Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 1.1885-1886

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Aus und von dem Städel'scheii Inltltute lll Lranksurt a./N.

ährend rundnm die Wogen des Karnevals hoch
gingen, vollendere emsig und stille in seinem Atelier in
dem Städel'schen Jnstitnte der Altmeister in der kirchlichen
Bkalerei, Prosessor Edward von Steinle, em neues
anziehendcs Werk, Die 75 Lebensjahre, die er znrückgelegt
hat, haben weder die Schassenslust noch die schöpferische
Kraft dieses seltenen Meisters zn beeinträchtigen vermocht.
Nachdcm er die Kunstsreunde vor einigen Jahren durch die
Kraft und Schönheit einer Fülle von Kompositionen iiber-
rascht hatte, welche sür den Chor und das Qnerschist des
Tomes in Frankfnrt bestimmt waren, — auch inzwischen
bereits von seinen Schülern ansgeführt worden sind, - -
folgte im vergangenen Jahre der zweite Teil jener ge-
waltigen Arbeit, nämlich die gleichfalls in Wassersarben
kolvriertcn Kartons für die Langschiffe nnd die Eingangs-
halle im Turni. Auch sie stehen in nichts dem ersten
Teile nach. Es würde hier zu weit führen, sie einzeln zn
besprcchen; abcr ein e Tarstcllung verdient ganz besonders
hervorgehoben zu werden: die Erlösung der Seelen aus
dem Fegefener, welche trotz des spröden nnd scheinbar
künstlerisch gar nicht zu bemültigenden Gegenstandes mit
einer Milde nnd Jnnigkeit des Ausdrnckes zur Anschauung
gebracht ist, welche wahrhast ergreifend wirkt.
Tiese gleiche, in sich abgeschlossene Ruhe, diesen Frieden
der Seelc atmet auch das neueste, weit wcniger nnisang-
reiche Werk Edward von Steinlcs.
Es ist zum Schmuck der Altarnische in der Kapelle
eines Schlosscs des Grafen Loe am Niederrhein nnweit
Kevelaer bestimmt nnd zeigt uns die Berehrnng des Krenzes
— nicht des Gekreuzigten — von seiten der Schntzheiligen
der Familienmitglieder. Rechts nnd links von dem, die
Mitte des Bildes einnehmenden, ornamentierten Krenze
neigen sich verehrend zu demselben hin die Heiligen
Mathilde nnd Elisabeth, an welche sich znr linken die
Heiligen Lndwig und Georg, rechts St. Fridericus nnd
St. Hnbcrtus anschließen, alle anf sanstblauem Grunde
stehend. Wir erfreuen nns ebenso an den krastvollen nnd
würdigen männlichen Gcstalten, wie an der Lieblichkeit der
dargestellten Franen; wir sühlen den wunderbaren Zauber
uns nmstricken, welchcn Wohlklang nnd Rhlithmus anf das
Menschenherz ausüben nnd fragen nns erstaunt: wie
können solche Blumen in dem drängenden, lärmenden
Knnst-Alltagstreiben nnseier Gegenwart so ungestört auf-
blühen? Sie scheinen einer sast untergegangenen Blüten-
gattung der Kunst anzngehören nnd jeder, der in dem
Garten der Kunst nicht nnr die Modeblumen sehen möchte,
mnß sich ansrichtig an ihnen erfreuen!
Tie Wölbung der Knppel wird von der von Engeln
umgebenen thronenden Jungfran mit dem Ehristkinde ein-
genvmmen, alle Fignren ans Goldgrund stehend. Mehr
als in dcn Fignren der Nische ist in diescr Grnppe eine
sich dem Mittelalter anschließendc Form beobachtet. Die
Anssührnng der Arbeit wird dnrch einen Schüler Steinles
stattstnden und es ist zu wünschen, daß möglichst wenig
von dem Zauber des Originales dabei schwinde!
Ein anderes Atelier in dem Städel'schen Jnstirute
betreten wir stets mit Freude und Jnteresse. Es ist das des
Lehrers an der Bildhauerschnle, des Professors Kaup ert.

