Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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Utidrlbtrgtr Ztiluilg.

N:! 288.


Mittwoch, 7 December


Auf di- „Heidciberger
Zcitung" kann man sich
noch für den Monat
Deccmber mit 18 Kreuzern abonnireu bei allcn
Postanstalten, den Boten und Trägern, sowie
der Expedition (Schissgasse Nr. 4).

jj Die »erhängnißvolle Besetzungs-
frag«

inBetreff dcr Elbherzogihümer ist noch iminer
daö Ercignitz des TageS. Sie kommt jetzt
enotich dort zur Verhandluiig, wo sie schon
längst aus freieu Stücken und ohne Äbwarluug
der neuestcn Berwickclung halte in Angrisj ge-
nommen werden jollen — am BundeSiage.
Sachsen hat dieser Behörde die Entschcioung
darübcr anheimgestelll, ob sie ihre» Execulions-
Beschlust vom vorigen Jahrc für crlcdigi, den
der sächsischen Regierung erlhcilten Austrag für
ersülll uno jvniit die Zeit sür gckomincn er-
achtel, wo Sachsen (und folgcweije auch Han-
nover) ihrc Truppen aus Holstein znrückzu-
ziehcu habcn"). So hat der Streit wenigftcns
aufgchört, gewisserinatzen eine Privatsache zwi-
schen den Regierungen von Preußcn einerjeitö
und Sachsen und Hannover audercrseitö zu
sein; er ist zu einer Bundesjache geworden.
Eö ist dicö nameutlich deshalb höchst wichtig,
weil von diesem Standpunkte aus cs möglich
jein wird, an die Slelle der Besetzungssrage,
die offcnbar, allen Umständen nach, eine secun-
däre, ncbensächliche ist, die eigentlich entschei-
dende und hauptjächlichc Frage zu setzen, oie
Erbsolgcfrage odcr dic Frage oer endlicheu
staallichen Constituirung der Herzogthümer.
Dcun das ist der eigentliche Kern oer «ache.
Wäre crst ausgeinacht, wer in oen Herzogthü-
mern regieren solle und uiiter wclchen Beoin-
gungen, so wäre cine zwcite Besetzung dcrselbe»
von keiner Seiie her weiler nölyig.

Würde dicje Fragc am Bunde so gestellt, so
müßte Preußen mit seinen eigcntlichen Nn- und
Absichten hervortretcn und könnte uicht wcitcr
eine Besitznahme der Herzogthümer sür sich
beaujpruchen. Daß Preußen an der aussallen-
den Behauptung, die Hcrzogthüiner jeien er-
oberte Läuder und unterlägen dahcr der srcicn
Versügung ihrcr Erobercr (wie dieö iu dcr
ossiciöfcn preußischeu Presse schon vcrsucht wor-
den ist) wirklich sollle festhallen können, ist
doch kaum glaublich. Prcußen mag dagegcn
ossen heraussage», waö eS in jeinein uiid


DcutjchlandS Jnteresse, oder was es alS Ent-
jchädigung sür, jeine Opfcr zur Besreiung jener
Länoer in Bezug aus dieselben soroern zu dür-
scn glaubt, und oie öjsentliche illieinung Deulsch-
lands wird ihm eineu Antheil an der zukünf-
tigen Bestiminung ocr Herzoglhümer nichl vor-
cnthatten, z. B. Besetzung der Bundesfestung
Reudsburg, Uederanlwortung des Kieler Buu-
deshasens rc. rc. Würdc Preußen solche uud
ähnliche (nicht zu weit hierüder hinausrei-
chende) Forverungen am Bundestage stcllen,
so würoe ihm diejer dieselben wayrscheinlich
nichl vcrweigern, edenso wenig die Landes-Ber-
trelung vou Schlcsw.-Holst."). Warum nun
— wenn man anders ehrliche und maßvolle
Absichten hat — nicht in gegenseltigem Ent-
gcgenkommen aus dem Boden einer rechtlichcn
Abfinoung nach Maßgabe der allgemeinen Zu-
teressen Gesammt-Dentschlanos eine Ausgleich-
ung versuchcn — stalt die Sache auf die Spitze
zn treiben und durch den Trotz auf das blogc
Recht des Stärkern oder die leichtfertige Her-
ausforderuug cines Bürgcrkriegcs dem Aus-
lanoe cin schmachvollcs Schanspiel dcr inneren
Zerrissenheit, den eigenen Völkcrn aber ein
jchiimmcö Beispicl der Mißachtung von Rccht
und Gesetz u»o dcr Anmaßung der rvhcn Macht
zu gcden ?

