Südwestdeutsche Rundschau: Halbmonatsschrift für deutsche Art und Kunst — 1.1901

Page: 617
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Von neuen Büchern,

Der HbtcbiedsTang f)crmann £ttiggs.

©s ift eine freunblidje g-ügung be§ ©cfjidfalS, bafj id) biefe 2lb-
fdjiebiblätter eines uns ®eutfd)en liebgemorbenen Sßoeten in bev ©egenb
Icfe, meld)e ifym felbft fo fefjr an's §erg getoadjfett ift, nnb ber er in feinem
neuen $md)e eine sJfeif)e innig empfunbener Sänge gemibmet f>at: am
fcfjönen Sobenfee, unb $xoax an bem Ufer, bas lanbfdjaftlid) ba§ fd)önfte,
in ber SebenSfyattung ötetteidjt bas gemütlid)fte ift: am bairifd)cn, unfern
bes farbenfrohen fitttbou unb bes freunblidjen SSregenj.

Qct) babe bie ©djlufjrgtarnen unb neueften ©cbidjte*) §cr-
mann fitnggs fo recf)t con amore gelefen. 31* es fetjon überhaupt ^flidu
bes Krittlers, fo ju tefen, menn immer es möglidj — fo ift es bei ber
Irjrifcfjen ©abe eines ©reifet ©b/renfadje, fie mit s-8ebad)t ju prüfen unb
in fid) einftrömen $u taffen, mit ber Siebe unb Qnnigfett, bie man einem
guten alten Söeine gu roibmen pflegt, ^mrner raufdjte ber meite ©ee in
biefe Klänge fyeretn; über bie Blätter fdjtelenb genofi id) fein munber-
fames ^arbenfpiel; faf) bie Süerge hereinblauen unb borte fie mit il)rer
eigenen ergreifenben ÜDMobte in bie Söeife bes ®id)ter§ einftimmen; mar
in. bem Seben unb treiben auf bem ©ee unb ©eftabe bod) mit bem Shtdje
adein. Unb fo fofiete id) gang ben ©timmungsgehalt biefes 23ud)es aus;
feine ^uroeilen i)erbe ^nnigteit, feine Qbnlle unb feine großen ^artfjieen,
bie id) in ber Statur um nüd) f)er mieberfanb.

Qd) metß, bafj biefes s-öud) tnele ntdjt fet>x, mand)e nieüeid)t gar
nid)t anfpred)en roirb. SÖas es an großen Gontouren 31t geben t)at, ift
nid)t geroattfam; ef)er 3uvüdl)altenb; unb bas 8teblicr)e barin, bas Öortfcb/
fiüffige I)at mieberum etwas 00m SBetne jener ©egenben; man mufj es
3U goutieren miffen. Stber in biefem, nid)t bem (iunbrud bes erften klugem
blides fid) geben, liegt bod) mieberum bas", mas uns 31t biefen Xid)tungen
oft 3urüdfei)ren laffen wirb. SDtan glaubt, bem ernftngütigen ©reife
gegenüber3ufi^en, unb l)ört it)m in Saufdjen uerfunfen 31t, menn er uns
burd) bie ßanbfdmft am S3obenfee ober bie ©eftlbe Sigiliens führt, ober
menn er aus ber Sana, melcbe bie ©litt vergangener Sage birgt, bas
g-euer ber Seibenfd)aft auflohen läftt, unb feine l)alb mel)mütigen dtüd-
blide in bie lange ©panne eines innerttd) bemegten Sebent ttjut. 9Jiand)es
barin berührt uns etroas antiquiert; ben gduf? ber Nebe unterbricht 311-
meilen ein Stoden, ein .ßögern, ober bie Söorte ftrömen nid)t fo glatt unb
farbig non ben Sippen, mie mir formell fo r>ermöl)nten jüngeren es1 roünfd)en.
2(ber bafür lebt ein ununterbrochener ^ulsfcl)lag ber v}>erfönlid)feit in biefen
©ebid)ten. Unb es ift barin oiel oon jenem gerührten 51bfcf)iebsfagen ber
©reife an bie l)erbftfonnige #lur, oon bem ltl)lanb einmal gefungen f)at.

%k lanbfd)aftlid)e Öiegion biefer ©ebicf)te beftimntt nielfad) aud)
i£)ren Qnt)alt. 2)er ®id)ter t)at fie in einem fd)önen @ebid)te umgrenzt
unb bamit bie Joeintatluft feinet @d)affens uns mitsuteilen nermod)t:

*) Stuttgart, 1901. 3. ©. ©otta'fcfje 33ud)hanblung 9xad)f. ©. m. b.§.
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