagte Dr. Wittelshöfer jelbft: „An dem-
selben Tage, an dem die staaisanivaltjchajt oie
Medicinijche Wochcnschrift mit Bejchlag belegte,
erichien in einem hicsigcn Blatte, daö sich des
Privilegiums tühincn oarj, gegcn AnderSden-
kende Atlcs jchreiben zu können HWiener Kir-
chenzeitung), ein jechs Spalten tanger Artikel
voll der hestigften Schmäyungen gegcn meinc
Person, und diese Zeitnng wurde durch bereit-
willige Colporteure überallhin vcrbreitet. Zch
jchwieg. Mein lliame wurde in scandalisirenden
Anjchlägen an die Mauer gehcftet; ich schwieg.
Hohcr Gcrichtshoft Zch din über die Jahre der
Jugend hinaus, mcin halbeS Leben habe ich als
Arzt der Humanität gewidmet, habe nber
Krankenhäujer, Finbelanstalten und Strasorte
geschrieden, und rch dars, ohne unbejcheiden zu
sein, mir das Zeugniß gcben, stetS das Bcste
gewollt zu haben. Jch habc, als ich die Lüraf-
anstalten betrat, geivußt, anf welchen gefährli-
chen Boden ich mich dcgebe, und dkshalb mir
die str-ngste Objeclivität uud Wahrheitsliebc
zur Richtschnur g-nommen; degn ich wußte,
daß ich mit einer Partei in Conflict gerathen
könnte, die kein Mittel für ihre Zwecke scheut.
WaS ich über die Strasanjtaltcn in Stcin und
Nendorf gejchrieben, sind die perjöntichen Ein-
drücke, wclche ich dort emxfangen; was ich ge-
sagt, ist wahr, jo wahr mir Gott helfe l" Diese
Rede, mit erregter Stimme gesprochen, machte
ans das Auditorium und den Gerichtshos gro-
ßen Eindruck. Der Präsident vcrkünbete, daß
wegeu vvrgerückter Zcit die Vcrkündung.des
UrtheilS auf den 7. Novbr. festgesetz! werde.
Hente ist daS Urthcil erfvlgt: der Angcklagte
wuroe zu eincm Monate Arrest uud -iner
Geldstraje von 20 fl. verurlheilt, wogegen er
jofvrt Berujung einlegte.

Wlen, 8. Nov. Der Preßproccß gegen die
Wiener Mebicinische Wochenschrist, der geftern
mit der Verurtheilung des RedacteurS Dr.
Witlclshöser endcte, hat in den intclligenten
Schichtcn dcr Bevölkerung überauS peinlich
derührt. Es ist dies wiedcr ein Zeichen, welche
übermächtige Gewalt die clericale Partei noch
tiniiicr hal. Der Unistand, daß dcr Ullramon-
tanismus in Ocstcrreich gehegt und gepflegt
wurde, hat nicht zum geringften Theil unjere
jetzige staatliche Ohnmacht herbcigeführt; die
Periodcil, während deren der Kaiserstaat aus
dcr geijligen Vcrsumpsnng sich zn erheben be-
gaim, waren die Regicrungsjahre der beiden
Zoseph, deren srcisinnige Bcslrebungen in dcn
Annalen des Reiches leider nur kurze Znter-
»allen bilden. Trotz dcs liberalcn Rcgimcs, das,
unverbürgten Miltheilungen zufolge, jctzt in
Oesterreich herrjchcn soll, sind die nltramonta-
nen Jdeen und Personen förmlich gefeit, wenn
sic mit den richtcrlichen Behördcn in Berührung
kommeii. Was dcn erivähntcn Proceß spcciell
betrijjt, so ist es mehr noch, als dic Thatjache
dcr Verurtheilung, die UrtheilSbegründung und
die ganze Art d-r Verhandlnng, die so pein-
liche Sensation machen. (Nürnb. Corr.)

Wien, 16. Nov., Abcnds. Fcldmarschall-
Lieutenanl Baron Dallemande, Gouverneur

von Vcncdig, ist, kaiserlichem Befehle nachkom-
mend, zu wichtigen Berathungen hier einge-
troffen.