Ein vor aller 4lugen dastehendcS Nkonument seiner künst-
lerischen Gestaltungskraft hat er sich am neuen Frank-
fnrter Spcrnhanse in dem südlichen Giebelselde errichtet,
dessen Mitte die anmutsvolle Gruppe der stehend sich um-
schlingenden Grazien einnimmt, unter deren Einwirkung
sowohl Scher.z nnd bacchischer Übermnt, wie Schuld nnd
tragisches Verhängnis, die Grnndlagen aller dramatischen
Kunst, dargestellt sind. Tiesmal treten uns in seinem
Atelier die charaktervollen und nngemein ähnlichen Büsten
des Kommerzienrates v. 4k . . . nnd jene des verstorbenen
Großindustriellen v. B . . . entgegen. welche lebendiges
Zengnis von der Begabung des Künstlers auch nach dieser
Richtung hin ablegen, in welcher ein gewisser Jdealismus mehr
als eine realistische Neigung hervortritt, nach unserer Mein-
ung nicht znm Nachteile des Kunstwerkes. Trotz viclfacher
körperlicher Behinderungen versolgt Kanpert doch uner-
müdlich den Weg ernsten Schaffens und ist gegenwärtig
mit deni Entwurfe zu einer lebensgroßen Statue unseres
Kaisers beschäftigt, welche eine nene Reihenfolge deutscher
Kaiser in dem Kaisersaale des Römers eröffnen soll, nach-
dem bereits, in Slgemälden dargestellt, die Träger der
Kaiserwürde in dem 1000jährigen heiligen römischen
Reiche dentscher Nation die Nischen des Saales schmücken.
Zwar wird der Marmor zn diesem Werke auch von jen-
seits der Alpen kommen; möge sich aber unser neues
dcutsches Kaiserreich dentscher Nation alles andere Ultra-
montane und Römische krastvoll vom Leibe halten!
Als gewissenhafter, pslichttreuer Lehrer in den Zei-
chcn- und Malklassen wirkt in dem Jnstitute Heinrich
Hasselhorst. Gerade aber diese ernste Aussassung seines
Berufes läßt ihm wenig Zeit zu eigenen Arbeiten ansge-
dehntcrer Natnr übrig, und dieser Rest reicht kaum für
ihn hin, nm den Anfordernngen zn gcnügen, welche an
ihn als Porträtmaler gestellt werden; die ihm verbleibende
Muße verwendet er mit Borliebe für gcnrearlige Tarstel-
lnngen. Tie Galerie des Städel'schen Jnstitntes hat bei
Peranlassung semes kürzlich stattgehabten 25jährigen Lehrer-
jubiläums ein schon länger von ihm gemaltes Bild er-
worben, welches die anatomische Betrachtung eines von der
Lampe beleuchteten jnaendlich krästigen weiblichen Körpers
durch den Professor der Anatomie, Or. Lncae und die
Maler Professor Jakob Becker und Hasselhorst
darstellt.
Die Architekturschule der Anstalt steht nnter der Lei-
tnng des Professors Oskar Sommer, des Erbauers
des nenen Jnstitntsgebändes, wclches für seine Begabung
glänzendes Zeugnis ablegt. Jhm konnte man nnr Glück
wünschen, daß ihm die schöne Aufgabe eines solchen Mo-
nnmentalbaues zn teii wnrde. Konnte man aber ebenso
anch der Stiftung zu diesem Neuban Glück wünschen?
Hat derselbe znm Gedeihen der Ülnstalt im Sinne und
Geiste des Stifters beigetragen? Tie allgemeine Anschau-
nng spricht sich in Frankfnrt mit aller Entschiedenheit da-
gegen aus.
Ter ältere, znr allgemeinen Benutznng sehr glücklich
gewählte, mit vortresslichen Sälen ausgestattete Bau, würde
bei Verlegnng der Schnle aus demselben nnd bei Anbau
eines Seitenflügels ans kanm absehbare Zeit hinans ge-
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