Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 1.1885-1886

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I. Iabrgang. Left 14

15. April P8d


^Unter brsondrrrr Witwirkung oon Lr. Pecht, hrrnusArgrbrn oon drr verlagsanstalt iür Aunft und wiiienschaft
vormals Friedrich Vruckmnnn in Wünchen
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Amon von Werner nnd das Iahr 18/O
Bon Lr. Pccht


T^aß die moderne Kunst Gebiele erobert, Dinge geleistet
habe, welche die noch immer im Banne der Kirche
stehende der Renaissance nicht einmal versuchte, das wurde
an dieser Stelle erst neulich wieder bei Gelegenheit der
Passini'schen Volksschilderung nachgewiesen. Ebenso hat
man in den ersten Jahren nach 1870 ost geglaubt, die un-
geheure Umwälzung, die jenes Jahr herbeigesührt, habe
auf die Kunst keineFolgen gehabt, die furchtbare Tragödie,
welche sich da abgespielt, sei an unseren Küustlern ziemlich
spnrlos vorübergegangen. An letzteren gewiß nicht, um so
spurloser aber au unsern Schulmeistern. Denu wer wüßte
das nicht, daß iu Deutschland nicht etwa seiue Helden und
Staatsmänuer, sondern vor allem die Schulfüchse regieren!
Wie sie den Charakter der „Gebildeten" unserer Nation
verdorben, sie nur zu ost pedantisch, rechthaberisch, eigeu-
sinuig und kleiulich gemacht, so haben sie dieselben vor allem
ganz eutwöhnt, das Wichtige vom Nebensächlicheu zu unter-
scheideu. Dazu braucht man gar uicht einmal nnsern Reichs-
tag, man braucht blos unsere Kunstpflege zu sehen! — So
kam es denn, daß, wührend eine ueue Heldenzeit der Pro-
duktion die größte Anregung gegeben hatte, unsere Schul-
meister sich um diese gar nicht kümmerten, souderu nach
Olympia uud Pergamou gingen und uugeheure Mittel für
eine tote Ännst verschwendeten, die uns absolut nichts helfen
kann, wenn man darüber der lebendigen vergißt. Zwölf
Jahre zankte mau denn auch, bis man es nur zu einem
Platz für das Reichstagsgebäude gebracht hatte und heute
uoch weiß man nicht, was man darin malen und meißelu
R. v. wrrner. Selbstporträtskizzc soll. Wahrscheinlich haben alle olympischen Götter und
alle trojanischen Helden mehr Aussicht in diesem Bau zu
erscheiuen, als die, mit deren Blut er erst möglich ward, oder jene, deren Weisheit die darin Hauseuden vor
der Selbstvernichtung zu bewahren hat. Tenu dahin hat uns unsere große Gelehrsamkeit und herrliche Schul-
bildung ja glücklich gebracht, daß wir vor lauter Brillen nie sehen, was uns vor der Nase liegt!
Als Napoleon zu Aufang dieses Jahrhunderts auch ein großes Reich schuf, drängte er mit dem
gesunden Menscheuverstand, der ihu uicht am wenigsteu auszeichuete, dahin, daß die französische Malerei, die
sich damals auch nur mit der Fabrikation von komödienhaften Römern und süßlichen griechischen Göttern bc-


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