Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 1.1885-1886

Page: 354
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kfa1886/0448
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Ausstellungcn, Sammlungeii :c. — Dcnkinäler — vcrinischtc Nachrichtcn — Runstlitteratiir :c. — Briefkasten



Meister aus der Vor-Renaissance-Perwde hängen, anzubringen.
Die schwierige Lperation ist gut gelungen und das ungliickliche
Gemälde, welches von Leo X. bestellt, aus der Villa papale von
den Nonnen von Zta. Cäcilia auf das Leihhaus getragen wurde,
wo es Ludrp auslöste nnd nach Paris brachle. wird nnn
endlich Ruhe gefunden haben. Ludnf bot das Bild der Regie-
rung fnr '>00,000 Francs an. Diese ließ ihn aber drei Jahre
lang damit sitzen, bis Thiers es für die noch immer kolossale
Snmme von 206,500 Francs kauste.
Jn der „Gallerie deS Colonnades" ist man damit beschäf-
tigt, einen Zaal siir die von Dieulafoy ans seiner Mission ge-
sammelten illltertiimer herzurichten. Es sind daS die eryten be-
deutsamen Monnmente altpersischer Knnst, die einem europäischen
Museum iiberkomnien. Jn 275 Kisten sind die merkwürdigsten
Tinge auS den Palästen des Tarius uud ArtaxerxeS zu Zuda
nach Paris gelangt. Besonderes Jnteresse sollen namentlich
gewisse Fayencen nnd eine Kollektion geschnittener Steine von
unvergleichlicher Schönheil in Anspruch nehmen. Tiese Samm-
lung enthält u. a. ca. 200 kleiner Cylinder aus feinen Zteinen,
welche den Lrientalen als Petschast dienten. Jn dieselben sind
mythologische Darstellungen mit Jnschriften, Tiere und zuweilen
Szenen von einem überpikanten Realismus geschnitten.
Tie Mission Tieulafoys. der mit einer geradezu staunen-
erregenden -lusbeute zurückgekommen, hat dem Staate die ver-
hällnismäyig geringe Sumnie von 50,000 Francs gekostet.

Vrrmischtr Nachrichten
stf Ter Prinz-Regent von Bayeru hat am hnndert-
jäbrigen GeburtSlage König Ludwigs I. von Bayern dem Münchener
Künstlerhaus-Baufonds die Summe von 15.000 Mark aus
seiner Privatkasse zugewiesen und diese Spende mit folgendem
Handschreiben an den Präsidenten deS Komites sür Erbauung
eines Künstlerhauses, Ferdinand v. Miller, begleitet: „Mein
lieber Ferdinand v. Miller! Jch finde mich bewogen, zum
Andenken an den Tag, au welchem vor hundeN Jahren Mein
in Gott ruheuder unvergeylicher Valer, weiland se. Majeslät
König Ludwig I., daS Licht der Welt erblickle, als Beilrag
für Erbanung eines Künstlerhauses die Sumine von 15.000
Mark aus Meiner Privalkasse anzuweisen. Jndem Jch
damit dem Jnteresse, welches Jch für das Gedeihen der Kunst
und der Künstlerschaft Münchens stetig hege, Ausdrnck gebe, reihe
Jch hieran gerne die Versicherung huldvoller Gesiimungeii, mit
welchen Jch bin — Sl. Bartholomä, den 25. August 1886 —
Jhr wohlgencigter Luitpold, Prinz von Bayern."
O. L. Über die Geschichte deS berühmten Rnbens'schen
„Lliirpeau cke paille" berichtet Jnles Nollee de Noduwen
Folgendes: Ter Maler wünschte seit langer Zeit das Porträt
der von ihni leidenschaftlich verehrten Baronesse von Lunden zu
malen. Dieselbe weigerte sich aber hartnäckig. Rubens gelangte
daraus durch List zn seinem Bilde, indem er die Tame, als sie
nichts ahnend im Garten mit einein Strohhut anf dem Kopfe
sich erging, malte. Nachdem das Bild einmal sertig, verzieh Frl.
von Lunden dem Meister seine schmeichelhafte Jnoiskretion und
nahm das Werk ihres beriihmten Bewunderers an. Fräulein
von Lundeu ftarb jung. Nubens, der immer gehofft hatte, sie
zu heiraten, und ,hr in seinem Herzen eine grenzenlose Liebe be-
wahrt hatte, beschwor die iNutter der Verstorbenen, ihm das Bild
zu überlassen und verpflichtele sich, ihr ein Porträt zu malen, in
welches er all' sein Können, sein ganzes Talent, seine ganze
Scele legen würde. Es wurde seinem Verlangen entsprochen
und RubenS malte das Bild der Geliebten in einem Filzhute.
Tas erste Bild wurde von der Familie von Lunden, in deren
Besitz es wieder gelangt war, 1822 für 88 000 holländische Gulden
an Herrn van Niervenhuiffen verkauft, der es an Sir Robert
Peel überließ, aus dessen Sammluiig es an die „National-
Galery" übergegangen ist.

