Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

Seite: 540
DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1864a/0540
Lizenz: Public Domain Mark Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
N: 28«


Eonutag, 4. December


L8«4.

^ Auf die „Heidelberger
Zeitung" kann man sich
noch sir den Monat
Derrmber mit 18 Kreuzern abonniren bei allen
Postanstalten, den Boten und Trägern, sowie
der Expedition (Schiffgasse Nr. 4).

* Polttische Uiiischau.

Eine »om 1. Dec. datirte Wiener Depesche
der „Times" sagt: Nachdem die östcrrcichische
Vermiltlung angenommen worden, verschwindet
die Gefahr einer Collisjion der preußijchen und
der BnndeStruxxen in den Herzogthnmcrn.

Oestcrreich will nach einer Correjxondenz
der „K. Z." bei dem Conflict zwischen Preußcn
nnd den Erecutionsregiernngen von Sachsen
und Hannovcr eine» VermittlungSvorjchlag
machen, nach welchem dcr Bund die von ihm
in Holstcin verfügle Exccution jctzt alS er-
loschen crklärt und dcmgemäß die mil ihrem
Vollzug beanstragt gewessnen Bnndestruxpen
abrnft, auch dieselben nicht unter vcränderlcm
RechlStitel dort stchcn läßt, daß cr aber gleich-
zeitig dem betrcffenden Bundesbeschluß eine
Klausel einverlcibt, in wclcher cr bczüglich der
Mitwirkung bei der weitern Behandlung der
Herzogthümer < Frage ausdrücklich uud sormell
seine volle Competenz wahrt.

Bei den offenen Anncxionsbestrebungen des
xrenßischen Premicrs taucht wiederholt das Ge-
rücht auf, Hr. v. Bismarck habe sich mit Na-
polcon bercitS abgesunden, und dcm sranzöstschen
Kaiser -inc Grcnzregnlirung vorgcjchlagcn. Was
aber besonders auf ein derarligcS Abkommen,
welchcS wir übrigenS noch keincswegs als fest-
stehend betrachten, deutct, sind wiederholt, na-
mentlich auch in französischen Blättcrn enthal-
tene Nachrichten, dah der Plan dcS AbtretcnS
eines in Deutschland gelegcnen Steinkohlcnbas-
sinS an Frankreich sehr ernst gcmeint sei. Slach
Auflchlüfjen, «clche man sür genau hallcn darf,
schrcibt der „Zndustriel Alsacien", bcsitzt dicser
Plan ebcujowohl cin großeS industriellcs Jn-
tercsse als eine gcwisse xolitijchc Wichtigkcit.

Die in Leixzig erschcincndc „Deutsche All-
gemeine Zeituiig" ist auf Grund ihrcr gericht-
lichen Verurthciluug im xrcußischen Siaat vcr-
boten wordeu.

Jn Kurzcni soll, wie die „N. F. Z." mcldet,
cine Vcrjamiiiluiig der venelianischen Emig-
ranlen zu Mailand stattfinden. iviau beab-
sichtigt cin Centralcomite zu bildcn. Enlstcht
ein auS Actionsniännern zusammengcsktztcS Co-
mite, so werden dadurch der Regiernng große
Verlegenheiten bereitet; sie würde kaum im

Stande sein, Freischaarenexxeditionen nach dem
Venelianischen zu hindern, jowie anch anderer-
seitS eine Erneuerung der Erhebungsvcrsnche
zum Frühjahr stattfindin dürfte. Garibaldi
will um jedcn Preis ein solches Comite zu
Stande bringen und läßt nach dieser Richtung
hin durch sein.slter «Zo Hrn. Cairoli gewaltig
arbeiten. Aber auch die Regicrung blcibt nicht
müßig, und cs ist eher wahrscheinlich, daß das
neue venetianische Comite wicder eher einen
gemäßigten, als einen demagogischen Anstrich
erhalten wird. (Die Persammlung ist nach den
nenesten Nachrichten durch die Polizei »crhin-
dert worden.)

Zn der Schwciz besindcn sich jetzt etwa 20lil)
xolnijche Flüchtlinge. Die Nieisten haben bc-
reits Beschäftigung gefundcn, namentlich in
lausmännischen Gcjchaftcn und Fabriken. Die
frühcr in Leixzig erjchienene xolnische Zeitung
„Ojczhna" erscheint jetzt ebcnfalls in Zürich.