E n g l n » r>

London, 1k>. Nov. Wir haben erwähnt,
daß Franz Müller in deu letzten Tagen vor
seincr Hinrichtung ein Schriststück abgefaßt und
dem Geistlichcn Dr. Kappel übergeben hat,
und daß cS von Letztcrcm dcn Shcrlsfs cinge-
händigt worden ist. Die „TimcS", welche am
besten davon unterrtchtet zu sein scheint, sagt
von der Schrijt: „Wte es heißt, enthält sie kein
Gcstäudniß, jondern im Gegcntheil fast nur
solche Mittheilungen, wie sie von dem deutschen
RcchtSjchutzverein bercits nach und nach ver-
öffentlichl wordcn sind. Jn Folgc dcS von
Müller abgelegten Geständnisscs halten die
Sheriffs es andcrn in der Schrlft erwähntcn
Personen gegenüber nicht sür recht, davon Ge-
drauch zn machen; ste haben die Blätter ver-
siegctt und werden heute wahrscheinlich dem
Ralhc der Atdermen eine Mitthcilung darüber
machen." Was MüllerS letztc Worte, die an
den ihn begleitenden deutjchen Geistlichen ge-
richtet waren, betrifft, so exijtircn darüber ver-
schiedene Versionen. Nach der „TimcS", welche
den Bericht des Geistlichen wohl am znverläs-
sigsten wiedergibt, hatten die ietzten Worle gc-
lautet: „Jch habc es gelhan." Nach bcm
„Daily Tclegraph" hätte Dr. Kappel darauf
gesagt: „Gott jei Dcincr Seelc guädig", und
Müller noch geantwortet, ehe die Fallthüre
untcr scincii Füßen sank: „Mein Goll, ich bin
dessen gewiß " Der „Daily News" zusolge
lautete das letzte Wort: „Jch habe eS gethan
und niemand anderes", dem „Herald" zusolge:
„Jch habe es gethan, und kcin Andcrer war
dabei betheiligt. — Wie regelmäßig dcr Fall,
flnd untcr dcr zum Anblicke der Hinrichtnng
zusammengeströmtcn Menge einc Unzahl von
Diebereien und Gemeiuheiten verübt worden.
Eine Frau mit ihrem Kinde sind erdrückt, ohne
Lebenszcichen weggeschasst worden; ein iviädchen,
hingestürzl und zerlretcn, liegt aus dem Tvdten-
belte. Es ist dcr Abschaum des rohesten Lon-
doner G-sindelS, welchcr sich zu derartigen bar-
barischen Sccnen als begieriger Zuschauer ein-
findet.

Z t a i i e u

Tu.in, 16. Nov. Zn der heutigeu Siz-
zung der Depulirtenkammer bekämpftc Tecchio
die Verlegnng der Hauptstadt und die Conven-
tion. Ratazzi billigte Beides, als dem Princip
der Nichtintervention huldigend. Die DiScus-
sion wurde heute geschlossen.

R u si l a n d

Von der polnischen Grenze, 11. Nov.
Slus Warschau ist gestern die lliachricht eingc-
gangen, daß es dem Grafcn Bcrg gelnngcn >ei,
die Aufhedung des KriegSzustandes in Polen
vom Kaijer zu erlangen. Es soll dies zwar
znnächst nur versuchsweisc auf einen Monat
geschchen; insofern jedoch während dieseS Zeit-
raumes kcine Störungcn der Ordnung und
keine Excesse vorkommen, soll dcr Kricgsziistaiid
dcfinitiv aufgehoben werden.

Neueste Nachrichte».

Wien, 17. Novbr. (Unterhaussitzung.)
Schindler interpellirt, ob die Regicrung beab-
sichlige, noch in dieser Session ein Ministerver-
antwortlichkeitsgesetz vorzulegen. Der Staats-
minister verspricht demnächstige Antwort. Der
Minijter des Auswärtigen legt den Familienpakt
mit Kaiscr Maximilian von Mexico vor. Der
Finanzminister v. Plener legt den Slaatsrech-
nungsabschluß pro 1862 und das Bndget pro
1865 vor. Die Gesammtcmsgaben betragen
548, die Gcsammtcinnahmen 518 Mtllioncn
Gulden. Zur Deckung des DeflcitS sollen zu-
nächst die Kricgskosten von den Herzogthümcrn
per 18 Millionen diencn, und der Rcst durch
eine Crcditsopcralion gedeckt werden. Auch
mchrere Gejctzentwürfe über Steuerrcsorm wur-
dcn vorgelegt.

Tricnt, 17. Rov. Die „Gaz. di Trento"
meldet, daß gestern früh bei Bagolino in der
Lombardei zwischen Garibaldianern und italie-
nischen Truppen cin heißer Kampf stattgefundcn

hat, bei welchem es beiderseits vicle Todie und
Verwundete gab, und Ivelcher Mlt der Gefangen-
nehmnng eines Theiles und der Zersprengung
des Restes der Bande endigte.

/ä Von der Bergstraße, 9. Novbr.

Auch in Weinheim ist dem Vernehmen nach
einc Petition gegen daS ncue Schulaufstchts-
gejetz zu Stande gekommen, wetche 107 llnter-
schriften zählt. Lon wem diese herrühren,
haben wir nicht erfahren; auch nicht, ob auch
Kindcr unterzeichneii durften, wic bieses viel-
fach bei solchen Petitioncn ohne Anstand hin-
genommcn worden ist. Man lreibt mit dicfer
Sache noch immer Geschästc und hofft immer
noch auf guten Erfolg.

