Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 1.1885-1886

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vor tamend .7abren.

Non den Denkiiiölern aus romanischer Zeit anf A-rauenchiemsec.
Beschrieben von Irarl Raupp.


riedrich Pechl nanntc
eimnal in einer
Besprechung ineiner
Thatiglcit als Ma-
ler. wenn auch nicht
mit den gleichen
Worten, Franen-
chiemsee wvhl den
kleinsten Fleck dcnt-
scher Erde, aus wel-
cheni die Wnrzcln
einer künstlerischen
Prodnktwität ihreiltahrnng
erhielten.
So klein nun dieser ürt nuch sein mag, eine tausend-
jährige Geschichte webt ihre Zaubersäden dennoch nni ihn
nnd gar niancher Rest nlter Knltnr lüs;t die Bergangenheit
dem Augc lebendig erstehen. Die Romantik des stillcn
Klosters mittcn im weitcn See, die grauen schindclbedeckken
Mauern, wie die im Sonnenlicht silbern erglänzende Spike
des Tnrmes, wcm sind bei dcrcn Anblick nicht im Geiste
alle die Jahrhniidcrte, welche über dies stillc Eiland dahin-
gerauscht, auserstanden, nnd wer hütte nicht versncht, deren
Runenschrist ausznspüren und zu cntrütseln? Schon dcr
von der Kirche getrcnnt erbantc Tnrm lüsst aus nraltc
Anlage schließen, wenn auch dessen heutiges Aussehen die
illrbeit vcrschiedencr Perioden zeigt.
Übcr ein verwittertes Steinbild, das aus dcr Nord-
seite des vielkantigeii Bauwerks gar bcsremdlich ans dcn
Bcsncher herabsckiaut nnd das offenbar irgend einem Heiligen
zum Gedächtnis hicr nicht angebracht wordcn ist, gibt nns
das Nachschlagcn in dcn Aiiszeichnnngen von Hartwig PeeüH
nnd Ernst lüeis;**) einen gar ergvtzlichen Aufschlus;, dcn
wir hicr solgen lassen, obglcich die Erbannng dieses Turmes,
trotz sciner romanischcn Grundsorm schon in die gotische
Zeit fällt.
Ta ivolltc nümlich im Jahrc 1395 eine Äbtissin
Elsbeth den altcn Turm ihrcr Klostcrkirche neu erstehcn
lassen. Sie vcrschricb sich hierzn eincn Meister Seilz ans
Holland, der sich damals mit seiner Frau in dem nahcn
Wasserburg anfhielt. Ter Bertrag. welchen Seit; mit der
Abtissin abschloß, war, wie versichert wird, für ihn äußerst
günstig: er sollte nümlich sür einen Werktag 15 Psg. und
sür cincn Knecht, „der ihm füglich und nul; wärc" 10 Pfg.
erhalten, „Zu dem Frühpiß soll er in seine Schüssel
habcn ein Trinken Weines. zn dem Mahle Mittags und
Abends jedesmal zwei Trinken. Tie Kost soll er von
der Abtissin Tisch erhaltcn "***). Außerdem mußte nvch

* Die Ehiemseeklöster v. Hartwig Pcek, (Colta Zluttqart!
'* Ernst Geiß, Geschichte des Benedictiner NoiinenklosterS
Frauenchiemsee.
Ernst Geiß, Geschichle des Benedicttner-Nonnenklosters
Frauenchiemsee. Seite .',7.

das Kloster die Seile, welche cr zn seiner Arbeit bedurstc,
herbeischaffen. Am Freitag nach Lichtmessen (d. 6 Horn.)
bcgann der sremde Nceister seine Arbeit und sörderte diese
getrenlich biS Lütare (d. 21. März). Tann aber hören
wir zn nnsercr Bcrwundernng, ivie dcr Arbeiter des 1-1.
Jahrhunderts nicht minder gewandt zu striken wnßte wie
seine Kollegen fünf Jahrhunderte später: auch diese Blüte
nnserer Zeit ift soniit nicht einmal Original.
Nieister Seil; wollte plötzlich nimmer bei dcm Ge-
ding bleiben! Die Äbtissin sollte ihm in Fvrm eincs
Rockes von brauner Farbe den Lohn ansbessern. Man
bot statt dessen einen Gulden nnd Freund Seitz bednrste
keines Rockes mehr. Ermuntert durch diese tztachgiebigkei t
wnchsen sofort die Ansprüche des Baumeisters.
Beinahe jeder Tag brachte mit demselben „wegen
dessen Unstättigkeit" klnterhandlungen, obgleich die Arbeit
niir langsani gcdieh. Anstatt die Arbeiter zn beans-
sichtigen, zog Seitz zur Kurzweil in der Gegend nm-
hcr, wo cr dann in Breitbrunn bei ciner Ranfferei „einen
leiblvs inachte" d. h. erschlng. Tie armen Nvnncn
ivnßten sich mit dcm ivüsten Gcsellen nicht mehr zn helsen.
Nachdem Seitz cndlich den dlbschied und -1 Gnlden Ab-
standsgcld erhatten, drohte er, als die Äbtissin nnn daS
Turmdach decken lassen wollte, Jedem, welcher in sein
Werk einen Nagel schlagen ivürde, einen solchen in den
Kopf zn treiben. Tas Kloster konnte seinen Peiniger
nicht los wcrdcn, dcnn niemand wagte jetzt die Arbeit
zn vvllcnden. Erst als der hollündische Thunichtgnt dnrch
den herzoglichcn Beamten zu Wasserburg gezwnngen wurde,
Ursehde über sein nnd seiner Helfershelser ruhiges Ver-
halten zn schwören, konnte der Bau acht Tage vor Mi-
chaelis 1395 fertig geskellt werden. Um aber den ge-
ängstigten Nonnen sein Bild recht lange im Gedächtnis
zu erhalten, manerte Seitz, obwohl wahrscheinlich diese
Vorsicht kaum nötig gewesen wäre, sein steinernes Ab-
bild in die üußere Wandflüche nnd heute noch grüßt unS
das Tcnkmal des ältesten Sozialdemokraten von der halben
Höhe des Frauenwörther Turmes herab. —
Der Athem einer sehr viel älteren Zeit umweht nnS,
sobald wir links davon unter den Vorbau des ehrwürdigen
Kirchenportals tretcn. Soweit nrkundlich dic Geschichte
des Eilandes und seines Nonnenklosters sich verfolgen läßt,
so lange nnd wol noch länger mögen die srommen Be-
wohner von Franenwörth dnrch dies Portal in ihr Gottes-
haus getreten scin, das alle Wandlnngen übcrdancrt, das
sicherlich einst die wilden Gestalten der Hnnnen um-
schwärmten nnd wclches dnrch Brand nnd Zerstörnng sich
bis auf nnsere Tage hinüber gercttet hat.
Tie Sage erzählt allerdings, schon die Römer wären
aus F-rauenwörth ansässig gewcsen; die prächtigen Quadcr ans
rötlichem Untersberger oder Marquardsteiner Marmor, ans
dencndie Fniidamente dcs Klosters bcstehcn. nnd welche heutc
noch dic Insel vor Stnrm und Eisgang schützend, dieselbe
rings ninsasscn, seien von einer Äbtissin Bc'agdalena 1472
einst behanen ans dem See gehoben worden. Tie Tradition
nennt Herzog Thassilo als den Gründer beider Klöster,
im Jahre 782, am 1. Scptember ward nachweislich anf
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