Dic hollänbische Abgeordnetenkainnicr hat
mit 53 gcgen 13 Stimmcn daS Budget deS
auswärtigcn Ministeriums gcnchmigt.

Der gejctzgebende französtsche Körxer wixd
erst anf dcn 15. Fcbr. einbcrufen werden.

Die Turiner „amtliche Zeitung" bringt auS
Venedig die Nachricht, datz in Folge dcr Zer-
streuung der aufftändischen Bandcn der Belagc-
rungSzustand im Frianl aufgehoben sei. Die
unter Anklage gestclltcn Zndividucn wcrden von
dem in Wien niedergejetztcu KricgSgericht ah-
geurtheilt.

Nach der „Oxinione" soll eS den Führern
der Bewcgung in Frianl gelungen srin, stch
zu rcttcn.

2luS San Doiningo vom 6. Nov. wird ge-
meldet, datz dic Aufständischcn von weiteren
Unterhandlungen mit Spanien nichtS wissen
wollcn, ihre bisherigen Uiiterhändler für Vater-
landSvcrräthcr erklärt und Polence zum Dic-
tator auSgcrufen haben.

Z»r Tchleswig-Holsteiii'scheit
Sache.

Die aus Berlin zurückgckehrtc Dcxutation
hat am 25. Nov. den lauenburgischen Ständen
übcr ihrc Misfion Bericht erslattet; Hcrr von
Bismarck hätte der Dcpulation erklart, die
Gegenwart dcr Lauenburger sci ihm sreilich
angcnchm, allein xreutzisch würden sie ohnehin.
Die Landstänbe von Lauenburg bcschlosscn an-
läßlich der Gesamnitstaatsschuld uno oer KricgS-
kostcn einen Prolest an die zwei deutschen Groß-
mächte uud an dcn deulschcn Buud zn richlc».

Frankfuci, 2. Dec. Der bahcrijche Ge-

sandte erklarte in der gestrigen außerordentlichen
Sitzung dcs BundeS: „Siach Slnsicht seiner
, Regierung sei der den Regiernngen von Sach-
sen und Hannover durch die BundeSbeschlüsse
vom 1. Oetober, 7. und 14. December v. Z.
cxtheilte Auftrag uoch nicht als erjüllt zu be-
trachtcn, vielmehr habe dic Verwaltung der
Herzogthümer Holstesn und Lauenhurg durch
die Bunhescommissäre, so wie die Besetzung
derjelhen durch die königl. sächstschen und kgl.
hannovcr'schcn Truxxcn zur Zeit noch fortzu-
dauern." — Dieser Erklärung schloß sich der
grstzh. hcssische Gejandte ausdrücklich an. Die
„Darmst. Ztg." jetzt hier hinzu: „Die Vor-
gänge dieser Sitzung flnd ein trauriger B-weir
dafür, datz die Hoffnung, es werde auf dcm
Wiener Friedensvertrag auch der innere Frie-
den DcutschlandS und ein einlrächtigcs, bun-
dcSfreundliches Vcrhallniß unter säminllichen
dentschen Staaten hervorgehen, yorerst kcine
Aussicht auf Ersüllung hat. Noch vertrauen
,wix, daß ernste Conflicte unjerem Vaterlande
crsxart bleibcn. Sollte aber der Vcrsuch, in
Dentschland Willkür und Gewalt an die Stelle
von Recht und Gesctz trelen zu lasscn, in
Wirklichkeit angestelll werdcn, jo würde Nie-
mand zwcifelhaft darüber sein können, aus
wessen Hauxt die Vcrantwortlichkeit sür die
traurigen Folgen eineS jolchen Beginnens fallcn
müßtc."

Deutschland.

Kaffel, 29. Nov. Am Schlusse d-r heu-
tigen össcntlichen Sitzung machtc der Prästdent
die Mittheilung, datz cr vor etwa ciner Viertel-
stunde benachrichligt wordcn sei, wie Se. Kgl,
Hoh. der Kurfürst sjch nichl bewogen gesunden,
die siäudische Adresse dnrch eine Deputation
eiitgcgenzunehmen, daß eS daher her Kammer
überlassen bleibe, dieselbe durch Verniilllung
der iandlagscominission wciter zu besördern.