* Politische Umschau.

Zn der gestrigen Bundestagssitzung wurde
der auj Zurückziehung dcr ExecutionStrnppen
lautende österreichijch-preußische Autrag inil 9
gegcn ö Slimineii angenoinmen. Eine Stimme
enlhielt slch dcr Abstiinniung. Oesterreich und
Preußen erklärten alSdann fofort, daß fie die
Berwaltung dcs Landes durch ihre Commissäre
besorgen lasscn würden.

Ueber dic Forderungen Bismarcks in Betress
der Äldherzogthümcr schreibt der Wiener TimeS-
Correspoiident FolgendeS: Derselbe verlangt
1) Militärconvention; 2) Berechtigung Preu-
ßens, in Schleswig-Holstein Malrosen vermit-
tclst dcr Conjcriptivn auszuheben; 3) Ueberlassen
deS Hascns von Kiel an Preußen; 4) diploma-
tische Vertretung der Herzogthümer durch das
Letzterc nach Außeu; ö) ausschließliche Anord-
nung und Leitnng bez. dcs Roro-OjtscekanalS
durch Prcnßen. Damit wärc die Sclbjlstänoig-
keit der Herzoglhümer vollständig gcopscrt.


D!e „Patrie" meint: Man würde Preußen»
Pläne aus die Herzogthümer billigen können,
wenn die Bcvölkerungen in dcn Herzogthümern
besragt und Nord-SchlcSwig wieder an Dänc-
mark auSgeliefert würde.

Dcm Wicner „Bvtschaster" zufolge beabstch-
tigt die russische lticgierung eiue weilergehende,
möglichst vollständige Emancipation der katho-
lischen Kirche Polens von der römischen Lei-
tung; die l-tztere ioll Lhnlich wie in Rußland
eincr LandcSiynode übertragen werden.

Eine Erkiärung von Seitcn RnßlaudS, wel-
cheS die Vcrsolgung der Oldenburgijchcn An-
sprüche jetzt definitiv aufgibt, verspricht jeder
buudeSmäßigeu Entjcheidung über die Erbsolge
beizupflichtcn.

„Reuter's Office" theilt mit, der König von
Gricchcnland habe den Eid auf die Verfassung
geleistet und die Nationalvcrsammlung, da deren
VcrfassungSarbeiten beendigt, aufgelöst. Jn
Athcn herrsche allgcmeine Begeisterung.

Aus Tunis meldet die „Patrie", daß von
Neuem im ganzen Littoralc eine große Auf-
regung herrsche. Mehrere von Malta gekom-
mene cnglische Schific kreuzten an der Küste.

Der Dampfer „Brasilian" ist am 1. d. von
Tricst mit 1100 mexikanischen Frciwilligen ab-
gegangen.

Zur Lchleöwig-Holsteitt'schen
Eache.

Hamburg, 4. Dec. Die „FlenSburger
Nordd. Ztg " hört, die Bundescommissare HLtten
das Enttassungsgesuch der holsteinischen Landes-
regierung angenommen und die Absendung frag-
licher Ueberschüsse direcl verfügt.

Aus Schlcswig Holstein. Die Kieler
Ze'itung bringt einen geharnischten Artikel gegen
die preußische Negierung. Laut dessclben ist die
Execution nicht erlcdigt,«und Sachsen und Han-
nover haben gar nicht das Nccht, ihre Truppen
zurückzuzichen. Zuletzt wird damit gcdroht,
daß Vchleswig und Holstein „endlich einmal
die Entscheidung selbst in die Hand nehmen."

