Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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W-elbrrgcr Itilung.

27«


Mittwoch, 2:r 'Kovember

* Politische ttmschau.

Die Nachricht, daß in Speyer trotz des förm-
lichsten Regierungsverbotes im neuen Seminar
lustig weiter docirt wird, scheint sich zu be-
stätigen. Jn der Pfalz stehen alle verstandi-
gen Katholiken auf Seite der Negierung, was
man wahrlich nicht auffallend finden wird,
wenn fogar der „Volksbote" in München, der
doch sonst stets bereit ist, für den Papismus
durch Dick und Dünn zu gehen, das Norgehen
des bischöflichen Ordinariats in Speyer aus
sachlichen Gründen nicht für zweckdienlich er-
achtet.

Aus Schlesien wird. der- Wiener „N. fr.
Pr." geschrieben, daß in der Glogauer Affaire
die Untersuchungsacten ohne Urtheil reponirt
worden sind.

In Leipzig hat die liberale Partei bei den
soeben beendeten Stadtverordnetenwahlen mit
einer Majorität von mehr als zwei Dritteln
die sog. „Patrioten" so geschlagen, daß von
der reaktionären Partei nicht ein Einziger in
das Stadtverordneten-Colleg gewählt werden
wird.

Einer Correspondenz deS „Schw. M." zu-
folge wcrden auf Verlangen Oesterreichs die
Zollkonferenzen in Prag, nachdem Preußen die
Zolleinigung im Prinzip zugestandeu hat, in
Kürze wieder aufgenommen werden.

Die „Morningpost" sagt: Da die Besürch-
tung eines europäischen Conflikls. in welchen
England hineingezogen würde, vorüber ist, so
hat die Regierung beschlosfen, große Reduk-
lionen im Budget der Armee und der Marine
für das nächste Zahr zu beantragen. Wir
hoffen, daß die Kontinentalmächte, welche den
Frieden wünschen, dem Beiipiel Englands fol-
gen werden.

Die offizielle Zeitung kündigt an, daß meh-
rere Municipalitäten, namentlich die von Turin,
Ancona, Livorno und Capua, die Steuer für
1865 vorzuschießen befchlosfen haben. Auch
Mailand foll dem Beispiele gefolgt sein.

„La France" meldet, daß Herr Graf Rech-
berg den Winteraufenthalt in Paris nehmen
weroe.

Londoner Nachrichten bringen traurige Kunde
von der Küfte. Von Liverpool, Holyheat, Fal-
mouth und Milforo werden große Verluste ge-
meldet. Schrlffbrüche in Dtenge sind bereits
angemeldet.

Das kürzlich verkündete neue Strafgesetzbuch
schafft die Todesftrafe in Numänien ab.

Nach St. Petersburger Nachrichten beabsich-
tigt die russ. Regierung die Aufhebung des
Belagerungsstandes auf den 1. Januar.

D e u t s ch l a n d.

Karlsruhe, 21. Nov. Das 7. Bulletin
über das Befinden Jhrer Großh. Hoheit der
Frau Markgräfin Wilhelm lautet. Seit ge-
stern Nachmittag steigerte sich das Fieber fehr
merklich; zu gleicher Zeit traten Störungen im
Sensorium auf, welche die ganze Nacht an-
dauerteu und auch diesen Morgen noch fort-
bestehen. Der Zustand der hohen Kranken ift
hiernach leider sehr verschlimmert. Dr. Buch-
egger. Dr. Meier.

Karlsruhe, 21. Nov. Medailleverleihung.
Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben
Sich unter dem 9. Novbr. d, I. gnädigst be-
wogen gesunden: dem Untererheber Gender in
Nenchen, in Anerkennung seiner langjährigen
und treuen Dienste, die silberne Civilverdienst-
medaille zu verleihen.

Dienftnachricht. Se. Königliche Hoheit der
Großherzog haben geruht, den Gehilfen bei
dem großh. Hofforstamt, Karl Erdelmeyer da-
hier, zum Hofforstamts-Expeditor zu ernennen.

