Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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R» jOt» ' Donnerstag, 2S. December 18k t.

* Politische Nmscha».

Das offtciclle „Dresdeiier Zo'urn." schreibl
über deu neuen Triasplan: „Es ist richtig,
daß die Herren Slaatsminister v. d. Psordteu
und v. Beust eine Zusammenlunfl in Bamberg
gehabt. Was sie besprochen, wird jedoch dort
wohl nicht zur K'enntniß dritter Personen ge-
langt sein; jedenfalls ist setbstverständlich, daß
bie Minister zwcier Staaten nicht die Errich-
tung eincr Trias beschließen können.

Eincr Correspondenz der „jkarlsr. Z." aus
Wien zusolge habe Rußland Bcranlaksung ge-
nommen, an einigen nahe befrcundeten uud
verwandten deutschen Höfen von jeder Bethei-
ligung an etwaigcn Vcrjnchen zu cinem engcrn
Aneinandcrschließen dcr dritten deutschen staa-
tengrnxpe, weil die Constitllirnng cines solchcn
Vcrbandes nnter dcn gegebcnen Umständen
jedenfalls von der einen dculschen Großinacht,
vielleicht aber von allen bciden als ein Act
fcindseligcr Demonstration gedeutet werden
würde, in sehr dringcnder Wcise abznrathen;
nach dcr andern schwedten Verhandlnngen zivi-
schen St. PeterSbnrg und Berli», wclche dic
Erweiterung und Bcfestigung dcs preußischen
Machtgebietcs nördlich der Elbe bereils zur
Voraussetznng und zur Grundlagc hätten.

Ucber die Entfcrnnng deS Herzogs ans Hol-
stein haben bercils Verhandlungen zwischen
Berlin nnd Wicn stattgcsnnden. Man schreibt
darüber dcr „8.- und H.-Ztg." auS Wien:
„E§ wird versichert, daß Preußen bereitS zur
Erwägung gejtcllt habe, ob es nicht entsprecheud
nlld gemisscrmaßen selbst cinsach schicktlch seiu
würde, wenn der Hcrzog von Angustenburg
biS dahin, wo über die Erbfolge in SchleSwig-
Holstein einc definitive Entscheidung zctrossen
worden, das Land verlasse. Es wird hinzn-
gesügt, daß Oesterreich, srcilich in der Erivar-
tung, daß ciuerjeits die Hcrzoglhiimcr dcn Ber-
hältnissen die gebiihrende Rechnnng zn tragen
d-n richtigen Takl hätten und daß andercrscits
dcr Hcrzog sctbst Allcs vermciden wcrdc, was
in agitatorischerRichtung gedeutct werden könnte,
sosort jcincr Ucberzengung AuSdruck gegeben
habe, daß es irgendwclchen bcjtiminten Schrilt,
dcnselben zu cincm Wechscl scines DomicilS zu
veranlassen, als in der Sachlagc begründct nicht
zu erkenncn vermöge."

Dcr Finanzministerialrath ». Pfretzschucr ist
zum bahcrijchenHLNdclsminister crnannt worden.

Dcr „Temps" äußert u. A. üb'cr die rö-
mische Encyclica: Gerade dic wahren Katho-
liken mnßten am stärksten crschrcckr sein, als
sic das Aktcnftnck jahen. „Dcr heilige Stnhl

verurtheilt im Einzelnen und Ganzeii AlleS,
was die moderne Gesellschaft gethan und ge-
dacht hat seit dem Mittelaltcr, vom Sociatis-
mus und Commnnisnius herab, bis zur cin-
sachcn Freiheit der Gemeinde und bis , zur
schändlichen Lehre Dcrjenigen, die sich nicht
schamen zu behaupten, daß die Gcsctze der
Kirche sür die Gewissen erst dann verpflichtend
seien, wenu ste durch die bürgerliche Gewalt
promulgirt worden wären."

DaS „Diritto" rnft jetzt ichon aus Veran-
lassung über das xSpstlichc Rnndschrciben aus:
„Es ist angenjcheinlich, daß sich Ztalien mit
dem Papste nicht verständigen kann, und daß
jeder Versöhnungsversuch inskünstige nnmöglich
ist." — Gleich unzusried-n äußert sich die
„Jtalie".

Es soll nächstenS ein Decret deS italienischen
Kriegsministers über die Reorganisation der
Kriegsvcrivaltnng erscheinen, bei welcher znr
Erzielung von bedeutenden Erjparnissen das
Personal vermindert werden joll.