(F. P )

Leipzig, 1. Dcc. Die Mobilmachung der
sächsijchcu Ärmee (ohne Kriegsreserve) hat ihren
Fortgang. Die Eisenbahuen besördern mit
jeoem Zuge einzelne Mannschaften und kleine
Haufen von Einberufenen. Aus verhüüten
Andentungcn in unsern Localblältern scheint
hervorzugehen, daß die sächsiiche Negierung
noch andere Mahregeln getroffcn hat, um auf
alle Eveutualiläten vorbereitel zu scin. Na-
mentlich haben die hiesigen königl. Bchörden
gemcssene Befchle erhalten, wie sie sich bei Ein-
tritt gewisser Ereignisfe zu verhalten haben.

Wien, 29. Novbr. Jm A.bgeordnetenhause

Die Volksgählung.
(Schluß.)

Zur Vermeidung grober Jrrthümer ist cS »äm-
lich nothwendig, daß mit Scbärfe bezeichnet werde,
was unter Bevölkerung eines Landes zu verstehen
ist. Die Fragen: ob von Haus abwesende oder auf
der Durchreise anwesende Personen am Orte ihrer
zusälligen Anwesenheit oder am Orte ihrer Woh-
nung, oder ob an beiden aufgenommen werden
sollcn? — drängen sich bei jeder Zahlung auf; und
wenn man in etnem oder. dem andern Sinnc ent-
schieden hat, so gilt es, dtc Grcnzen festzusetzen,
in denen eine Person als wohnhaft, als auf Rei-
sen abwesend rc. zu betrachten ist. Andernfalls
würden Doppelzlihlungen und Auslassungen un-
vermridlich sein.

Die Lösung dieser Fragen ist sckwterig und die
Wissenschaft der Statistik hat deßhalb den einfach-
sten Weg als den besten erklärt: Jedermann d a
zu zählen, wo er gerade am ZählungStage sich
aufhält, um Abwcsende aber gar nicht sich zu küm-
mern, kurz die Bevölkerung, nach der oben be-
zeichneten Jdee der VolkSzählung, wo möglich ganz

bei der also Jeder da gezählt wtrd, wo er solche hat.

Der Zollverein will die in jedem Staate leben-
den Consumenten ermuteln, weil nach deren Zahl
die Verthrilung der Zolleinkünfte die billigste er-
scheint; er nähert sich in seinen Bestimmungen
den Grundsätzen einer Zählung der factischen Be-
völkerung; allein er hat eine Anzahl von AuS-
nahms- und Einzelbestimmungen rrlassen, welche
nicht gestatten, daß ohne weitereS thm die Tabelle
der factischen Bevölkerung vorgelegt werven könnte.
Es ist nothwendig, dicse Bestimmungen bei der
Aufnahme zu beachten und ihnen gemäß die sog.
Zollabrechnungs-Bevölkerung darzustellen,
so sehr dadurch auch das Geschäft der Zählung an
sich, wie noch mehr daS der spätern Zusammen-
stellungSarbeiten complicirt wird.

Zur Angabe der betr. Verhältnisse deS Aufent-
halts und der Abwesenheit dicnt dieSpalte 9 der

drückte Angabe gesordert, und der Eintrag der-
selben durch eine 1 in die Spalte 11 bis 14 den
ZählungSbeamten übertragen worden.

Es ist leicht ersichtlich, daß bei der getroffenen
Anordnung sowohl die factische Bevölkerung, alS
die ZollabrechnungS-Bevölkerung mit Leichtigkeit
zu berechnen ist. Die rechtliche Bevölkcrung soll für
dicses Mal nur im Ganzen sür den Staat ermit-
telt werden, da, wegen der bäufig unklaren per-
sönlichen Verhältniffe, von einer Angabe der Hei-
mathberechtigung für den Ort noch Abstand gc-
nommen worden ist.

ES ist nun aber Absicht, die auS dcn Listen zu
gewinnenden Resultate auf die factische Bevöl-
kerung zu beziehen. Um ben Zählungscommisfio-
nen die Arbeit möglichft zu erlelchtern, ist thnen
nur daS zunäckst wtssenSwerthe Verhältniß, daS
der Rrligion, für diese Bevölkerung zu ermittrln
loading ...