Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 1.1885-1886

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Uni'ere Bilder
von Fr. pecht
st das, was den Kern der Kunst des Gabriel
Max ausmacht, die ebenso edle als tiefe Em-
pfindung, mit der er seine so durchaus eigenartigen
Schöpsungen beseelt, so findet man sie miederum
in nicht gewöhnlichem Grade bei dem das kranke
Kind heilenden Christus, den wir heute bringen, Max weiß
immer den reiu menschlichen Gehalt einer Handlnng mit merk-
würdiger Schönheit wiederzugeben, er braucht gar keine Wunder,
denn Natnr und Geschichte sind ihm schou wunderbar genug.
Taß er bei seinen Ersindungen an niemand erinnert, sich mit
keinen Reminiszenzen irgend welcher Art aufputzt, das ist freilich
auch nur seiner Verbindung von kerngesundem Talent mit
einer so gründlichen künstlerischen Bildung möglich, die es nie nötig
hat, sich mit Flnnkereien zu helseu, — Wie das arme Weib hier
seinen kranken Knaben hält und voll Vertranen zum Heiland auf-
blickt, das ist mit einer jedes alten Meisters würdigen anspruchs-
losen Schönheit gegeben, Neben ihr sieht der heilende Christns wie
ein milder Arzt aus, der seiner Sache so vollkommen sicher ist, daß
er anch der Frau dadurch augenblicklich Hofsnung einflößt,
Tas Wunder versteht aber Max wie wenige: uns schon
durch die bloße Verteilung des Lichts und Dnnkels, der Farben-
massen zu fesseln. Sie allein schon in ihrer seierlichen Ruhe
lassen uns sosort beim ersten Blick ahnen, daß hier etwas Unge-
wöhnliches und Ernstes geschieht, Gerade in dieser Einfachheit der
Mittel zeigt sich der große Meister, der nicht zerstreuen oder
blenden, sondern uns zur Sammlung und Vertiefung des Gemüts
zwingen will. Darum wirkt denn auch sein Bild durchaus re-
ligiös und erbauend, da es in uns das Vertranen aus das

Aus 6ermann l5chneiders Skizzenbu^i
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