DaS „PaiS" meint, daß wenn bie Königin
von Spanien in dcr Thronrede L>t. Domingo
gar nicht erwähnt hade, -s dcnnoch fcstftehe,
daß Wpanien dicsc Besitznng aufgcbe. Die
Königin nnd dic Minijter sollen darüber ci-
nig sein.

Das Paquelboot „HydaspeS" ist in der
Mecrenge von Rhio zwischen Singapore und
Batavia zu Grunde gegangen. Mannschast und
Laoung wurdcn gereltet.

Z»r Schletzwig-Hotstein'skhen
«ache.

Altona, 23. Dec. An den Straßeneckcn
AltonaS waren heute Nacht zahlreiche, gegen
etwaigc preußischc AnncxionSgelüfte gerichlete
Plakatc angeschlagen wordcn, welche die Polizei
Morgens cnlfcrnte. (A. M.)

Beriin, 27. Dcc. Die „Nordd. Allg. Z."
zcigt an, daß Hr. v. Lalan znm Gesandten in
Brüsscl und der bisherige Gesandte in Weimar,
Hr. v. Heydcbrandt, zum Gesandlen in Kopen-
hagen eruannt sind. Weiler bemcrkt das ge-
naunte Blatt, daß der österreichische Civilcom-'
missär in ben Herzogthiimern, Hr. v. Lederer,
von seincr angedlichen Abberufnng Nichts wis-
sen soll.

Bcrlin, 27. Dcz. Der preußische Gesandte,
v. Werther, hat in Wieu eine pccußische,Nvte
überreichk, worin das Festhaltcn PrcnßenS an
jeiner bisherigen (verzögernden) Politik in der
schlesiv.-holst. Angelegcnheit nnd die vorläufige
Ansrechterhaltnng des Jnterims betont wird.

Oestcrreich soll eine zustimmende Antwort ge-
geben haben. — Oesterreich und Preußen haben
sich für Eventualiiäten, welche sich anS den
Zuständen KurhessenS ergcben könnten, geeinigt.
— Die Mittelstaaten haben die Absicht, beim
Bund dcn Antrag zn stellen, daß die hoistei-
nische Stimme iiiterimistisch an den Vertrcter
Badcns, v. Mohl, übertragen wcrde. (S. At.)

Deutschland.

Karlsruhe, 27. Dee. DaS h-ute er-
schienene Reg.-Bl, Nr. 73 enthält: 1) Dienst-
nachrichten (außer schon mitgetheilten): S.K H.
der Großherzog haben Sich gnadigst be-
wogen gesunden, den Justizministerialrath v.
Sechfriev, den Kreisgerichtsrath Sachs und den
Qberamlsrichter v. Vincenti zu Mitgliedern des
Kriegsgerichts zu bestimmen; den Revisor Mayr
bei der Oberrechnungskammer zum Oberrevisor
zu ernennen; den Verzicht des Hauptlehrcrs
A. Hug in Mannheim auf die ihm übertragene
Lehrstelle an dem kathol. Schullehrer-Scminar
in Nreersburg zuzulassen. 2) Bekanntmachungen
des großh. Zuftizministeriums und des großh.
Ministcriums d. I.: a. die Vorladung badi-
scher Staats-Angehoriger als Zeugen in Unter-
suchungssachen vor großh. hcssischen Gerichten
und b. den Stand der Generalbrandcasse im
Jahre 1863 bekrefsend.

Aus dem UnterrheinkreiS, 23. Dec.
Der bad. Landesztg. lvird aus verlässiger Quelle
geschrieben, datz die katholische Geistlichkeit Ba-
dens demnachst wieder mit einer Wvhtthat
eigener Ärt bedacht werden soll. ES habe sich.
nämlich in Freiburg unter den bekannten
„Strengkirchlichen" dort ein neuer Vercin ge-
bildet, dessen Satzungen ctwa dahin lautcn:
Jeder Geistliche verpflichtet sich, 1) die Hälfte
seineS Einkommens sür „gute" Zwecke zu ver-
wendcn, 2) kein Wirthshaus mehr zu besuchen,
3) aus össcntlicher Slraße keine Cigarre mehr
zu rauchen, 4) alle acht Tage einem bcnach-
bartenGeistlichen zn beichten, 5)kein „schlechteS"
Blatt mehr zu halten oder zu lesen, sondern
nur ganz entschieden „gule", z. B. den un-
vermeidlichen Bad. Beobachler, das Mainzer
Volksblatt, den Zeit- und Ewigkeitskalender
und das ABC von Alban Stolz und dergl.
Der Eintritt steht jevem Geistlichcn frei —
vor der Hand nämlich, wohl gemerkt! Auch
Laien können Anfnahme ftnden, doch selbstver-
ständlich eben nur ganz entjchieden streng kirch-
lich gesinnte. Als Grünver dieser seltsamen
Bruderschaft wird Alban Stolz gcnannt. Wir.
können nicht umhin, der katholischen Geistlich-

Eme Sräutigamsfahrt.

