Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 1.1885-1886

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I. Iahrgaiig. Left

;. Gktober rssz.



Unier besvnderer Wikwirkung von Fr. Pecht, heransgegeben von der Vrrlngsniistnlt für Kunst und Wistenfchnst
vormals Friedrich Vruckmann in Wünchen.

„Tie Kmist für Alle" erfcheint in halbmonatlichen Hesten von ca. 1>/r Bogen reich illustricrtem Text und ca. 4 Bilderbcilagen in Nmfchlag. Preis deS Heftes III,
Buchhandel liü Pf., durch die Post lReichspostverzeichiiis 14, Nachtr, 2916 e, bayer, Verzeichnis 666 a) 3 M, 60 Pf. für das Vierteljahr (6 Heste). — Jnserate die
viergefpaltene Nonpareillezeile 30 Ps,

M'cr die deutsche Malerei dcr Drgeu'luarc.
Bon Lriedrich Pecht.



„Zu dem gepriesenen Glück der Griechen muß vorzüglich gerechnet werden.
„daß sie durch keine äußere Einwirkung irre gemacht worden: ein günstiges
„Geschick, das in der neueren Zeit den Jndividuen selten, den Nationen nie zu
„Teil wird; denn selbst vollkommene Vorbilder machen irre, indem
„sie unS veranlassen, notwendige Bildungsstufen zu überspringen, wodurch wir
„dann meistens vom Ziel vorbei in einen grenzenlosen Jrrtum geführt werden."
Goethe, Gesch. d. Farbenlehre, 10.
elten wird man wohl zwei auf unsere deutsche Kuust so passeude und zugleich
so schlagend wahre Bemerkuugen hören, wie sie iu dieseu wenigen Zeilen
As euthalteu siud. Der erste dieser beideu Goethe'scheu Sätze bestätigt aber
auch in einer wahrhaft glänzendeu Weise eine Theorie, auf die ich schou
vor einiger Zeit durch Moriz Wagner's bekanute Entdeckung gekommen:
daß die Bildung neuer Arten vorzugsweise durch Jsolierung geschehe. Da
fiel mir denn sofort ein, daß alle großen bahnbrechenden Genies in der
Kunst, ein Giotto, Mantegna, Leonardo, Michel Angelo, Cor-
regio unter den Jtalienern, ein Dürer inNürnberg, Holbein in Basel,
Rubens in Antwerpen, Rembrandt in Amsterdam, Franz Hals in Harlem, Murillo zu Sevilla in
einer bald freiwilligen, bald durch die Umstände herbeigeführten, jedenfalls ziemlich totalen Jsolierung gelebt
hätten und wahrscheinlich gerade dadurch allein zur Ausbildung jener wunderbaren Originalität gekommen
seien, deren Erlangung ganz unmöglich ist, wenn von allen Seiten auf den Künstler eingewirkt und ihm dadurch
völlig unmöglich gemacht wird, sich rein und ungestört aus sich selbst herauszuentwickeln. Diese von uns so
oft nachgcahmten und so selten verstandenenen Griechen vollends hatten nicht einmal Weltausstellungen, ja es
ist höchst wahrscheinlich, daß Phidias nie ein Antikenkabinet besucht, und daß, o Jammer, weder er uoch
Apelles in Paris oder Rom ihre „Ausbildung" vervollständigt haben. Und da kommt nun gar noch der
größte deutsche Dichter und Denker, um sie darum zu beneiden!
Nun kann man aber uichts Trefiendes sagen, ohne daß man irgend Einen dadurch trifit, besonders
wenn er etwa sein lebenlang das Gegenteil behauptet hat. Der Herr Geheimrat mag sich also gratuliercn,
daß er schon tot ist, da man sonst unfehlbar von allen Seiten über ihn herfallen würde. Denn tausend
Lügen verzeiht man Euch eher, als eine eiuzige Wahrheit! -
Merkwürdigerweise finden wir aber auch bei den Neueren genau wie bei den Alten, daß gerade die
bahnbrechendsten Künstler sich teils in einer durch die Umstände bedingten, teils freiwillig gewählten Jsolierung
ausgebildet haben. Selbst diese unsere Nummer enthält unter ihren Bildern gleich zwei oder drei solcher
Künstler, zunächst Menzel und Diez. Der erstere Unglückliche hat bekanntlich nicht einmal eine Akademie
besucht, denn die paar Wochen, die er es that, sind doch wahrhaftig nicht zu rechnen. Ebensowenig hat er
jemals Berlin verlassen, bevor er ein vollständig fertiger Meister war, — er ist vollkommener Autodidakt. —
Diez aber, der selbst bis heute weder Paris noch Rom gesehen, ist es kaum weniger, da er die Akademie fast
nur als Lehrer, als Lernender jedenfalls herzlich wenig betrat und sich dort heute noch, wie männiglich weiß,
nach Kräften abschließt. Ja selbst Defregger, der Dritte unter den großen Schule bildenden Meistern,
Die Runst für Alle I. ,
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