Äus Baden. Der Secretär des Gemein-
deraths iu Karisruhe hat sich vorgestcrn Nacht
durch einen Pistoleuschuß felbst entleibt. WaS
deu allgemctu geachteten Mann zu dieser fchreck-
lichen That verantaßt haben mag, ist jetzt noch
ein Räthjct sür Viele. — Nach dem Evauget.
Verordnungsblatt wurde Pastoratioiisgeijtlicher '
Rudols Gaul in Hirschhoru (Heffen) unler oic
badischcn Pfarrcandidaten aufgenommen und
atS Pfarrverweser nach Oberackcr bestimmt.
Pfarrer Gruner in Königsbach ist zum Camerar
der Diöceje Durlach ernannt. Als Pfarrver-
weser wurden versetzt, die Vicare Böckh von
Schwetzingen nach Schiitach nnd Fescnbcckh
von Hitsbach nach Möuchweiler, Pfarrer Gut
von Lahr nach Weinheim und der Paftoralions-
gcistliche Specht von. Oberlirch nach Lahr.
Gestorben ijt: Pfarrer Hitzig in Brombach.—
Wie dem „Mh. Anz." heule mitgelheilt wird,
ijt Hr. Professor Eckardt in Karlsruhe
jeiner Stelhx als Hofbibtiothekar entfetzk worden.

Nniversttäts - Nachrichten.

Zürich. Unjer Kliniker, Prof. Griesinger,
hat einen Ruf an die Universttät Berlin erhal-
ten. Es joll ihm dajctbst die Jrrenabtheiluug
der Chartte, dte pjychiatrische Ktrnik und eine
ktinijche Abtheilung sür 'Nervenkranke übertra-
ben werden.

vcrmischtc Uachrichten.

schajie gemachl uiid wied Ivcoee Dieiüenden ttoch Zinsen
bezahlcn. Duech eine Iheitweise Aendeeuug dcs Per-
sonato hosft man em neuen Sudjahe besseec Resullaie
zu erzicleu."

Bielefeld, 12. Nov. Heule Mdlgen sand, wie die
„Eldees. Zig." meldet, eine Erploseon des Dampskcssels
der C-mcnIsabrik des Dr. Wach slatt. Leider sind dabei
7 Menschenleben zu beklagen und ein anderer Arbeiier
beftndet fich schwer verlctzl im tirantenhause. DaS Heiz-
rvhr des Kesjets, minüestens 100 Cenlner schwer, lag
eirca 30—40 Fuß von den Lrümmern der Fabrik enl-
serai, die ersi ür oiescnr Sommer neu crbaui Ivurde.
lleber die llrsache läßi sich nvch nichis bestimmen.

Frau Tr ümpy, wclche nach vcrjchiedenenNachrichten
stch ini Zustaud vdliiger Geisteszerrüuung befinden some,
Isi, nach ver „N. Z. Z." im Gegcnlheil den Umständen
angiiiiesjm ganz wohl und g-denkl durch Fleiß und Ar.
beil sich ihcc Zulnnst zu sichern.

* Theaternotiz.

Die Operctte: „Flolle Bursche" wurde am Dienstag
bei gut besetzlem Hause uud nül großem Leifall gegeben.
Die Musik l>t wlrttich allertiebst; schon die Ouverture
wurde mil Applaus ausgeuommen. Von drastischer
Wükung war uuter anderm daS komische Duett der ver«
kteidcleu EugtLnder. Wir gtauben, daß die Opereltc
sicher ein gern gesehenes Repertoirstück bleiben wird
uud dürsle erue batdige Wiederyolung im Jnteresse der

Gottesdienst in Heidelberg.

Am Buß- und Bettag:

Sonntag, deu 20 Nov., Vormtttags 9 Uhr, predigcn:
m der Heitiggeislkuche (Abendmaht): Hr. Stadlpsarrer
^-cheltenberg; in der Providenzkirche (Abendmahl):
Herr Decan Sabel.

Beim Auögang aus der Kirche wird eine Collecte für
Kirchen- und Schulhausbau erhoben werden.
Nachmütags 3 Uhr,

iu der Heitiggeistkirche: Herr Sladlvicar Hönig; in
der Prvvldenzkirch: Hr. Decan Zittel.

Wochengollesdienst in der St. Peterskirche:
Millwoch, 9 Uhr: Hr. Siadlvicar Hönig.

Freilag, 8 Uhr: Hr. Candidal Schaab.

Deutschkatholische Gemeinde.

Sonntag, den 20. Nov., srüh 9 Uhr, GotteSdienst in
unserem Betsaale durch Hrn. Dr. Brugger.
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