„Vier Uhr, Sir'."

„Ia, ja," antwortete ich dem Aufwärter, noch
halb im Schlafe.

„Sie müssen aufstehen, Sir!"

„Gleich!"

„Was gethan wcrden muß, wird gethan, .Sir!"

Ich fühlte, daß mir die Decken weggxzogen wur-
den, sprang aus dem Bette und sah mich in dem

sich wie der Dampf aus einer Locomotive. Der
Wärter erschten mit einer wie cin Burnus umge-
hängten Bettdecke.

„Steben Grad Kälte, Str!"

„O, ganz bestimmt achtzehn!"

„Rtzhtig; Sie rechnen nach Reaumur, ich nach
Fahrenheit. Hier ist die Rechnung!"

Ich zahlte. Der Kellner sah aufmerksam seinen
Anthe'tl an; er war offenbar unzufrieden.

„O, Sie werden eine schöne Tour haben! Ich
kenne dke HtghlandS, ich! Ich machte metn Trsta-
ment, bevor ich abführe."

„Ich nicht!" antwortete ich trocken und kleidete
mich schleunigst an. „Mag's immerhin kalt sein;
für den Winter ist daS Wetter capital. Keine
Spur von Schnee. . ."

„Ah, Sir! DaS ist lustig! Glauben Sie, Sir,
daß die letzten Avenuen von New-Aork bis nach
Westpoint oder noch drüber hinaus reichen? Nicht
rtne Krume Schnee; ah! das ist lusttg!"

Ich nahm meinen Reiftfack, brannte eine Ci- !
garre an und kam auf dte Straße. Es war noch i
finster; die Luft. schien so dick, als habe sie die i
Absicht, sich von den New-Aorkern zum Frühstück !
aufs Brod stretchen zu lassen. Die dunkelgrauen !
Mensckengestalten gingen cklle Trab und Galopp. i
Dte Straßenlocomotive kam angeläutet. Ich stand s
still, sicherte meine Nase durch Reiben mit meinem ^
Pelzhandschuh und lief nach der Station, wo ich j
mich einsetzte. In füns Minuten war ich auf dem i
Perron der Hudsonbahn.

Allenthalben bitter kalt. Ich suchte mtr eine j
Taffe Bouillon zu erkämpfen und rrhielt keine.
Kaum, daß ich rinen Mint-Iulep erschnappte, der !
mir außerorvrntlich übrl bekam. Es war mir ganz ;
wüst im Kopf.

„He, Iunge, wohin willst Du?" fragte mich cine
bekannte Stimme, und mein Freunb, der Bahn-
conducteur Herzer, stand tn völlig grönländtscher
Verpuppung vor mir.

„Nach Hudson City."

„Nach dem Bräutchen? Telegraphtre einen schö-
nen guten Morgen hinüber, und lege Dich wieder
in Dein Bett — wir werden einen scheußlichrn Weg
haben. Dic Latskill-MountaiuS find schlimmer, alS
der Harz, wenn sie thren Kopf aufsetzen."

„Jch lasse mich heute noch trauen."

„Potztausend! Das ist eine andere Sache. Ich
gratulire, und wünsche yur, daß wir unterwegS
nicht liegen bletben. Und was sagt Freund Sim-
mers?"

„Seine Ränke sind dasmal zu Ende."

SimmerS war metn Nebenbuhlcr. Er war auf
dem Punkte gewesen, sich mtt Anna ColinS, meiner
Braut, zu verloben, als mich der Zufall nach
Hudson City und in daS Haus von Mr. LolinS
führte. Anna gab mir entschieden den Vorzug
vor ihrem früheren Bewerber, und nach etwa vier
Wochen erhielt Simmers die sehr gcmessenc Er«
klärung von Mr. ColinS, setne Besuche etnzustellen.
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