KarLsruhe, 21. Novbr. Das heute er-
schienene Regbl. Nr. 66 enthält (außer Per-
sonalnachrichten):

Versüguilgen und Bekanntmachungen der
Ministerien. Bekanntmachungen des großh.
Ministeriums des Jnnern: a) Verordnung:
Die Verwaltung und Verrechnung des allge-
meinen Schullehrer-Wittwen- und Waisenfonds
betreffend. b) Die Ertheilung der Apolheker-
licenz an Karl Schmidt von Karlsruhe betr.

Darmstadt, 19. Nov. Jn der heutigen
Sitzung zweiter Kammer wurde der Grundsatz
auögesprochen, daß der Richter, der durch grobeö
Vcrjchulden eine widerrechtliche Verhaftung einer
Person herbeiführte, zur Entfchäoigung ver-
pflichtet, und daß der L-taat im Falle der Un-
eindringlichkeit den Schadenersutz zu leisten hat.

Hamvurg, 19. Novbr. Gestern hat der
feierliche Einzug der aus dem Felde heimkeh-
renden Oesterreicher in unfere Sladt begonnen.
Die Begrüßung, welche den Truppen wurbe,
war eine begeisterle, überall Hochrufe der Menge,
Tücherschwenken der Damen an den Fenflern,
dazu die schmetternde Musik unserer hanjea-
tischen Dragoner und der dumpfe Klang ver
österreichischen Trommel, das „Hipphipp-Hur-
rah" unfcrer Schiffer und Hafeuarveiter und

das Juchzen der Oesterreicher. Der Einzug
dauerte bis nach 10 Uhr. Um diese Zeit ver-
sammelte sich vor dem Waterloo-Hotel, in dem
Gablenz sein Quartier genommen hatte, eine
große, die breite Straße ganz sperrende Men-
schenmcnge, um der Serenade zuzuhören, welche
dem Feldmarschalllieutenant durch das hansea-
tische Musikcorps gebracht wurde. Als dann
nach dem Spiel des „Heil Dir, mein Oester-
reich l" der Gefeierte auf dem Balkon erschien,
brach die Menge in langanhaltende, gar nicht
endenwollende Jubelrufe aus. Der Durch-
marsch der Oesterreicher wird fast 14 Tage
dauern.

Wien, 17. Nov. Die Summe der Zeich-
nungen für das neue Steueranlehen hat bereits
die Höhe von 27,554,600 fl. erreicht.

Eine Versammlung des „Clubs der Linken"
fand uuter dem Vorsitze des Hofraths Dr. Ta-
schek statt. Circa 40 Abgcordnete waren er-
schienen, daruntcr Giskra, Mühlfeld, Herbst,
Brinz, Kuranda, Berger, Brestel, Schindler,
Mende, Rechbauer, Demel, Winterstein, Eugen
Graf Kinsky, von der Straß, die siebenbürgi-
schen Abgeordnelcn Schuler-Libloy, Obert, Zim-
mermann u. s. w. Es wurden solgende, mit
Ausnahme eines einzigen, von Dr. Giskra for-
mulirte Grundsätze angenommen: Das Abge-
ordnetenhaus erklärt, die Einberufung des un«
garischen und des kroatischen Landlags sei drin-
genv nothwendig, ebenso, daß im lombardisch-
venetianischen Königreiche die Volksvertretung
einberusen werde; das Abgeordnetenhaus aner-
kennt den Werth der preußischen Bundesge-
nofsenschaft, jedoch unter Zurückweisung aller
dem Bunde abseits liegenden Bestrebungen, und
empfiehlt die Nückkehr zu den bundesmäßigen
Verhältnissen, die Neform derselben, die Ab-
lehnung aller Annexirungen; endlich möge die
Regierung den Herzoglhümern zu ihren Nechten
verhelfen; das Abgeordnetenhaus wird die in
'der Thronrede als nothwendig anerkannten Er-
sparungen eindringlich unterstützen, indem ein
ferncreö regelmäßiges Uebcrschreiten von Ein-
nahmen und Ausgaben zum finanziellen Nuine
fnhrt: das Abgcordnetenhaus vcrmißt unter den
angckündigten Gesetzesvorlagen diejenige über
die üliimsterverantwortlichkeil und spricht die
Erwariuug aus, die Rcgicrung werde ihre
dießfäüig gemachte Znsage erfüllen; das Abge-
ordnelenhaus spricht scin Bedauern aus, daß
die Nesullate der geführlen Zollverhandlungen
ihm nicht vorliegen, weil die Ungewißheit dieser
Zustände auf Handel und Jnoustrie verderblich
wirkt (dieser Antrag wuroe von dem Abgeord-
neten Winterstein eingebracht und einstimmig

