Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 1.1885-1886

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Unsere Bilder. von Friedrich pecht — Gurlitts Runstsalon in Berlin.

träts, wo ihm sein glänzender Verstand und seine rasche
Auffassungskraft wie reiche Bildung ermöglichten, seinen
Modellen in's Jnnerste zu sehen. Hier findet man denn
auch das, was man bei seinen so glänzend gemalten
Historien sast immer vermißt: Seele und inneres, nicht
nur äußerliches Leben, obwohl er auch da fast imnier bald
an van Dyck, bald an Titian oder Velasquez erinnert, so
daß man allemal fragt, wo ist nun Canon?
Zu F. Proelß' „SchützenkönigZeichnen sich
alle Erstlingsbilder junger Künstler gewöhnlich durch eine
gewisse naive Liebenswürdigkeit aus, durch etwas von
jener vielbeneideten „Jugendeselei", welche so anziehend
wirkt und sich später nie mehr wiedersindet oder wohl gar
nachahmen läßt, ohne geziert zu erscheinen, so finden wir
viel von dieser ungesuchten Anmut auch in der vorliegenden
ersten größeren Arbeit des Defreggerschülers Proelß. Aller-
dings ist es schwer zu sagen, ob es der Sohn des Hauses
ist, der da mit der erschossenen Fahne im Arm und der
mitten in's Schwarze getroffenen Scheibe gütmütig
triumphierend hereintritt, geschmückt mit allen Fnsignien
seiner neuen Königswürde. Sieht man den sehr lebhaften
Anteil, mik dem die herbeigekommene Nachbarstochter ihn
betrachtet, um deu sich alle Hausgenossen versamnielt, und
nicht die Scheibe, so möchte man fast meinen, daß er
nicht nur Schützen-, sondern auch Herzenskönig bei ihr
sei, der sich ihr im Glanz seines Triumphes habe zeigen
wollen. Jedenfalls sind alle um ihn Versammelten gut
erfunden. Nicht minder ist es die Scheibe, welche einen
mit dem Regenschirm auf den vor ihm flüchtenden Hasen
zielenden Schulmeister zeigt. Man sieht in angenehmer
Weise, daß unser junger Künstler die Welt ziemlich genau
kenut, welche er hier so ansprechend schildert. Ja, obwohl
der Einfluß Defreggers in der ganzen Kompositionsweise
nicht zu verkennen ist, so gehören doch die Charaktere,
vorab die mit besonderer Liebe studierten weiblichen Familien-
glieder, durchaüs ihm, so speziell die beste Figur von allen,
der neugierig zur Thüre hereinguckende Backfisch, — dem
er hoffentlich noch viele ähnliche folgen lassen wird. —
Zu E. Teschendorff's „Amerei". Daß der
hochgeachtete Berliner Künstler, welcher diese Tirolerin
so schmachtend den Beschauer anblicken ließ, nur spo-
radischen Umgang mit den Schönen Pflege, welche die
Weinberge von Schenna und Dorf Tirol so anziehend
machen oder in grünen Lauben den Kalterer Seewein
kredenzen, das ist offenbar. Denn einzelne Ausnahmen
abgerechnet, pflegen diese im Ampezzo, an der Passer oder
der Etsch hausenden Damen weder selber allzuviel zu
schmachten, noch zu hartherzig schmachten zu lassen. Wenn
die hier Dargestellte davon also eine glänzende Ausnahme
macht, so ist das um so unerklärlicher, als sie in der
That hübsch genug ist, um das Schmachten eigentlich nicht
allzu notwendig zu haben. Da sie das aber unzweifelhaft
ist, so wird man ihr auch diesen unnötigen Luxus, als
eine Erbschaft, welche ihr die vielverbreiteten Äntigonen
und Jphigenien des Künstlers vermacht, hoffentlich leicht
zu verzeihen wissen, — selbst wenn sie damit noch mehr
Unheil in der Männerwelt anzurichten drohte.

