Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 1.1885-1886

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Ateliernotizen — Ausstellnngen, Sammlungen re.

unter den lebendig gewordenen Gestalten seiner Gcmülde
war, bewies Menzel, indem er bis gegen 2 Uhr Nachts
in diesem Kreise ausharrte.
Ter Festesjubel, wetcher dem Jubilar in Berlin eine
vvlle Wvche hindurch entgegentönte, ist mit den Märscheu
und Fanfaren dieses Festes harnwnisch verklungen. Tie
Erinnerung an diese Tage wird dem Meister und allen,
die sich in dieser Woche um ihn schaarten, unvergeßlich sein.
Grorg Voß

Melirr-Nokijrn
— Matthias Schmid zeichnet jekt an einer Reihe vvn
Darstellungen, deren Stoffe Volkssagen und Volksbräuchen Tirols
euMommen sind. Tiese Zeichnungen zeigen die Volkssagen in
ihrem poetischen Kern ersasst und gewinnen die Gunst des Be-
schauers auch durch die kiinstlerische Berwertung der grostartigeu
öiebirgslaiidschafteu Tirols. So bildet in der lieblicheu Zeichnung, ,
welche die „Saligen" darstellt, der originell gefvrmte Jamtbaler
Gletscher den Hintergrund. Was die „Saligen" sind? Mythische
Iungsrauen sind es mit blondem, langem Haar, welche besouderS
an schönen Sommertagen in Wolkenhöhe schweben; ihre Auf-
gabe ist es, Tiere des Hochgebirges — besonders Gemsen — zu
beschiitzen. Die Schönheit der „Saligen" oder „Schneesräulein"
ist eine so berückende, dast sie schon manchen Landmann herzens-
wund gemacht hat. Die „Sal gen" entziehen sich nicht den
Werbungen verliebter Hirten, wenn die Letzteren ihre llnvermählt-
heit verbürgen. Schmids Zeichnung sührt „selige Fräulein" vor,
deren eine in leichtem, die anmutigen Körperformen verratendem
Gewande emporschwebt, wtthrend die andere eine Gemse liebkost.
Ein Gegenstück zu diesen holden Naturgeistern bildet der „dllpputz".
Diesen lästt die Bolkssage nach dem Tode jener Sennerinnen
herumirren, durch dereu Nachlässigkeit irgend eiu Berlust au Tier-
oder Menschenleben herbeigeführt wurde. Ter Geist Putz hockt
nach der Darstellung Schmids auf einer Martersäule, düster vor
sich hinblickend. Ein Rabe sitzt dem Geiste der Senneriu, durch.
deren Berschulden ein Mädchen von einer F-elseuwaiid abgestiirzt
ist, auf der Schulter und flüstert ibr zu, waiiu die Stunde ihrer
endlichen Erlösung schlagen werde. Auch diese Zeichnung weist im
Hintergrunde eine prächtige, mondbejchieiieiie Alpeiilaudschaft.
Tlndere Darstellungen Schmids entnehmen ihren Stofs Volks-
bräuchen. Einer derselbeu heiht „Spalunkesgehen". Es ist dies
eine originelle Form von Brautwerbung. Der ländliche Jüngliug,
welcher sich der Gunst eines Mädcheus versichern will, begiebt
sich nachts — von einem Freunde begleitet — vor das Haus der
Verehrten, klopft an das Fenster ihres Gemaches und, wenn sie
durch das Gitter desselben ein Fühchen Wein annimmt, das ihr
der Werber anträgt, dann gelten die. Präliminarien der Verlobuug
als vollzogen. Die Eltern laden dann den Brautwerber zu eiuem
Verlobungsmahle ein, bei welchem der in so origineller Weise
iibermittelte Wein genvssen wird. M. Schmid hal es verstandeu, '
diesen Volksbrauch in wirksamer Weise zu verbildlichen. Nur
nebenher jei bemerkt, daß das „Spalunkesgehen" mit dein oft
ausartenden „Fensterln" in anderen Gebirgsländern uichts gemein
hat. — Eine andere Zeichnung Schmids veranschaulicht das „Kerb-
holzschneiden" fronimer Tiroler Kinder, welche nach jedem Gebete
in ein langes Holzstück Einschnitte machen.' Je mehr Gebets-
einkerbungen das Holz aufweist, destv mehr Obst erhalten die
Kinder vom hl. Nikolaus. Noch einer Zeichnung Schmids sei er-
wähnt, deren Held eine originelle Volksgestalt aus Tirol ist. Es
ist der „Tuifelemaler", welcher die landesiiblichen Bilder auf
Martertafeln und Fegeseuer für Andachtssüulen malt. Jn allen
diesen Kohlezeichiiungen lernt man die Vielseitigkeit und die
elastische Gestaltungskraft des Künstlers schtttzen, welcher auch in
den Silten und Sagen seines Volkes eine Quelle wertvoller
Darstellungsstoffe zu sinden wußte.
Lb. Weimar. Seit einiger Zeit weilt hier Früulein Alina
Forstmann aus Lojo bei Helsingfors in Finnland, welche ihre
erste Ausbildung in der Plastik zu Stockholm und Kopenhagen
erhalten und sich dabei der Subvenlion des Fiiinländischen Senats
erfreut hat. Später wurde sie vvn dem Kaiser Alexander II. und
nach dessen Tode von der Fiirstin Demidoff Karai'nzine zu Hel-
singfors unterstützt, setzte ihre Studien iu Rom weiter sort, siedelte
hierauf nach Berlin, Leipzig und dann hierher über. So bescheiden
die Räume, in denen die Kiinstlerin arbeitet, so überraschend ist