Nache aus legitimer Eifersucht.

Die Angeklagte ist eine Frau von 34 Iahren;
sie befindet sich auf fretem Fuß und nähert sich den
Schranken mit ziemlicher Faffung. AUein bei der
ersten Frage des Präfikenten erstickt ihre Stimme,
statt der Antwort, in Schluchzen und Thränen.

erhebt thren Schleier und man erblickt ein jugend-
ltches Gefickt mit untadelhaftem Schnitt, einen
kleinen graziösen Mund, eine feingebogene Nase,
im Uebrigen alle sonstigen Anzetchen unverkenn-
barer Schönheit schauderhaft entstellt und verwüstet
durch die Einwirkung einer ätzenden Flüssigkeit.
Die ganze linke Seite des Gesichts tst verbrannt,
daS cine Auge aufgeschwollen und der untere Theil
des Augenlides durch einen Wulst wilden FleischeS
herabgezogen, der sich unter dem Einfluß der Schwe-
felsäure gebildet hat. Dte verbrannten Partien sind
dermalen von brennendem Roth, welches noch be-
sonders absticht gegen die verschont gebliebenen, auf-
fallend weißen Gesichtsthetle.

unversöhnlichen HaffrS zu.

Präsident zur Klägerin: Sie erklären sich als
Civilpartei?

lLlise Giraud: Ia, mein Herr.

Präs.: Welche Entschäoigung verlangen Sie?

Präs.: Setzen Sie sich. (Zur Angcklagten): Sie
sind seit 1851 verheirathet; die ersten Iahre Ihrer
Ehe waren glücklich?

Antwort: Sehr glücklich, mein Herr. (Die arme
Frau bricht wiederholr in Thranen aus.)

Frage: Ihr Mann ist Architekt.. . Jm Jahr
1863 erhielten Sie zwei anonyme Briefe, worin
Ihr Mann der Untreue beschuldigt wurde. An-
fänglich legten Sie auf diese Mittheilungen keinen
Werth; später haben Sie sich gegen Jhren Mann
ausgcsprochen. — Die Angeklagte bejaht.

Fragc: Und was erwiderte er?

Antwort: Er nannte mich eine Thörin, eine
Närrin.

Frage: Also er hat geläugnet. Damals schrieben
Sie an ihn einen Brief, worin Sie die Person,

mit welchcr cr Sie betrog, mit Ihrer Rache be-
drohten?

damals nicht ernstlich gemeint; ich wollte nur meinen
Mann einschüchtern und ihn zur Rückkehr zu mir
zu bewegen suchen.

Präs.: Hat er Ihnen um jene Zett sein Ver-
hältniß mit der Giraud eingestanden?

dafür enthielt. Er versprach mir damals, daS
Verhältniß aufzugeben.

Frage: Und bemerkten Sie settdem eine Aende-
rung in seinem Benehmen gegen Sie? Gab er
Jhncn seitdem mehr Geld zur Führung deS Haus-
haltes, als früher?

Antwort: Leider nein, ich bemerkte keine Ver-
änderung.

Frage: Wie viel gab er Ihnen?

Antwort: In Allem monatlich 120 FrancS.
Frage: Kommen wir zu dem unglücklichen 3. Juni:
Sie sahen Ihren Mann weggehen und drn Weg nach
der Wohnung seiner Maitreffe rinschlagen; fic folg-
ten ihm unvermerkt, und als Ste ihn daS HauS
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