Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 1.1885-1886

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Nntrr brsundrrrr Witivirkung oon Lr. Pecht, hrrcmsgrgebrn vvn drr verlngsaiiüalt fiir Dunst unö Mnenichast
vormals Frirdrich Bruckmann in Miinchen.

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Die Aönig-rudwlgs-Säkularfeler.
von Lr. pecht.

unsterbliche Verdienst des Königs Ludwig besteht vor allem darin, daß er der Knnst znerst wieder jenen
breiten Platz im nationalen Leben verschasst hat, der ihr ohne die größten Nachteile siir dasselbe nicht vcr-
sagt bleiben kann, den sie aber in Dentschland völlig verloren hatte. Daß also der Geburtstag dieses in Deutsch-
land bis heute unerreicht gebliebenen Beschützers von der Münchener Künstlerschaft gefeiert werden müsse, darüber
herrschte ebensowenig Meinungsverschiedenheit, als daß sich die ganze Bürgerschast der Residenz solcher Feier
anschließen werde. Hier waren alle Parteien einig. Nachdem in einer zu diesem Zwecke einberufenen Ver-
sammlung durch einen der letzten und thätigsten Teilnehmer jener großen Zeit des Königs Lndwig, den
als Künstler wie als Patrioten gleich weltbekannten Erzgießer v. Miller, eine Reihe von vollkommen zweck-
mäßigen Vorschlägen gemacht worden, ist es um so eher Pslicht der Presse, die Einzelheiten derselben einer
Besprechung zu unterziehen, als dieselben für ganz Deutschland Jnteresse haben und die Feier selber voraus-
sichtlich Teilnehmer zn Tansenden aus allen Gauen des Vaterlandes herbeiziehen wird. Ja, das muß sogar
zu allererst festgestellt werden, daß wie die Verdienste des Königs um die Knnst ganz Deutschland gleichmäßig
zn Gute kamen, so auch die Feier desselben nur einen allgemein deutschen Charakter haben könne, wie ihn
die von jeher sich aus allen Teilen des Vaterlandes ziemlich gleichmüßig ergänzende Künstlerschaft Münchens
immer bewahrt hat.
So große Achtung wir auch vor der schönen Treue haben, mit welcher das deutsche Volk noch immer
an seinen Regentenfamilien hängt, und in ihr einen der festesten Grundpfeiler unseres Staatswesens erkennen,
so kommen bei nnserer Ludwigsfeier doch noch ganz andere Antriebe in Frage, als blos lokale. Bor allem das
stolze Selbstbewußtsein der Nation, das sie notwendig überkommen mnß, wenn sie den Weg überblickt, den sie zn-
rückgelegt seit dem Jahrhundert, daß Ludwig I- von Bayern geboren ward. — Begann doch damals erst die
Zeit ihrer tiessten Erniedrigung, wo kaum eine Spur mehr von Nationalgeist, vom Gefühl unserer Zusammen-
gehörigkeit vorhanden war, wo die deutschen Länder wie eine Sache behandelt und samt ihren Bevölkerungen
vertauscht und verkauft wurden wie Viehheerden, von denen, die ihre Beschützer und die Rächer ihrer Ehre
hätten sein sollen, nnd die statt dessen vor fremden Eroberern auf den Knieen lagen, wie sie früher denselben
Ludwig XIV., der sie zuerst dahin gebracht, in allen seinen Lastern nachgeahmt nnd nur seine Tngenden nicht
einmal verstanden hatten. Jn jener Zeit war es, wo der jugendliche Kronprinz Lndwig inmitten der triumphierenden
fremden Unterdrücker und in der Stadt, die, nachdem sie einst des Reiches Bollwerk gewesen, seit einem Jahr-
hundert zur Aussallspforte des fremden Eroberers erniedrigt worden war, den Mut hatte zn sagen: „Das sollte
mir die teuerste Siegesfreude sein, wenn diese Stadt, in der ich geboren bin, wieder eine deutsche Stadt sein
würde!"
Hente wo dieses Bollwerk mit dentschem Blute auf hundert Siegesfeldern wieder gewonnen ward, wo
die Schmach von ehedem glänzend gesühnt ist, heute wo das deutsche Volk geeint und ein Volk von freien
Bürgern, sein Staatswesen das erste in Europa ist, heute erst dürfen wir es wagen, mit stolzer Stirne den
großen Patrioten Ludwig zu seiern, der in edler vaterländischer Gesinnung als ein leuchtendes Beispiel allen
gleichzeitigen deutschen Fürsten weit vorausging.

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