Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 1.1885-1886

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Proxessicm in Wnckrrsbrrg (Vbrrbciiirrn). vmi wilh. Marr
Ernst Intilis Dntinel
Ein Relief nach dein Leben
van ssulius Erone

6>sLeim Superior eines böhmischen Klosters lief vor
längerer Zeit eines Tages ein wunderlicher Brief ein:
„Hochwürdiger Herr! Nachdem ich nun beinahe eine
Woche in Jhrem herrlichen Kloster zu Gast gewesen, drängt
es mich, Jhnen noch nachträglich meinen herzlichsten Dank
zu sagen. Es waren unvergeßliche Tage! Denken Sie,
welchen sonderbaren Tranm ich in letzter Nacht hatte:
Wieder war ich im Weinberg Jhres Klosters. Aus den
reifen Trauben guollen dicke Tropfen, diese verwandelten
sich in Bacchanten, Mänaden und Faune, und die ganze
Gesellschaft tobte in wilder Festlust im Weinberg herum.
Als sie erschöpft und müde waren, sanken sie vor dem
Kreuz am Eingang des Klosters hin und begehrten Ein-
laß, nm fromm zu werden. Kaum aber hatte man die
Gäste ausgenommen, so steckten sie mit ihrer Lust sämtliche
Jnsassen an, und das Ende — Sie erraten es kaum:
Bacchus gab sich zu erkennen und ward schließlich zum
Abt erwählt. Jch glaube, das ist auch eine Art Ver-
schmelzung antiker und christlich heiterer Lebensanschauung.
Deshalb erzähle ich Jhnen den Traum. Gefällt er Jhnen
nicht, so decken Sie den Mantel christlicher Liebe darüber"
rc. rc. Ganz am Schlnß hieß es noch:
„Apropos, ich glanbe, ich habe mein Notizbuch liegen
lassen. Bitte, schicken Sie es mir später unter meiner Adresse
nach Dresden."
Der Superior staunte und lachte über den seltsamen
Brief, lud aber den geistreichen Gast ein, den Rückweg
seiner Reise womöglich über das Kloster zu nehmen und
sein Notizbuch selbst abzuholen.

Jn diesem Büchlein aber hatteu die Mönche in-
zwischen geblättert und manche rütselhafte Auszeichnung
gesunden, so zum Beispiel:
„Madonna von Nemi. Motiv sür Poelen: Große
Prozefsion beim Blnmenfest. Hinter der Geistlichkeit schreilet
ein schönes Mädchen, und ihr folgt eine abermalige Pro-
zession, als würe sie die wahre Madonna. Madonna
aber straft diese Überhebung, denn der Geliebte des
Müdchens wird untreu, und nach Jahresfrist hat sie in
Reue und Schande ihr Leid zu klagen."
Und weiter: „Prozession in Freiburg — eine Reihe
herrlicher Schwäbinnen, nnd unmittelbar hinter ihnen die
städtische Feuerwehr — zur Verhütung möglichen Unheils."
— Und so noch andere phantastische und barocke Einfülle.
Wer aber war der Eigentümer des Buchs? Kein
anderer, als Ernst Julius Hähnel. Er auch hatte den
wunderlichen Bries geschrieben, in dem sich der ganze
Mensch und Künstler spiegelt, — der große Künstler, heute
eigentlich der letzte Überlebende aus jener gewaltigen
Zeit, in welcher als Abglanz der Sturm und Trang-
periode deutscher Kunst in Rom noch die Jdeale der
Renaissance und Antike, tvie der christlichen Romantik
die Phantasie der Künstler entflammten und besrnchteten.
Wer auch nur einmal das Sanktuarium seines Schastens,
sein Atelier in der Ammonstraße betrat, dort, wo neben
den Modellen des im Brand des HoftheaterS unterge-
gangenen Bacchuszugs sein Werk von überströmender
Lebenssülle, das heute noch der Wiederherstellung harrl
die herrlichen Statuen Rastaels und Michelangelos, wie die
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