Gurlitts Runstscllon in Vrrlin. Jn der großen
Menge von Ausstellungen, die gerade in diesem Winter
in Berlin ihre Pforten geöffnet haben, und mit der Fülle
des überall Gebotenen das Auge des Kunstfreundes min-

destens ebensosehr zu verwirren als zu erfreuen drohen,
bildet der kleine Saal der Gurlitt'schen Kunsthandlung
auch in diesem Jahre ein willkommenes Erholungsplätzchen.
Der beschränkte Raum, jetzt allerdings durch ein oberes
Zimmer erweitert, gestattet nur die Aufstellung einer kleineren
Zahl von Werken, und der feinfühlende künstlerische Sinn
des Jnhabers der Ausstellung bürgt für eine sorgfältige
Auswahl. Das wissen die Maler in Berlin und Düssel-
dorf, in München und Kärlsruhe und sie schicken ihre Werke
gern hierher. Das wissen auch die Berliner Kunstkreise,
und der kleine Salon in der Behrenstraße bildet in den
Ausstellungswochen einen Sammelpunkt der Gesellschaft,
von dem so manches anregende künstlerische Plauderstündchen
— aber anch so manche litterarische Fehde ihren Ausgang
genommen hat; denn Gnrlitt liebt es, der Haupfftadt hier
nicht nur ihre altgewohnten Lieblingskünstler und Mode-
maler vorzusühren. Schon manches eigenartige Talent,
das keck der herrschenden Strömung entgegentrat, ist hier
zum ersten Male an das Licht getreten, und nianche jnnge
frische Kraft unter diesen hat sich von hier aus den Kunst-
markt erobert.
Unter den neuen Erscheinungen, die uns diesmal vor-
geführt werden, erregen die Porträts von Georg Lampe
aus München ein besonderes Jnteresse. Der junge Künstler
tritt hier zum ersten Male aus und bringt drei Männer-
porträts von wohlbekannten Persönlichkeiten der Haupt-
stadt. Die Bildnisse zeigen eine recht sichere Gabe der
Charakteristik und eine Farbenwirkung, die den Köpsen
Tizians mit vielem Glück nachstrebt. Grotzes Jnteresse
erregen hier auch ein Paar Porträts von Thoma, be-
sonders das des Dr. Fiedler aus München. Desto selt-
samer ist indessen wieder von demselben Maler ein Leichnam
Christi von zwei Engeln gehalten, ein Bild, das in seiner
ganzen Anlage recht wehmütig an Giovanni Bellini er-
innert und gerade deshalb sich in seiner herben Kälte um
so befremdlicher ausnimmt. Thvmas Bildnisse haben hier
übrigens schon vielfache Anerkennung gefunden.
Bon den Hauptmeistern der Berliner Schule, die jetzt
ihre großen Treffer am liebsten für die bevorstehende inter-
nationale Kunstausstellung aufbewahren, sind dennoch eine
ganze Reihe von tüchtigen Arbeiten hier beisammen. Louis
Douzette bringt eine große Havellaudschaft, in der der
oft erprobte Meister des Helldunkels ganz neue Farben-
reize entfaltet. Auch in diesem Bilde glüht das Zwielicht
der Dämmerung, doch nicht der Sllberschein des Mondes,
in welchem Douzette so oft das Wasser und die Wolken
seiner schlicht nach der Natur gezeichneten märkischen Land-
schaften gemalt hat, sondern die eben am Horizont hernieder-
sinkende Sonne, die das Wiesengrün und die Mauern und
die Dächer am lkfer des Flüßchens mit warmen Morgen-
lichte überzieht. Auch in dieser Beleuchtung zeigt sich
Douzette meisterhaft und vielleicht noch glücklicher als in
dem Silberton seiner Mondlandschaften. Eugen Bracht
hat eine große Wüstenlandschaft in der Mittagssonne aus-
gestellt, Hans Gudeein Motiv aus Heringsdors nnd
eine leicht bewölkte Harzlandschaft. Ebenfalls mit zwei
klemeren Arbeiten ist Gudes immer glänzender hervor-
tretender Schüler Müller-Kurzwelly vertreten. Nicht
so reich als die Landschafter sind die übrigen Berliner
Künstler erschienen. Allerdings bringt Adolf Menzel
ein köstliches Bildchen: „Beim Schmücken des Altars."
An dem im wildesten Barockstil mit entzückender Feinheit
gemalten Altarbau ist ein junger Geistlicher emporgeklettert,
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