Südwestdeutsche Rundschau: Halbmonatsschrift für deutsche Art und Kunst — 1.1901

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und als eine Lebenserscheinung. Sie will nicht nur
Rahmen sein, sondern Ausdruck, — und sie will beides
zugleich sein. Sie will ein Bedürfnis und eine Not-
wendigkeit werden. Wenigstens ist das all der Sinn
dessen, was wir erstreben, wenigstens sehen wir in
diesen Erfüllungen der Kunst die Möglichkeit einer neuen
Kultur, die wir ersehnen, von der wir die Gewissheit
in uns tragen, dass sie aus der Kunst gewachsen sei,
dass sie künstlerisch sei.

Dazu soll in Darmstadt nach dem Willen des
Landesfürsten ein Schritt gethan werden.

Es gehört ein ruhiges Schaffen dazu, ein stilles
Insichaustragen, ein harmonisches inneres Verbinden für
den einzelnen Künstler. Und das gewährte Grossherzog
Ernst Ludwig. Er berief sieben Künstler in seine Resi-
denz, dass sie schaffen sollten. Nur ihr Schaffen wollte
er. Er steht darin einzig in der ganzen Kulturgeschichte:
er wollte keine Kunst für sich. Er hatte die Sache und
nicht die eigenen Interessen im Auge. Darin steckt die
Möglichkeit für die Künstlerkolonie, ein wichtiger Faktor
für das Fortschreiten der Kultur zu werden. Darin zeigt
sich die weite Vorschau des hessischen Landesfürsten,
darin beweist er den durch und durch modernen
Menschen, der den tieferen Sinn seiner Zeit erfasst hat
und ihr Ziel fühlt.

Die Künstler waren zum Schaffen berufen, sie er-
hielten ein Arbeitshaus. Keinen vorhandenen Bau
ein Haus nach ihrem Sinn, für ihre Bedürfnisse, ein
Haus ihres Lebens! Ein Haus des Schaffens und ein
Haus des Lebens ist das Ernst - Ludwighaus auf der
Mathildenhöhe. Es ist nicht errichtet, um nur dem
einen zu dienen : der Arbeit; es hat alles, woraus und
wozu diese Arbeit wachsen muss, alles, was dem Leben
gehört, vom Leben kommt, an Erfordernissen und Be-
dürfnissen. Denn Künstlerarbeit soll nichts Totes sein,
kein müssiges Spiel, nichts auch nur für den nächsten
Zweck - etwas zum Ganzen und über dem Ganzen
will . daraus erwachsen. Und so hat Künstlerarbeit
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