loz
das dort Dargebotene. Die hervorragendste ihrer Arbeiten ist eine
weiiiende Psyche, von zwei tröstenden Amoretten umgeben. Ter
Bollendung nahe ist eine Loreley, nach der Liszt'schcn Komposition
aufgefastt, soivie die Spinuerin nach dem üöjvrnsterne Bjönison-
schen Gedicht. Tiese und uoch mehrere kleinere Nrbeiten sind ein
beredtes Zeugnis dafiir, dast Frl. Forßmanii mit einem unver-
kennbaren Talent begabt ist und ejnen wgen Schaffensdrang be-
sitzt, vermöge desseu 'die Künstlerin zu jmiuer größerer Vollendung
gelangcn wird.




Skudir. Von A. v. Werner.

Iskusstellungen, Sammlungeu ekr.
6. V. Berlin. Mit dem jetzt hier zwischen der Friedrichs-
und Wilhelmstraße eröffneten Panorama deutscher Kolonien
von den Malern Louis Braun und Hans Petersen hat
Berlin sein viertes feststehendes Panoramengebäude erhalten. Schon
der volkstümliche Stoff, den das neue Ruudgemülde darstellt, der
Sieg der deutschen Marine über die aufrührerischen Negerstümnie
bei Kamerun ini Tezember 1884, muß dem neuen Bilde seine
dlnziehungskraft sichern. Die von Petersen auf Gruud genauer
Ausnahmen an Srt und Stelle gezeichuete Landschaft zeigt den
Blick über die Mündung des Kainerun und die ani Ufer liegenden
deutschen und englischen Haiidelsniederlassungen. Jm Flust liegen
einige alte ausgediente Kauffalirteischisje vor -lnker, die hier als
schwimmende Warenmagazine dienen. Jn der Ferne sieht uian
auj der Landseite die bereits in Braud gesteckte Heckarystadt und
aus dem offenen Meere iu seiueu Umrisseu die deutschen Schisse
„Olga" und „Bismarck". Ter Beschauer befindet sich auf einer
von den Negeru beseyten Anhöhe, gegen welche die Teutschen vor-
rücken. Ganz voru liegen die Trüninier der von den Empöreni
niedergebraunten Stadt des „King Bell". Tie Neger, etwa 5
bis 600 Mann stark uud iämtlich mit europäischen Feuergewehren
bewaffnet, sind eben daran, ihre vorlrefflich gedeckte Stellung iu
dem dichleu Palnieuwalde auszugeben. Jn trefflicher Lebendigkeit
ist dieser von Louis Braun genialte Kampf dargestellt. Die
Deutschen sind in weiste Leinenanzüge mit breiten blauen Kragen
gekleidet, Ten Kopf bedeckt ein Strohhut mit langem, über dem
Riicken herabsallenden Schleier. Tie Schwarzen sind nur mit deni
Hüstschurz bedeckt. Einige tragen europäische Helme. Besonders
komisch wirkt ein Neger mit der preustischen Pickelhaube. Die
Farbenstimmung des Bildes entspricht, wie Hans Petersen ver-
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