Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 1.1885-1886

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Die Stimmungslandsckaft. Oon M. kanshofer — wereschagins „keilige Familie" von Fr. peckt

Vertretern der Stimmungsmalerei natürlich nicht zugegeben
wcrden; letztere werden vielmehr geneigt sein, die Stimni-
nrgslandschast als eine höhere Kunstgattnng über die
stilisiertc Landschaft zu stellen. Man wird dabei nament-
lich hervorheben, daß die Stimmungslandschast eine weit
feinere Farben- und Lichtempfindung voraussetze, als die
stilisierte Landschaft — eine Behauptnng, die sich aber
durchaus nicht beweisen läßt. Tie Sache liegt vielmchr
so, daß wir in dem heutigen Überwiegen der Stimmungs-
landschaft allerdings eine berechtigte Revolution erblicken,
sowohl gegen die Unnatur. w.lche sich zu gern in der
stilisierten Landschast bre.t macht, als auch gegen die ab-
solute Stimmungslosigkeit, welche man an der reinen Por-
trätlandschaft oft genug zn beklagen hatte. Tiese Revo-
lution soll aber nicht mit dem Untergange der einen oder
anderen Kunstgattung enden, sondern mir einem wohl-
thätigen wechselseitigen Einfluß derselben. Die Landschasts-
inalerei der Zukunft muß dahin kommen, daß zwar der
Gegensatz von stilisierter Landschaft und Stimmungsbild
bestehen bleibt, aber ohne feindselig zu sein, vielmehr so,
daß das ftilvolle Bild nie ganz auf die Stunmung und
ebeusowenig die Stimmnngslandschaft völlig aus Zeichnung

nnd Stilgefühl verzichte. Tamit ist der Kunst uud den
Künstlern und dem Publikum ani meisten gedient.
Tas letztere hat zum Verständnis der Stimmungs-
landschaft erst erzogen werden müssen; es ist auch diese
Erziehung noch dnrchaus nicht vollendet. Tas moderne
Zimmer mit seinen Renaissancemöbeln, seinen dunkeln
Tapeten und schweren Borhängen ist recht wohl geeignet,
die Verbreitung der Stimniungslandschaft im dunklen
Rahmen zu befördern. Was der Künstler mit seiner
Slimmungslandschaft wollte, ivird freilich immer nur ein
Teil des Publiknms empfinden, nnd ein ganz kleiner Brnch-
teil nur wird es deutlich ausdrücken können. Tenn dazn
gehört höchstes Naturverftändnis, gepaart mit psychologischem
Feinblick, weil das vollendete Stimmungsbild Natur und
nienschliches Empfinden vereinigen soll. Jener Teil des
Pnblikums, dessen Naturverständnis und psychologischer
Feinblick nicht so entwickelt ist, kann immerhin in mehr
unbewußter Weise ein derartiges Knnstwerk auf sich wirken
lassen und sein Urteil zusammenfassen in den Worten:
„Ein stimmungsvolles Bild!"
Wax Haushofrr

wereschagins ,,Deilige Lamilie.^
von Lr. peckt

(f^sin Erfüllung unseres schon länger gegebenen Ver-
sprechens bringen wir heute endlich jene heilige Familie
Wereschagin s, welche schon so vielStaub ausgeworfen hat.
Sollen wir ehrlich unsere Meinung über dieselbe sagen, so
scheint uns, daß hier wieder einmal recht sehr die Redens-
art zutrifit „tant c!e bruit pour uue omelette!'' Für-
wahr, die blinde Wut derer, welche auf diese „heilige"
Familie losfuhren, wie der Stier auf ein rores Tuch,
kommt einem sehr komisch vor, da sie die Geschäfte des
russischen Malers noch viel besser besorgt, als er es selber
könnte, der es doch auch recht gut zu verstehen scheint.
Sieht man nun näher zu, so findet man ein ganz artiges
Sittenbild, welches der Künstler sich irgenoivo im Orient
anfgezeichnet imd mit einem halben Dutzend Rangen
bevölkert hat. Wenn es Herrn Wereschagin beliebt, das eine
heilige Familie zu nennen, weit er links einen jungen
Mann angebracht hat, der sich mit Studieren beschästigt,
statt zu hobeln wie Vater und Bruder, so kann ihm das
doch niemand verwehren. Die Hauptsache, die Heiligkeit,
hat er freilich vergessen. Dafür sieht die Szene doch
so durchaus harmlos und gemütlich aus, daß man schon
ein ausgemachter Fanatiker oder — ein Bischof sein muß,
um sich darüber zu ärgern. Rembrandt und Dürer. die
doch recht gute Christen waren, haben ganz ähnliche Bilder
gemalt. Macht Wereschagin denn die Familie lächerlich
oder verächtlich? Thäte er das, so wäre man berechtigt
ihn anzugreisen, da man kein öfientliches Ärgernis geben
soll, gleichviel ob man Maler oder Priester sei. Aber das
sällt deni Russen ossenbar gar nicht ein. Warnm soll in
einer armen Handwerkerfamilie ein Sohn nicht Liebe für
die Wissenschaften haben oder den Wunsch hegen können,
sich über die religiösen Offenbarungen seines Volkes näher
zu unterrichteu? Ter biblische Christus beschämte ja mit
zwölf Jahren alle Schristgelehrten, da wird er im zwan-

zigsten die Neigung, sich mit höheren Dingen zu beschäsligen,
kaum verloren haben. — Tie Frage, ob er Geschwister
hatte, ist aber zedensalls streitig. Warum denn nicht?
Jnteressant ist es indes zu sehen, wie gewisse Zeloten jede
Gelegenheit benützen, um den Versuch anzustellen, wieder
Scheiterhaufen anzuzünden und sich dabei gründlich lächer-
lich zn machen. Taß wir dabei das Recht der Kunst zu
wahren haben. das ist selbstverständlich. — Ganz anders
stellt sich die Sache, weim man sragt, ob denn das hier
wie anderwärts gezeigte malerische Talent Wereschagins
ausreiche, seinen Rus zu rechtfertigen, vorab, ob es ihm
das Recht gebe, als großer Künstler auszutreten. Leider
habe ich seine Olbilder nicht, sondern nur die Photo-
graphien derselben, diese aber iu sehr großer Zahl gesehen.
Da muß ich aber schon annehmen, daß er ein großer
Kolorist sei, denn als großen Koniponisten oder Zeichner
kann man ihn unmöglich gelten lassen. Zwei drittel bei
seinen Kompositionen sind sichtlich nach Photographien ge-
macht, und was es nicht ist, das wird oft mehr als zweifel-
hast. Er scheinl daher weit eher geistvoll und originell
als Mensch, denn als Maler zu sein. — Als solcher sucht
er ossenbar das Defizit der künstlerischen Kraft durch
pikante Einsälle und allerhand Kunstgrifse zu verdecken,
durch fremdartige Szenerien und Kostüme zu verblüfsen,
während man sast nie eine wahrhaft originell oder groß-
artig gedachte Figur bei ihni trifft. Selbst sie zu bewegen
wird ihm offenbar schon recht schwer, wie man das ja
anch hier sieht, wo alle Personen posieren. Wohl deswegen,
weil seine Fühigkeiten nicht harmonisch verteilt sind, hört
man auch so sehr verschiedene kkrteile über diesen Künstler,
den die Kollegen fast regelmäßig sehr viel geringer taxieren,
als das Publikum, dem seine Werke Schauder und Ent-
setzen eingeflößt. Jndes gehört selbst dazu eine entsprechende
Kraft, wenn auch nicht gerade eine rein künstlerische.
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