Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 1.1885-1886

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Matbias Gchmid.
Aus der Geschichte scines Lebeus und Schafsens.
vc>n Or. Ndalbrrt Svoboda
es kommt, daß der Künstlerhumor über eine ganz
besondere komische Schlagkrast verfügt'? Nun, Künstlcr
besitzen nicht blos eine erregbare Phantasie, welche entlegene
Vorstellnngsbeziehungen rasch anssindet, sondern sie sind anch
gewohnt, Natur und Leben schars nnd ansmerksam zu beobachtcn
und da kann es nicht sehlen, daß ihncn in voller Lebendigkeit
jene Kontraste vor's Auge treten, ans welche sich das Komische
stützt
Jch wurde dessen auch bei den frischen und ivitzigen Tar-
stellungen inne, in welchen Mathias Schmid seiner Jngend-
erlebnisse nnd jencr Tücken des Schicksals nnd der Menschen ge-
denkt, niit welchen er zu ringcn hatte, nni seine künstlcrische
Begabung zur Entwicklung nnd znr Geltnng zu bringen. Mit
drastischer Bercdsamkeit erzählte mir der berühmte Maler n. A.
von den erstcn artistischen Leistnngcn seiner Jugend.
WaS Malcr werden will, kann sich bekanntlich nicht früh-
zeitig gcnng im Zeichnen üben nnd das that denn auch in seiner
Weise das „klcine Hiesele"; Mathias Schimd besuchte als Knabe
die Schule im Torf See in Tirol. Das erste Modell HieseleS
war natürlich scin Lehrer, ein Mann von Güte und Einsicht,
welcher nicht über die Zerrgestalten emport war, welche das
heitcre Kind gczeichnet hat, sondcrn deni Vater des kleinen
Zeichners, einem ziemlich wohlhabendcn Landmanne im Paznauner
Thale, bedentet hat: „Tas giebt einen Maler!" Vater Schmid
wiederholte: „G'wisz, dös geit an' Moler!" — als er scin
gestempeltes Hausbnch mit Figuren vollgezeichnet fand, welche scin
von den Musen geküßtes Söhnchen auf das Papier wersen mußte.
Hiesele Schmid wnrde nach vollendeter Schulzeit zn dem bekanntesten Künstler der Nord-
westecke Tirols, zu dem Faßmaler nnd Vergolder (in Tirol „Tuifelemaler" genannt) in Tarenz
bei Jmst in die Lehre geschickt. Ter Vergoldcr zeigte seincm Lehrlinge von dem Wenigcn, was
er selbst kannte, gar nichts, damit er sich eine mögliche Konkurrenz von vornherein vom Leibe
schüttle. Gleichwohl erkannte der Tuifelemaler von Tarenz in lichten Angenblicken der Telbst-
erkenntnis die enggezogenen Grenzen seines Könnens, soivie die Überlegenheit seines Lehrlings in artistischer Beziehnng.
Teshalb überwies er dem Letzteren die Aussührung eines delikaten Kunftanftrags, welcher einem originellen Anlaß
entkeimte.

Aus


Tas Teckengcmälde der Kirche zu See ftellte den ersten Sündensall dar; der Kurat des Torfes war damit unzu-
fricden, daß auf dieser Freske die erste Jungsrau in paradiesischer Einfachheit abgebildet war. Er beauftragte den Tuifelemaler
von Tarenz, das Ärgernis von der Tecke zu beseitigen. Ter Faßmaler traf es zwar, Heilige zu vergolden, aber ihre Blößen zu
bedecken, verstand er nicht. Da mußte ihm Mathias Schmid aus der Verlegenheit helfen. Hicsele nahm nun viel, sehr
viel Lchweinfurter Grün und malte über die reizende Naturtracht Evas üppige Stauden so lange, bis aus dem Blätter-
werk nur der Kopf der Freundin Adams heraussah. Tiese Umwandlung Evas in ein Gebüsch hat den Kuraten umsomehr
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