Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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OesterreichS in seiner europäischen Stellung, die
stagnirende Uufertigkeit seiner Verfassungszu-
stände. die Lückcnhafligkeit der Spcciaigesetzge-
bung und dcr Verfall der volkswirthschaftlichen
Zustände fordern in der That, wenn irgenv je,
zur Uinkehr nach Oben und Unten, nach Jnnen
und Außen auf. Belrachten wir zuerst die
Stellung OcsterreichS zu seinen großen Nach-
barn. Wenn ich mich militärisch ausdrncken
soll, obwohl ich kein Stralege bin, so ist
Oesterreich in der rechten Flanke bedroht von
seinem preüßischen Alliirten mit seinen heute
unverkennbaren Annexionsgelüsten, seinen >son-
derbestrebungen, uno im Hintergrunde mit dem
freundlichen Geschenke oeö französischen Han-
dcisvertrages. Jn dcr linken Flanke steht Ila-
lien mit ver Seplember-Cenvcnlion, vor der
Fronle Dcutschland, daö in seinen Hoffnungen
und Erwarlungen. und daruim iu seincn Sym-
pathien herabgcstimmle Deutschlanb, vas auf
Preußen mil Mißlrauen. auf Oestcrreich nicht
mit Verlraucu blickl; hinter dcr Fronle lauert
Nußland. Zn Frankreich und England, fährt
der Nedner fort, habe man sich durch die
plötzliche Hinneigung zu Nußland und durch
das Schaltcnjpiel der hciligen Allianz in einc
schicfe Slellung gebracht. Freilich sei die heilige
Allianz nur ein Schatten; abcr um so mehr sei
es zu bedauern, daß man damit das Mißlrauen
und die Eifersucht ver Westmächte heraufbe-
schworen unv nur die zwcifelhafte Bundcsge-
uossenschaft Prenßens, mit dem man gemein-
schaftliche Sache gegen den Bund gcmacht, ein-
gelaujcht habe. Oestcrreich habe nur einen
wahren Bundcsgenosscn, das nichtpreußische
Deutschland, unv wolle es diese eine werthvolle
BunvcSgenosscnschast retten, so dürfte cs nicht
mit Prcußen gemeinschaftliche VormachtSpolitrk
treiben, vielmehr sei es bcrufen, den Sondcr-
bestrcbungen Prcußens mit Energie entgegen-
zulreten. Weit wichtiger aber noch als jeoe
Bundesgenossenschaft sei die Kräfliguug dcS
StaateS im Jnueren. Der Auöbau der Ver-
fassung sei ein unabweisbares und dringenbes
Erforderniß, die Negierung scheine aber immcr
noch bei ihrer Devise zu beharren: „Wir kön-
nen warten." Wie könne man Ungarn zumu-
thcn, scin altes historisches Nechl aufzugcben für
die Februarvcrfasfung, vie biS jetzl nur eine
Skizze auf dem Papicr sei. Die Ncgelung der
confelsioncllen unv der UnterrichtSverhältnisse,
daö Vcreins- und das Vcrsammlungörccht, die
Geschwornengcrichte, die Aendcrungen deS Wahl-
gesctzes,- namcntlich deö vcrhängnißvollen § 17
der Landtags-Wahlordnung; die Gesetze, welche
nothwendig sinv, nm gegen Uebcrgriffe der Exe-
culive durch hastige Verhängung deö Belage-
rungszustandcs zu schntzen, das Minister-Ver-
antwortlichkeitSgesetz, wo sind sie? Wenn der
Slaalsmiuister ertläre, daß ein Minister-Ver-
antwortlichkeitsgesctz erst dann gcgeben werden
könne, wenn der gesammte Rcichsralh tage, so
möge man zunächst wenigstens die Hindernisse
beseitigcn, welche der effcctivcn Verantwortlich-
keit entgegenstehe. Es bestehe neben dem Mi-
nistcrium ein Staatsrath, der die Wirksamkeit
und die Vcrautwortlichkeit der Minister gera-
dezu lahme, die wiederholten Verhandlungcn

Wir bttten die vaterländischen Blätter um Ab-
druck dieser Mittheilung.

London, den 17. Rovember 1864.

Für den Borstand des deutschen Rechtsschutzvereins
Z. H. Epstein, Schriftführer.

-j- LLterarisches.

