Südwestdeutsche Rundschau: Halbmonatsschrift für deutsche Art und Kunst — 1.1901

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WIEDERGEBURT

Jch stand lange, und mir schauderte:
Denn am Horizont, da, wo der fahle Himmel zu
seinem Rande hinabstürzt, wars emporgewachsen :

Schlote und Schlote, dicht gereiht, wie Wald von
Masten zuerst in einem fernen Hafen.

Dann schwolls und türmte sich. Türmte sich
schwarz und russig, drang heran, schoss um die Runde
des Himmels.

Wohin ich mich wandte, Schlote und Schlote, ragend,
russig, furchtdrohend.

Und aus jedem stieg eine graue Säule, tausend

graue Säulen.....wuchsen auf zu einer grossen,

schwarzen Wolke. Die lag regungslos am fahlen

Himmel......

Und ich sah sichs erheben. Ein kahler Hügel vor
mir, darauf drei Kreuze. Die Kreuze des Jammers,
Golgatha des Jammers.

Ich sah den Herrn angeheftet, die Arme nach rück-
wärts, das edle Haupt hängend. Ich sah die Schacher
an ihren Kreuzen neben ihm mit den trotzigen, bärtigen
Gesichtern.

Und ich sah die Söldner zu Füssen des Kreuzes.
Traurige Söldner, die kein Schwert adelt. Sie lagen an
der Erde und würfelten um des Herrn goldenes Gewand.
Sie jauchzten und rissen sein goldenes Gewand in Stücke.

Traurige Söldner, die kein Schwert adelt.....und

merkten nicht, dass es in ihren Händen zu Stroh ward.

Und einer von ihnen reichte eine lange Stange,
daran ein Schwamm hing. Der war getränkt mit bitterem
Essig. Er reichte ihn zum Munde des Herrn, den dürstete.
Er dachte ihn zu tränken.

„Hilf dir selbst", sagte er, „wenn du göttlich bist."
Und er drückte den Schwamm an die Lippen des Gött-
lichen.

Ein trauriger Söldner, den kein Schwert adelt. . . .
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