Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 1.1885-1886

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188 Iahresausstellung iin Wiener Aünstlerbause. Oon Aar
Vertreter findet, denen sich der Münchener Lang und
unser Jnlius v. Blaas mit trefflichen Pferdebildern und
2 Portrüts anschließen. Tiermotiv und Stillleben ver-
fucht diesmal mit großem Glücke die ausgezeichnete Still-
leben-Malerin Frau Olga Wisinger-Florian in ihrem
„Hühnerhofe"; wahre Kostbarkeiten find wieder die beiden
Stillleben von Schödl und die liebevotl durchgearbeiteten
Arbeiten von Camilla Friedländer, sowie das große
Blnmenstück von Marie Kicrschner (Prag) wird niemand
übersehen. Es würde uns zu weit führen, die Aquarelle,
Pastellbilder, Zeichnungen und graphischen Blätter uur
halbwegs einer Würdigung zu unterziehen. Besonders er-
wähnt müssen indes die Architekturen von Altnieister Zllt
und die Bildnisse in Farbentechnik von Karl Fröschl und
Decker werden. Beide Künstler haben das Verdienst,
das Jnteresse für eine reizende Technik, die allerdings ihre
großen koloristischeu Schwierigkeiten hat, mit ihren Leistungen
erfreulich zu svrdern. Die Bildnisse des Erzherzogs Karl
Ludwig und seiner Gemahlin von Fröschl sind vortrefflich.
Auf dem Gebiete der plastischen Arbeiten steht
Tilgners Bildnisplastik voran. Man weiß, wie dieser
einheimische Meister zu individualisieren versteht; er stellt
folgende Köpfe aus: Tie Maler Brozik und Leopold Müller,
den Humoristen Stettenheim, den Komiker Girardi, eine
reizvoll in rot und grün ganz leicht bemalte Frauenbüste.
Fesselnde Arbeiten in Kleinplastik bieten Kühne, Ra-
thausky sMilitürtypen), Pendl, Schwarz; ein Relief
von Fuß (Pietä), das Ocodell der bekannten „Waldlilie" (im
Grazer Stadtparke) von Brand stetter. Holzplastisches von
Klotz, Statuetten von Costenob le und Schmidgruber,
ausgezeichuete Büsten von Lax und dem Münchener Meister
Konrad Knoll (insbesondere der verftorbene Genremaler
Spitzweg) verdienen eingehendes Jnteresse. Weniger wollen
uns hiergegen diesmal Myslbeck (religiöse Plastik) und
David mit seinem Monumental-Relief für das Parlaments-
gebüude zusagen. Wir find mit unserer Wanderung zu
Ende. Neue Talente und Jdeen haben wir nicht ent-
deckt, aber eine gewisse Unverdrossenheit des Schaffens,
welche uns sympathisch berührt. Daher wollen wir nicht
verschweigen, daß die Jury ein paar Tutzend Bildcrn
unbedingt die Thüre verschließen sollte.

Nkrlier-Voti;en
N. Aus den Düsseldorfer Ateliers. Jenäher der Schlust-
tenuin für die Einlieserung der nach Berlin bestimiuten Gemälde
lieraurückt, um so gröster wird die Zahl der Kunstwerke, welche
dazu besnmmt sein sollen, die Tüsseldorfer Kunst aus der Berliner
Jubiläumsausstellung zu verlreteu. Selbstverständiich läßt sich
heute eiu abschließendes Gesamturteil hinsichtlich der qualitativen
Leistungen der rheinischen Kunstmetropole noch nicht fällen, da
eine KollekiivauSstellung noch bevorsteht und wir uns heute noch auf
einen Atelierbericht beschränken müssen. Leider werden zwei unserer
bedeutendsten Meister, Prof. Peter Janssen und Prof. Ed. von
G ebhardt in Berlin wohl unvertreten bleiben: ersterer ist derzeit
mit der Ausmalung der Aula in der Akademie, letzterer mit Zeich-
nung der KartonS zu den für das Priesterseminar in Lockum be-
stimmten 6 Wandgemälden beschäftigt. Dagegen werden unsere
hervorragendsten Genremaler wie Ludwig Bokelinann, Ferdinand
Brütt, Ed. Schulz-Briesen, Hans Dakl u. s. w. ihre bewährte
Meisterschast auf dem Gebiete der Figurenmalerei von neuein
bekunden. Ludwig Bokelmann bringr 3 Noviiäten: einen
Dorfbrand, dessen Motiv aus Holskein stammt, interessant und
packend dnrch seine naturwahre Schilderung, eine Atelierszene und
em Familienstück „Ein letzter Wille". - Hans Dahl, der Sohn
des hohen Nordens, überraicht uns diesmal mit einem Motiv,
ivelches der heimatlichen Mythologie enMommen ist. Seine