Heidelberg, 28. Nov. Von Herrn Kirchenrath
Schenkel ist deffen am 6. November dahier ge-
haltenc Predigt über .Jrsus Lhristus, den etnigen
Grund, auf den wtr unS als Christen stellen",
kürzlich im Druck erschienen. Bei den vielen An-
griffen, welcke der Herr Verfaffer von pietistischer
und ultramontaner Srite ersahren, wird es von
besonderem Zntereffe und erwünsrdt sein, in dieser
unS gedruckt vorliegendrn Predigt den tdeolo-
gischen Standpunkt des Vrrfaffrrs wiederholt ken-
nen zu lrrnen. Zn dem der Schrift beigefügten
Vorwort heißt eS:

„Wiederholter und vkelfachrr Ausforderung zu-
folge übergebe tch hiermit die Predigt, welche ich ^
im Univrrsitätsgottrsdienste zu Heidrlbrrg am 6. !
Novrmber d. Z., nach längerrr Verhinderung durch

des Reichsraths über diesen Punkt seicn spur-
los an der Rcgierung vorübergegangen. Die
Wirksamkeit bes Staat'sralhs zeige sich bei fast
allcn Gelegenheiten. Wenn das ncue Oester-
reich heulc das Ultimatum der sechS Punkte
stellt, und kurz darauf das alte Oefterreich
gcmeinschaftlich mit Nußland hilft, jene welt-
geschichtlich bekannte, düstere Orvnung zu War-
schau wiederherzustellen; wenn das neue Oester-
reich sich an die Spitze der Reformbewegung
in Deutschland stellt, und das alte Oesterreich
mit Preußen abseits des Bundes in den Pro-
tokollkrieg zieht, dann wird man irre, hanvelt
das alte over das neue Oesterreich? (Rufe:
Schr gutl) Wie ist es abcr im Jnncrn be-
stelll? Lwar, was die Justizflege betrifft, so
erkcnne ich an, sie ist an Formen, welche durch
Gejctze gcregelt sind. gebnnden, und sie kany
sich nicht den constitutivnellen Zusländen ent-
sprechend bewegen, weil eben die Gesctze diesen
nicht entsprechen. Abcr ist dic Verwaltung nicht
noch ganz die alte? Da möchte ich sagen, das
alte Oesterreich ist es, welches unter der pro-
tokollirten Firma des neuen Oesterreich die
alten Geschäfte fortführt. (Große Heitcrkeit.)
Wohin hat das geführt? Liud doch schon
Stimmen da, die sagen: Als das Resultat
alles dieses vierjährigen Thuns und Mühens
ist uns Nichts zu Theil geworden, als daß an
Slellc des absolutistischen Deficits das consti-
tutionclle getreten ist. Ueber die Finanzlage,
deren Discussion der Specialdcbatte überlaffen
bleibcn muß, will Redner für jetzt nur das
Eine bemerken, daß die Staatsfinanzen faft das
ganze disponible Capital dcr Jndustrie absor-
biren, daß die Urprovuclion und dic gewerbliche
Jndustrie capitallos neben dem Staate sind und
kanm mehr in der Lage sich befindcn, neben
den schrankenlos wucherischen Leistungcn des
Staates sich das erforderliche Capital zu ver-
jchaffen. Das sei dic hauptsachliche Ursache des
Sicchthums der österreichijchen Production. Der
Ausspruch, wclchen Friedrich der Große vor
beinahe einem Jahrhundert über Oesterreich
gethan, passc noch heute aus seine Zustande:
„Welchen Boden, welche Hilfsquellen besitzt
diejcs unerschöpfliche Oesterreich; scit langen
Zahren arbeiten die Ministcr unaufhörlich an
dem Untergange desselben (Bcifall), und noch
immer haben sie ihren Zwcck nicht erreicht."
(Bcifall.) Abg. Skene verweilt hauptiächlich
bci der fehlerhaften Finanzpolitik der Regie-
rung, bei dem gänzlichen Mangel eincr wirk-
samen Fürsorge für die volkswirthschaftlichen
Jnlercsscn, der seinen Gipfelpunkt darin finde,
daß ein Staat von 27 Millionen nicht einmal
einen Handclsminister und ein Ministerium für
volkSwirthschaftlichc Angelcgenheiten habe. S a-
dil (Böhmen) will den nichtdeutschcn Ländern
Oesterreichs die administrative Selbstständigkeit
bewahrt wisscn. Der Gedankc, diese LLnder
dem Deutschen Bunde einzuverleiben, der hin
und wieder aufgetaucht sei, würde bei den Be-
völkerungen auf unbesiegbaren Widerstand sto-
ßcn; diese wollten nur österreichisch, nicht deutsch
sein. — Die Geueraldebatte wird hierauf ge-
schlossen.

Wien, 2. Decbr. Die „General-Corresp."

Unwohlsein, gehalten habe, dem Drucke. Zn der
letzten Zeit vielfach Gegenstand der Kanzelpolemik
grworden, habe ich dieselbe, als unter allen Um-

und Erlöser bekannt, der seit meiner öffentlichen
Wirksamkeit im Dienste der Thrologie und Kirche
dte Kraft und den Trost meineS äußern und in-
nern Lebens bildet. Zn allem Wesentlichen
tst meinStandpunkt in dieserBeziehung
heute noch ganz derselbe, wie vor14Zah-
ren bei metnem hiesigen Amtsantritte.
Unterdessen fahren meine Widersacher dennoch fort,

