Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 1.1885-1886

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I. Iahrgang. Left 15

i. Nai )Zs6


Nnter besonderrr Mitwirkung von Lr. pecht, lTrrausgegeben von der verlagsanstalt für Aunst und Mstenschaft
__ vormats Frirdrich Bruckmann in München

bckhkmt in halbmonatlichen Heften von ca. I^^^Bogen ceich illustriertem Text und ca. 4 Bilderbeilagen in Umschlag. Abonnementspreis im
Buchhandel oder durch die Post (Reichspostverzeichnis 14. Nachtr. 2916c, bayer. Verzeichnis 386a) 3 M. 60 Pf. für das Vierteljahr (6 Hefte); das einzelne
Heft ,5 Pl. — Jnserate die viergespaltene Nonpareillezeile 30 Vl. 7500 Beilagen 56V^ Mark, bei größerem Format oder Umfang Preisaufschlag.

Frirz von Utide.
Oon L. Reber


früheren Jahrhnnderten gab es in den einzelnen Ländern nur
je eir

eine Kunstauffassung, Stil und Technik gingen einheitlich neben-
einander denselben Weg. Jm 19. Jahrhundert haben sich die nativnalen
Unterschiede mehr als je verwischt, dafür aber löste sich allerwärts
das Bett des Kulturstromes in ein vielarmiges Telta aus, von welchem
bald das eine, bald das andere Rinnsal vom großen Verkehr bevor-
zugt ist, aber jedes benützbar bleibt.
Muß doch trotz der materiellen Grundstimmung unserer Zeit der
Kunst selbst das Recht gewahrt bleiben, bei gewissen Zielen sich den
Wogen der reinen Phantasie zu überlassen und vom Erfahrungs-
müßigeu nur so viel zu verwerten, als zur Verkörperung von Jdeal-
gebilden unerläßlich ist. Je weiter der gewählte Stoff von dem ab-
liegt, was wir in unserer unmittelbaren Naturnmgebung schauen, und
namentlich je mehr er einem Reiche angehört, iu welchem Zeit und Ort
überhaupt verschwimmen, desto mehr erscheint eine solche ideäle, von
der Phantasie und nicht von der Wirklichkeit geleitete Aufsaffung an-
gezeigt. Religion und Mpthologie, Märchenpoesie nnd Lyrik haben
immer aus das Recht Anspruch gemachl und werden es nie verlieren,
sich über die Fesseln des Naturwirklichen bis zu einem gewissen Grade
zu erheben nnd sich eine eigene Sphäre der Darstelliing zu schaffen,
ivelche vvu der objektiven Anschauuug und Ersahrung ziemlich
weit abliegen kann. Tenu es gibt in der Kunft neben
der äußeren Wahrheit auch eine innere, nämlich jene, welche
die von dem Künstler darzustellende Jdee harmonisch und
ganz deckt und in dieser Harmonie auch von dem Beschauer
nachempfunden werden kann, ohne zugleich den Eiudruck
des lllaturwirklicheu zu erwecken. Darf es auch hierbei an unablässiger Berücksichtigung und Heranziehung des natür-
lichen Vorbildes nicht fehlen, so braucht diese doch nicht die Hanptsache und innere Grundlage zu bilden.
Muß es doch selbst bei historischen Darstelluugen aus fernen Zeiten als sehr bedenklich erscheinen, wenn die
äußere Wahrheit sich allzusehr aufdrängt und namentlich an die archäologischen und antiguarischen Tetails klammert.
Tenn nur zu leicht enffteht dadurch eine Art von Maskerade und Bühnenaufputz, welche den eigentlichen Kern um
so unwahrer und unharmonischer wirken läßt. Verstinimt schon oft im historischen Roman die didaktische Absicht, so
springt das Lehrhafte des Beiwerks in Schöpfungen der bildenden Kunst um so mehr in die Augen. Es kann ja
gelingen, daß auch die Wahrheit des Wesentlichen bis zu eiuem Grade gedeiht, daß sie mit jener des Nebensächlichen
harmonisch zusammenwirkt, aber diese Harmonie ist im ganzen im hiftorischen Romane wie im historischen Bilde
gleich selten. Der Eindruck der Einseitigkeit wird einigermaßen geringer oder weniger empsindlich, wo sich die Dar-

Ans ff. oon Uhdes Skizzenbuch

Aunst sür Alle I
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