Deutschland.

Karlsrube, 5. Dcc. Heute Nachmittag
2 Uhr 5 Minuten ist Jhre Äroßherzogliche
Hoheit die Frau Markgräftu Elisabeth Ale-
xandrine Constanze, geborene Hcrzogin
von Würtembcrg, Wiltwe des hochseligen Mark-
grasen Wilhelm Lnowig August von Baden,
im 63. Lebensjahre Jhrem schweren Leiden
erlegen.

-wet Eisenbahnzüge geplündert.

AuS Newyork 8. Nov. wirb folgende, tn den
Annalen des Näuberwcsens unerborte Geschickte
mitgetheilt: Hundertundfünfzig Jndividuen, größ-
tentheils bekannte Spieler und Gauner, begaben
fick von Jcrsry-E.ity zu elnem Borcrkampfe, w'lcher
an dcr Grenze drr Staatcn Eonnecticut und Ncw-
york stattfinoen sollte. Der Zug, in wclcbem sie

andern circuliren. Der Train war sckon scit eini-
gen Stunden in Bcwrgung, als auf eln gegebcneS
Signal die „Sportmänner" sich auf die Rcisenden
beiderlei Gcschlccktes siürzten und sie ausforderten,
das Geld und die Kostbarkeiten, welcke sie bei sich
hatten, ausznliefern. Einige, welcke widerstehrn
wolllen, wurden in der brutalsten Wrise mißhan-
delt, wobri mehrere gesährlicke Wunden erhielten
und zwei Reisende todt auf dem Platze blieben.
AlS der Zug in Midd rtown anhielt, machte ein

auS drr rntgegengcsctzten Richtung kommender Zug
Halt. Die Gauuer überfielcn nun auch die Passa-

des KampfeS. Die Frauen, welcke sick in den
Waggons brfanden, hatten die sckmählickste Be-
handlung zu erdulden. Der Zug sctzte sick mittler-
weile nach seipem Brstimmungsorte wieder in Be-
wrgung. Ein jungrs Ehrpaar war bisber wie
durck ein Wundrr der Gewaltthäligkeit der Ban-
diten entgangen. Zrtzr wurve daffrlve brmerkt,
der Mann wurde crgriffen, ausgcplündrrt und
auS dem Waggon hiiiausgrworfcn. Sciiier Frau
waren nock grbßere Qaaleu vorbehalten. Dic Lam-
pcn wurdrn ausgelösckt uno während ein Thcil der
Banntcn verhindcrte, daß man ihr zur HUfe kam,
verübten die andern an ihr das sckändlickllc Atien-
tat. Unterdessen hatte der Tclegraph nack Jcrscy-
Lity und nack Ncmyork die Miss'thaten der Banoe
gcmeldct, und der Znglührer crhielt auf demsclbcn
Wcge den Befrhl, sckleiinigst zurückzufahren und
in keiner Station anzuhairen. Eine anschnlicke
Polizeimackl b gab sick nack dem Bahnbofe von
Zersiy-City, üm die Banditen beim AuSstcigen in

Empfang zu nchmen. Aber dirse hatten währcnd
der Fahrt durch einen Tunnel die Bremsen ange-
zogen, wodnrck der Zug so langsam ging, daß sie
aus den Waggons konnren. A!s der Tratn in der
Station ankam, konnte die Polizei nur noch un»

compromittirt crsckeint, wurdc gliickfalls verhaftet

Man sckrctbt der Preßb'irger Zcttnng auS Leo»
poldstadt: Zn der Sirafaiissalk ke- Festung Lco-
poldssadl rreignrte rs sick kü'Zicb, d->ß, nackdrm

crmorden wolltcn" Z»m Glnck crfuhr dicS noch
reckizeiiig der Dircctar, w. lcker sofort dcn ihm zur
Di-position gcstclltcn Oisicier mit zwölf Mann
Miluär vor daS Arlcitszimmrr der Renitrnten
a-'fstcllie, fick ftlbst abcr sammt dem Lieutenant
W —l in den von 34 dcr incorrigibelsten Räuber
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