Kunst-Vitteratur und vrrvirlfältigendr Runst
r. ?r. Raffael und Gambrinus, oder die Kunst im
BicrhauS, von Joyn Grand-Carieret. Paris, Westhaußer.
Ter thätige nnd geistvolle Schriftsteller, der uns im vorigen Jahr
bei seiner „Geschichte der Kankatur m Teutschland, Lsterreich
und der Schweiz" durch die Ausdehnung und Genauigkeit seines
Sludiums bei einem Stoff, wo er so wenig Vorarbeilen fand,
überrascht hat, gibt hier einen neuen Beweis, wie glücklich er
seine Stoffe zu wählen und zu behandeln weiß. Denn wem

wäre die Jnnigkeit der Verbindung unbekannt, die seit undenk-
lichen Zeiten zwischen der Kunst und der Kneipe bestelit? Jhre
Schilderung ist also ein guter Gedanke, besonders wenn dieselbe
durch zahlreiche Jllustrationen unterstützt wird, die nns eine
lebendige Nnschauung der Veränderungen verschaffen, welche diese
Lokale in den verschiedenen Jahrhunderten in den biertrinkenden
Ländern ersuhren. Ratürlich nimmt die Behandlung der Gegen-
wart mit vollem Recht den Hauptplatz ein, und für deutsche Leser
wird besonders die Darstellung der berühmtesten Pariser Kneipen
dieser Art mit ihrer Bevölkerung durch das künstlerische Zigeuner-
tum von Jnlereffe sein. Wer wünschte nicht in die Geheimniffe
des „schwarzen Katers", des „goldenen Löwen", „großen Krugs",
des „Lapiu poseur" oder des „Karikaturen-Bräus" eingeweiht zu
werden, ja gar in Carterels Gesellschaft den „Hölleubräu" und
das „Karnickel" oder die „tote Ratte", dann den „Hanswurst"
und den „japanesischen Divan" zu besuchen nnd ihre Tekoration
wie die künstlerischeii Besucher, welche sie gemacht, kennen zu
lernen. Von Paris führt uns Grand-Carteret dann in die Pro-
vinz, um in Rouen den „Papa Karnickel", in Barleduc das
„Vöget-Kaffee" zu besuchen und dann direkt nach Berlin zu kommen,
uni nun dort den durch Rud. Seitz' Genie so urgemütlich aus-
stassierten „Spatenbräu" kennen zu lernen, den die Berliner von
früh bis in die späte Nacht füllen. Oder im Münchener Hofbräu-
haus einem „Anstich" beizuwohnen, und dasselbe erhebende Schau-
spiel im „Löwenbräukeller" zu genießen. Hier gibt der Verfaffer
auch ein Beispiel von ilnbefangenheit des Urteils, die dem Franzosen
zu hoher Ehre gereicht, wenn er äußert: „Was man auch bei
uns von der heute überm Nhein wieder aufgenonimenen deutscheu
Renaiffance halten mag, so ist doch nicht weniger wahr, daß
diese Beivegung besteht und daß sie nach der Seite der Archi-
tektur und Tekoration hin ebenso charakteristff'ch als der Volksart
angcmeffen erscheint, nicht minder, daß diese Bewegung sehr viel
mehr wert ist, als die ungesunden und ost unsaubern Exzentri-
zitäten des Verfallstils, zu dem wir das Beispiel geben"... und
welches letztere man nichts destoweniger in Berlin wie selbst in München.
bereitS wieder glaubt uachäffen zn müssen, setzen wir dieser An-
erkcnnung beschämt hinzu! Unjer Buch gibt dann noch eine Menge
Zeichnungen von den Lokalitäten des Kunstgewerbehauses, von Fresken
des Ratskellers, Restaurant Dänner in München rc. Ja selbst von
den üblichen Trinkgefäßen, Hahnen :c., wie sie Rud. Seitz kom-
poniert, und es ist schon lustig, daß der hochgebildete Franzose
daS mit Recht bewundert, was so viele unter uns jetzt unsinniger-
weise wieder preisgeben wollen. Und weshalb? Vor allem, weil
man beim Zopfsffl und seiner Dekoration so viel weniger Talent
und künstlerische Erfindnng nötig hat, da dieselben sinnlosen
Verzierungsmotive ewig wiederkehren, die Handwerker also die Hülfe
der Künstler ganz leicht entraten können! Grand-Carteret führt
unS dann noch ans dem Berliner Spatenbräu ins „Cafe Bauer",
um hierauf, nachdem er so die deutschen Kneipen niit offenbarer
Vorliebe und Ausführlichkeit geschildert, ihre Ableger im Elsaß
und der Schweiz zu zeigen und selbst nach Belgien, England und
Amerika überzugehen, wobei wir dem liebenswürdigen Führer
nur so viele Begleiter wünschen wollen, als sein interesfantes und
heiteres Werk verdient.

Vrirfkasten
Or. >U. Drcsden. Ein für Alle mal! Wir können trotz
des besten Willens und lrotz unsereS Mnzipes, Allen möglichst " 1
gerecht zu werden, es doch nicht Allen zugleich recht machen.
I.berhaupt soll, der dieses Kunststück zu Wege bringt, erst noch ge-
boren werden.
F. G. Berlin. Eine Reproduktion der Otzen'schen Kapelle
in unserem Blatt ist nicht beabsichtigt. Es ist unmöglich, von
diesem Raum ohne Farbe eine genügende Wiedergabe zu erzielen.
Agl. kferst. tlZuedlinburg. Tank! wir bitten um Fortsetzung.
Ld. p. Br. Nein, da doch nichts mehr zu ändern ist.
Tinge, die man nicht zu heminen vermag, muß man möglichst
zu befördern trachten, war Cavours Ansicht.
S. B. Haderslcben. Ganz bübsch, aber doch nnr sür eine
Kneipzeitung. Solche Verse nnd Bilder sind erst nach der dritten
Maß Bier verdaulich.
Ign. B. Romanshorn. Holen Sie sich ihre Kastanien
selber aus dem Feuer.
A. W. lliarburg. Jhr Wunsch ist ersüllt, wie Sie aus
der diesem Heft beigegebenen Benachrichtigung ersehen.

Redigicrt unter verantwortlicbkeit der verlagsanstalt für Uunst und kVifsenschaft vorm. Fr. Bruckmann (Vorstand: A. Bruckmann)
loading ...