Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 1.1885-1886

Page: 337
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kfa1886/0427
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Trautmann, Ludwig I. und die Äünstler — Brandes, Der Römerpreis

ZZ7


„Aber Majestät" — „Still sein, nicht schlafen lassen.
diächster Versuch zu Majestäts Vorbeleidigung!"
Ein nnd das andere Scherzwort verlor er gegen
Zwenganer wegen seines etwaigen „eigenen" Lebensabends
— gegen Mattenheimer, „ob inan nicht Antlitze der
und jener in reiferen Jahren stehenden Damen „restaurieren
könne" — gegen Kaiser, „als das; der so viele Stndien-
reisen in die Berge mache, wührend er über dem Bogen
an der Salvatorgasse die beste Gelegenheit habe", womit
er die Rückseite des Frl. Th. Str. ineinte — gegen den
Landschaster Ott wegen dessen und selbst eigenen nicht
„ganz gut Hörens".
So da nnd dort einzelnen gegenüber iu der Stadt,
wie etwa bei „Maifesten" der Künstler auf der Atenter-
schwaige, wo er sich gerne einsand und unverkenntlich er-
frcut durch frischweg gnädige Worte dem und jenem sicher
bleibende Erinnernng einpflanzte.
Uberaus gut gelaunt war er auch beim grvßeu
„Albrecht-Dürerzug" anno 1840. Maler Lichten-
held stellte in hoher Ähnlichkeit und unter ansnehmend
edler Haltung nebst würdereichem Schritt den Kaiser
Max I. vor. Als die fiktive Fürstengröße im Zug an
der kgl. Loge einhielt und jener sehr erhaben den leben-
den, „efsektiven" Mvnarchen Lndwig in einer Art Brüder-
lichkeit begrüßte, worauf sich Kronprinz Marimilian, auf
d en Scherz eingehend, mit anscheinender Ehrfurcht und Bitte
um gnädigste Protektion für sich verlauten ließ, brach Ludwig
heraus: „Ah, Max — der versteht es, sich bei M—
Majestät einzuschmeicheln — bitte, mich, seinen Vater, auch
in kaiserlicher Gunst zu erhalten!" Darauf aber in lieb
ernster Weise rühniende Worte zuni Kaiser und dem und
jenem aus dem Zug, welches alles bewies, wie gerne er
den wie zu wahrem Leben gewordenen Traum der Ver-
gangenheit mitträume.
Genug des Scherzes und nachdrückliche Betonung
seiner Eiusicht iu das Wesen der verschiedenen Kunstzweige
und deren Leistungsanforderiingen. Nichts Wesentliches
entging seiner Beobachtung und Beurteilung, und, ohne
die „Freiheit des Schafsens" zu beeinträchtigen, gab er
die Richtschnur, den von ihm erteilten Motiven völlig ge-
recht zu werden. Gleichzeigtig fügte er sich gelegentlich
Gegengründen, anders als in seiner „gerechten" und selbst
in seiner Thronentsagung, was Entschlüsse betrifst, „be-
harrlichen" Tenkweise.
Einen Blick aus Ludwigs „eigene" Thätigkeit in künst-
lerischer Richtung sendend, mag angedeutet sein, daß er
in jüngeren Jahren selbst dies und jenes zur „historischen
Landschaft" tendierende fertigte, was als gutes Zeugnis
einer edlen Naturanschauung noch jetzt erhalten ist. Wenn
dessen nicht mehr und besseres,so war es darin mitihm ungefähr

wie mit Goethe, welcher auch zeichnete. Beide hatten eben
noch wichtigere Lebensaufgaben und wenn Goethe die
Fähigkeit besaß, an unscheinbaren Gegenständen mit den
Rütseln der Natur anzuknüpfen und durch seine Angaben
der wisseuschaftlichen Welt ganz neue Gesichtspunkte und
Förderung zu ermöglichen, so hatte Ludwig in künst-
lerischer Beziehung die Gabe, znm Schaffen im großen
angelegte Kräfte zu entdecken und durch sie neue Schöpf-
ungen zu veranlassen, welche mit dem Ruhm der Meister
auch den seinen unauflöslich verbinden.
Jn dieser Beziehung mag er ja wohl, bajuwarisch
genommen, durch sein allseitig Geleistetes, wie eines Ortes
ausgesprochen wurde, mit Perikles vergleichbar sein, welcher
zuAthen die „Akropolis", das „Odeon" u. a. entstehen ließ.
Lndwig wird um so nachdrücklicher für seine Beharr-
lichkeit auf hier gemeinten Gebieten anzuerkennen sein, als
jenem die reichen Tribute der Bundesgenossen Athens zu
Gebote standen, Ludwig aber mit verhältnismäßig geringen
Mitteln vielseitig Erhabenes schuf.
Wie dem, es ist der Vergleich beider nicht aus-
schließbar, ob auch die „demokratische" Haltung des
Perikles von der „konservativen" Ludwigs durch einen
wesentlichen Strich getrennt ist. Aber die Zeiten waren
zwischen beiden auch weit getrennt und von ganz ver-
schiedener Beschaffenheit. Ersterer hatte alle Gründe, das
Volk zur Geltung zu bringen, bei Ludwig galt es voll-
kommen, und cr war nur voll Eifer, es vor Überhebung
zu bewahren. Jn einem aber ist der Vergleich sicher voll
zntreffend. Wenn jener große Sohn des Tanthippos die
Absicht hatte, Athen die Führerschaft Griechenlands zu
sichern, so flammte im Herzen uuseres edlen Ludwigs die
unauslöschliche Liebe für die Unabhängigkeit und Größe
des deutschen Vaterlandes, und wenn Perikles im
Besitz seiner Aspasia glücklicher sein durfte, als es eine
so große Reihe von Jahrhunderten nach ihm unser wirk-
licher Monarch im besten Sinne des Wortes, in Hinsicht
auf eine gewisse an sich makellose Schönheitsanerkennung
war, ist jene bessere Lage nicht nur Verdienst des fremden
großeu Staatsmanues gewesen, sondern eine Folge des
edlereu Verhaltens der Bewunderten!
Was sich auch begeben, unser Ludwig blieb auch
nach seiner Thronentsagung der gleich hohe Gönner und
Förderer der Kunst, wir freuen uns seines edelst deutschen
Geistes, ehren die vielen Beweise seines wahrhaft guten
Herzens, wo er der Hilfe wirklich Würdige wußte, wie
hinwieder seines unverhehlten Widerwillens gegen Zudring-
lichkeit und unlauteres Wesen — und keine Zeit wird
verkennen, welchen entschiedenen hochgünstigen Einfluß seine
Förderung von Kunst und Wissenschaft auf die allseitige
Bilduug ausgeübt habe.

Der Kümerpreis.
Dtto Brandes (paris)
lljährlich, wenn sich die Pforten des „Salons" ge- men Mann mit der Offiziersrosette der Ehrenlegion im
schlossen haben, waudert das gesamte Paris nach der Knopfloch, wie den schlichten Handwerker in der Bluse,
am Ouai Malaquais gelegenen „Ocole ckes beuux urts", den Tagelöhner mit den Schwielen der Hand als Bürger-
iim von den Erzeugnissen Kenntnis zu nehmen, welche der preis. Ein Zug von atheniensischer Liebe für die Kunst
Wettbewerb uni den Römerpreis ergeben hat. Wir sinden geht durch die Pariser Bevölkerung, der es bewirkt, daß
hier, wie im Salon, die Damen der Welt, den vorneh- dieselbe dem Künstler mit demselben warmen Jnteresse von
loading ...