Südwestdeutsche Rundschau: Halbmonatsschrift für deutsche Art und Kunst — 1.1901

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initere§ ©idE)au§leben befdjieben, rote es bero moberaen 9)lenfd)en
nur als> Sage befannt ift. Söir finb enbtid) mübe geworben, un3
unferer 9Jlafdritten nnb $abrtff<J)ornfteine p rübmen, als tonnten
roir inneres @Iücf mit S)ampf unb ©leftri^ität erzeugen nnb unfere
alt geroorbenen .^erjen in fdjroefligtem D^aud) roieber jung baben.
©in unbejroinglidjeS (Seinen f)nt alle ebteren ©elfter erfaßt, nad)
(Sdjön^eit bürften roir, nad) Harmonie bes Sebent unb ©ütern, bie
bauerfmfter finb als ©ouponfcfjeine unb Stftien. 3)ie ©rrungenfdjaften
einer tropifdj) aufgeblühten ©toitifation motten uns nid)t mef)r ge-
nügen, roir (ecrjjen nad) Kultur. 2)enn barüber oermag aucf) ber
gemanbtefte £afcf)enfpieler uns nid)t mef)r binroegptäufcfjen, bafj roir
gängtid) unfultioirt finb, obroof)! bemnäd)ft etef'trtfcfje ^ernbatjnen
mit 250 km ?yal)rgefd)roinbigfeit gebaut roerben fotten, unb ba§
lenfbare ,£uftfd)iff burcfjaus fein ferner £raum met)r ift. Kultur
nämüd) ift mein- al§ Sedjnif, ift etroas ganj anbere§ als 9BeIt-
fenntni§, Kultur ift ju feftem ©ttl erhobenes Seben, ift bie
ftärffte ^ejabung alter äftl)etifd)en triebe in uns. 3Benn ber
befeligenbe Äiuberglaube bes primitiven SUenfdjen immer mefjr
gurücfroeid)t gegenüber ber fiegreid) norbringenben äöiffenfcfyaft, fo
roirb bas ^erg f'alt unb immer fälter, bis jmlet^t gänjlic^e £roft-
tofigfeit ^lat^ greifen müßte, feinte nid)t ftatt be§ entfd)rounbenen
©ottf'ultus ber Kultus ber @d)önt)eit, ber Mtu3 ber Kultur.

9ln biefem Söenbepunft itjrer ©efd)id)te ift bie ciüilifierte
SBett angelangt: ber alte @ott ift oernid)tel, mögen aud) feine
er ift en §b eb r o f) t en Liener uns nod) fo oft beteuern, bafj er lebe roie
juoor; ber neue ©Ott bat bereits feine ^euerfäule ben fef)nfud)t£>-
trunfenen 39licfen entgegengefanbt, unb nur roenige unter ben ©e-
bilbeten roollen Um immer nod) nid)t anerfennen. %od) lenfen roir
einmal oon bem Häuflein ©ebttbeter roeg unfere 53tide auf bie
ungeheuere SJlaffe be§ arbeitenben SSolfes, um §u unterfudjen, roie
roeit biefe oon ber ©ef)nfucf)t unb bem ©treben nad) Kultur er-
griffen ift. S3ei biefer tinterfud)ung fann ber länbtid)e £eil ber
arbeitenben SSolfsflaffen oon oornf)eretn ausfd)eiben, benn Kultur;
intereffen roerben roir auf bem Sanbe, fern oon ben ©tobten, teiber
oergeblid) fud)en. Ob biefe traurige £f)atfad)e unabänberlid) in
ber "iftatur ber länblid)en Slnfieblungsroeife begrünbet liegt, ober
ob fie nid)ts ift, al§ bas zufällige 9tefultat gefd)id)ttid)er (&ntm\&
lungen unb fomit einer 2(enberung fäl)ig, mag fiter unerörtert
bleiben. 2Bir roolten uns baf)in roenben, roo alle Kultur ber legten
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