l v. vincenti — Ateliernotizen — Personalnachrichten
„Töchter der Nan", so lautet der Tilel des Gemnldes, sind neun
frische Seejungfrauen, welche sich in den Meeresfluten tummeln.
Man sieht es ihnen an, dast sie dem dkorden angehören und die
kräftige Seeluft ihr LebenSelement bildet. ES sind echte Dahl'sch:
Typen : frifch, rosig, heiter, siir mythologische Gestalten aber unan-
genehm realistisch aufgefaßi. — Ferd. Brütt wird sein neuestes
Werk „Schwere Wahl", d. h. bei der llrwahl, zur Ausstellung
bringen und damil aufs neue sür seine sein gezeichneten modernen
Charaktere Bewunderung finden. — Max Volkhart sendet ein
hübsches, stofflich interessantes Bild „Jm Takt" und Karl
Heyden hat für Berlin zwei Gemälde: „Überfahrt" und „Tisch-
gebet" vollendet. — Wird Prof. Janssen auch nicht selbst ver-
treten sein, so werden wir doch seinen talentvollen Schiiler Arlhur
Kampf unter den AuSstellern sehen. Tas von ihm für Berlin
gemalte Bild: „Die letzten AuSsagen" — eines Gestochenen wollen
wir gleich hinzufügen — wird gröstere Beachtung in dlnspruch
uehmen und unS mit einem anfsteigenden Talent bekannt inachen.
Der aus einer Leinwand von beträchtlichen Dimensionen behan-
delte Stoff ist dem niederen Volksleben entnomnien. Er zeigt
uns einen bei Gelegenheit einer Schlägerei Gestochenen, der dem
verhörenden Polizeibeamten die letzten Aussagen macht. Eine
Frau hält dabei das bluttriefende Tuch auf die Wunde und am
Eingange zu deni kahlen, hellblau gelünchten Zimmer sieht inan eine
Menge Volk, das halb scheu, halb nengierig auf die Aussagen
des Berletzten lauscht. Die ganze Konzeption und Dkaltechnik
erinnert an die Art und Weise moderner französischer Malerei,
zeugt aber nichtsdestoweniger von groster Begabung und tüchtiger
Durchbildung. Noch ein anderer unserer jüngeren Künstler, W.
Schwabe, ein Schüler von Prof. W. So hn, verlangt unsere Auf-
merksamkeit: seine „Kirchhofsszene" mit ihren Gegensätzen zwischen
dem Begrabnis eines Reichen und dem eines armeii Ärbeiters hat
etwas ergreifendes durch die tresfliche Schilderung seelischer Borgänge
in den Zügen des Arbeiters und seines Töchterchens. — Fritz
Neuhaus wird sein letztes, für die Gesellschast sür historische
Kunst gemaltes Bild nach Berlin senden, Nordenberg bringt
ein hübsches Genrebild „Jm Vorbeigehen", A. Lins ein Tierstück
„Auf der Weide", E. Friedrichsen eine „Kahnsahrt" uud ein
Kinderbild „Schwere Last", beide vorzüglich in Zeichnuug und
Farbe. — Die Landschaftsmalerei ist vertreteu durch A. Nor-
mann mit zwei grosten Gemälden nach Motiven aus Norwegen,
A. Schweitzer mit einer interessanten nordischen Landschaft,
Th. von E ckenbrecher mit einein Seestück, Petersen-Angeln
mit einer Hafeneinsahrt, Chr. Kröner mit einem gröstern, mit
bewährter Meisterschaft gemalten Tierstück, von Bernuth mit
einer Landschaft aus dem Blücherthal, G. Oedermit einem
sllmniungsvollen Waldinterieur uud der in ueuerer Zeit zu so
großer Beliebtheit gelangte Hugo Mühlig mit einem Herbst-
morgen. Ebel bringt eine Landschaft auS Thüringen, Karl
Schultze eine prächtige Winterlandschast, F. v. Winterseldt
ein Strandbild, A. Kcstler einen „Gewittersiurm in der Nord-
see" und Ernst Preyer eine gröstere römische Landschaft. Es
ist nicht möglich, jedes einzelne Kunstwerk hier namhaft zu machen;
es sei deshalb nur noch erwähnt, daß Schulz-Briesen ein
größeres Genrebild: „Eingebrachte Zigeuner", Prof. E. Bende-
mann drei Friese, Fritz Sonderland ein Genrebild:
„Dame mit Kätzchen", Prof. A. Baur ein historisches Gemülde:
„Die Tochter des Märtyrers" und A. Seel ein Architekturbild:
„Aus der Alhambra" zur AuSstellung bringen werden.

PersonslnLchrichten
* Der 7ü.. Geburtstag des Altmeisters der Dresdener Bild-
hauerschule, Ernst JuliuS Hähnel, ist leider ohne große Fest-
lichkeit vorübergegangen. Der greise Meister, der noch in voller
Frische und Rüstigkeit schafft, liebt nun einmal prunkvolle Hul-
digungen nicht. Trotzdem gestaltete fich der 9. März für ihn zu
einem Tag der Ehren. Hähnel crhielt das Komthurkreuz I. Kl.
vom AlbrechtSorden, eine künitlerisch ausgestattete Glückwunsch-
Adresse der Dresdener Kunstgenossenschaft, ein Album mit 37
Photographien seiner Schüler, die es in den verschiedensten Kunst-
zentren Deutschlands zu Ruhm und Anfehen gebracht haben.
Außer diesen Beweisen der Anerkennung und Dankbarkeit zeigten
zahlreiche Telegramme und sonstige Glückwünsche, dast man nah
und fern des berühmlen Vertreters der Dresdener Bildhauer-
kunst gedachte. — Hähnel steht iwch in voller körperlicher Frische
und Rüsttgkeit, seine letzten Werke zeigen ihn noch auf der Höhe
seiner Schaffenskraft. Darunter gehört seine Evagruppe, welche
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