Wingenroth, Max; Kraus, Franz Xaver [Editor]
Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden (Band 7): Die Kunstdenkmäler des Kreises Offenburg — Tübingen, 1908

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KREIS OFFENBURG.

position ein ausgebildeter Geschmack in schönen Stellungen (s. Fig. in), hübschen
Kopfhaltungen, eleganten Gewändern auf; daneben der Männertypus mit dem stark
gewölbten Schädel, einer Einziehung über den Augen und stark hervortretenden Augen-
knochen, kräftig und gut wirkend (s. Fig. 11 o). Leer und nur in den seltensten Fällen
gefällig der übrigens noch nicht feststehende Frauentypus, der einmal sogar mit dem
kleinen, runden hervorspringenden Kinn und dem mächtig runden Oval des Gesichtes

die Karikatur streift, d. h.
vollständig verzeichnet ist.
Auch die meist fetten
Hände leiden oft an
Zeichenfehlern(s. Fig. in)
und erwecken nicht den
Eindruck des wirklichen Zu-
greifens. Erstaunlich dem-
gegenüber die so aus-
drucksvollen, in ihrer Be-
wegung ausgezeichnet auf-
gefaßten Gestalten Simeons,
des Hohepriesters und des
Beschneiders (s. Fig. 112),
die schönen Figuren der
Kerzenträger (s. Fig. 113),
die ja nur wenig hervor-
tretende, dann aber flott
hingemalte Felsenland-
schaft. — Die Malerei,
nicht sehr pastos, zeigt bei
den besten Figuren satte
Farben in geschmackvoller
Zusammenstellung, sonst
hier und da etwas Ver-
blasenes. Das Kostüm
(s. den Mohr, sowie überall
die Schuhe) scheint mir
auf das zweite Jahrzehnt
des 16. Jhs. hinzudeuten
(s. Fig. 114). — Die Ungleichheit auf den Bildern lediglich aus der mehr oder minder
guten Nachahmung eines größeren Meisters zu erklären, scheint mir bei der auch bis
ins einzelne der Köpfe vorzüglichen Durchbildung des Besten nicht statthaft; wir haben
eher hier ein junges Talent vor uns, das noch nicht gefestigt in seiner Naturanschauung ist.
Schablonenhafter muten uns die Außenflügel (s. Fig. 115) an. Jenen charakteristischen
Männertypus finden wir hier nicht wieder, auch nicht das Frauenantlitz. Letzteres zeigt
mehr den hergebrachten und wie mir scheinen will, schwäbischen Typus, das erstere
ist schwächlicher und hat eine gewisse Verwandtschaft mit Typen der späten Schongauer-
schule (?). Architektur, Landschaft und alles Beiwerk treten, nicht zugunsten der Kom-

Fig. 112. Die Beschneidung Christi.
(Gemälde vom Hochaltar in Lautenbach.)
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