Anklage ab- und zurechtgewiesen, jedes Mittel zu
ergreifen, um mich amtlich und moralisch zu ver-
kktzern; fie spiegeln zu diesem Zweck den Unwiffen-
den vor, daß tch mit dem Glauben der Kirche
gebrochen hätte und im vollen Abfalle vom Lhrt-
stenthume begriffen sei! Ein solches Verfahren wird
von dem unbestochrnen Gewiffen der Gemetnde und
dem heiligen Gott, der da rrcht richtet, sein Ur-
theil empfangen; ich schwetge. Wrnn dic unlau-

meldet: AlS heute Vormittag der Kaiser vom
Lustschlosse Schönbruun nach der Stadt fuhr
und gegcn 9 Uhr in die Nähe des Hotcl Krenn
auf der Mariahilfcr Hauptstraße gelangte, ward
ein auf dem Wege liegendes kupfernes Zünd-
hntchen, sogenanntcs Frictions-Brandel, durch
das Darüberfahren eines Wagenraoes entzün-
det und detonirte, ohne irgend welche Bcschä-
digung herbeigeführt zu habcn, mit cinemKnall.

TlZien, 3. Dec. Jn der hcntigen Sitzung
des Unterhauses stand der Absatz 13 dcs Adrcß-
entwurfs auf der Tagesordnung, welche aus-
spricht, das Haus gewärtige die dcr Negierung
nach der Verfassung oblicgcnde Darlcgung der
Grünoe und Eriolge .des BclagernngSzustandes
in Galizien. Dcrselbe wuroe angenomlnen,
ungeachtet der Polizeiininister vorher die Gründe
und Erfolge im Einzelnen mitgethcilt, sowie
erklärt hatte. der Bclagerungszustand könne ge-
gcnwärtig nicht aufgchoben werden, dann un-
geachtet lebhafter Einwendungen der Ministcr
v. Lasser und v. Schmerling, welche die Pflicht
der Regierung, eine solche Darlegung auf Grnnd
des § 13 der Verfassung zu liefern, bekämpflen.

Frankrerch

Pnris, 2. Dec. Nach der „France" ift
der der amerikanische Gesandte von Paris, Herr
Dayton, gestorben. Nach der „Patrie" hält
die Bcsserung in der Krankheit des Hcrrn Moc-
quard nicht an; sein Zustand ist sehr beun-
ruhigend.

S ch w e t z.

Aus der Schweiz, 3. Dec. Laut Be-
richt des schweizerischen Consuls von Genua
sind die Leichen des Hcrmann Demme und der
Flora Trümpy als solche anerkannt worden.
Dagegen habe der Tod nicht durch Verblutung,
sondern durch Vergiftung stattgefunden. Eine
gerichtliche Untersuchung sei angeordnet.

Z t a l i e n

Turin, 1. Dcc. Scnat. Die DiScussion
über die Berlegung der Hauptstadt wird fort-
gesetzt. Gcneral Durando sagt, daß der Vcr-
trag durch die Näumung Noms daS haupt-
sächlichste Hindcruiß bcseitigt, welches sich der
Lösung der rümijchen Frage entgegenstellte.
Tecco und Pareto sprachen gegcn den Gesetz-
ennvurf. Dcr Ministerpräsidcnt bekämpft die
Argumente und die Angaben Parclo's.

— 2. Dec. Die ofsiciclle Zeitung von Ve-
nedig veröffentlicht cin Circular des Gouver-
neurs des lombardiich-veuetianijchcuKöuigreichs,
des Ritters vou Toggeuburg, das au oie Pfarrer
uud an die Repräjentanteu der Stadtverwal-
tung gerichtet ist. Nachoem das Circular die
Aufhebung des Belagerungszustandes im Friaul
in Folge der Versprengung der Bandeu ange-
zeigt hal, sagt es, daß aus der Untersuchung her-
vorgeht, oaß das verbrecherische Untecnehmen
von Aufwiegelungen herrühre, die von Außen
her gekommen seien. Das Circular empftchlt
den Repräsentanten der Stadtverwaltung an,
die Bevölkerung gegen ähnliche Versuche zu
schützen und mit Festigkeit gegen die revolu-
tionären Tendenzen auszutreten. — Die „Opi-

tern Gewässer fich noch mehr verlaufen haben, dann
werde ich — wie ich hoffe bald — reden.

Diese Predigt erwartet nicht, auf voreingenom-
mene Gemüther zu wirken. Das Ohr der Partei
hört nicht auf die Stimme der Wahrheit. Sie
wendei sich an unbefangrne, lautcre Herzcn und
Grwtssen. Sie mögen dann urtheilen, ob den
Dienern deS Herrn der Mund geschloffen werden
soll, die Zhn und sein Evangelium in dieser Weise
verkündigen."

Am 23. Nov. wurde in bem gräflich v. Obern-
dorff'schen Zagdbezirke Neckarhausen von etnem
Zäger in der Früh auf dem Anstande ein weißer
Fuchs mit schwarzen Looser geschossen, der fich noch
besonders durch seine äußerst feinen Haare und
aufsallende Größe auszeichnet.

Zn Berlin hat sich etn nachahmungswürdiger
Verein gebildet, nämlich ein Baarzahlungs-
verein, desscn Mitqlieder sich verpflichten, vor-
züglich Handwerker-Rechnungen sofort zu bezahlen.
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