Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 1.1885-1886

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Bilderschau. Von Friedrich pechl.

WO

werm ciuch von bewundcrungswürdigem Aneignungstalent,
rang er sich doch durch unablössiges Naturstudium zu
immer größerer Eigentümlichkeit durch, nachdem ihm nur
einmal durch das Jahr 1870 ein gewaltiger Stoff und
die Gelegenheit geboten war, die Entwicklung weltgeschicht-
licher Schicksale in der Nähe zu betrachten. Tenn um
große Menschen schildern zu können, muß man sie not-
wendig gesehen haben — oder selber zu ihnen gehören.
Letzteres gilt unstreitig von Menzel, der in vielen Stücken
Werners Vorbild gewesen, vorab im blitzschnellen Erfassen
des Charakteristischen ini Menschen und seiner Begegnung
wie in der eisernen Willenskrast nnd dem glühenden
Patriotismus. Wenn Werner auch wie jeder bedeutende
Künstler sich eine völlig selbständige Formensprache aus-
gebildet hat, so kann man ihn doch unstreitig als den ein-
zigen berusenen Fortsetzer der Menzel'schen Richtung be-
trachten, da er deni Vorbild anch im Neichtum des Geistes,
dem schalkhaften Hnmor und der durchdringenden Menschen-
kenntnis wenigstens verwandt ist. Wir haben deshalb
keinen zweiten Künstler in Deutschland, der zur Schilderung

der Geschichte der Gegenwart so durchaus befähigt wäre.
Wie man weiß, hat Wcrner ja eine Menge Szenen ans
früheren Perioden gegeben, ja damit angefangen, aber es
gerade hier nicht über mehr oder weniger ausgesprochene
Anlehnungen, bald an Schwind, bald an Paul Veronese
oder moderne Franzosen hinausgebracht, während er bei
seinen modernen Szenen, bei Schildernng von Tingen oder
Menschen, die er selbst gesehen nnd erlebt hat, durchaus
originell blcibt, so gut als Knaus, Vautier, Defregger oder
Passini es sind, Nur daß er sich mehr ans historische, an
den großen Stil hält. Aber seine Änkunft der Preußen
mit Moltke vor Paris, die Kaiserproklamation dort, dann
der Empfang des Kaisers in Saarbrücken, der Kaiser am
Grabe feiner Eltern, dann vor Allem der Berliner Kon-
greß, die Taufe des eigenen Söhnchcns, das sind alles
Bilder von absoluter Eigenartigkeit, welche er nach nnd
nach wie in den Panoramen immer schärfer herausarbeiiet,
und von denen wir unsern Lesern demnächst eine Probe
vorlegen zu können hosfen.

Skudir. von^A.^v. Werner,


Leiiikich Leinlein.
o ist denn wieder einer jener Künstler heimgegangen,
welche München unter König Ludwig I, den Ruhm
der ersten Knnststadt diesseits der Alpen eingetragen:
Heinrich Heinlein schied in der Nacht vom 7. auf den
8. Dezember aus dem Leben, nachdem er am 3, desselben
Monats sein zweiundachtzigstes Jahr zurückgelegt hatte.
Unter den zahlreichen namhaften Landschaftsmalern
der Neuzeit war Heinrich Heinlein ohne Frage einer der
hervorragendsten. Er war am 3. Dezember 1803 zu Weil-
bnrg (Nassauf geboren, wo sein Vater, früher Spezerei-
und Konditoreiwaaren-Händler, vom Fürsten von Nassau-
Weilburg zum Vorstand der Hofkonditorei ernannt worden.
Heinrichs Mutter ihrerseits enlstammte der bekanntenKünstler-
familie Riedel: ihr Vater nnd ihre vier Brüder waren
ausübende Architekten und sie selber zeichnete Porträts in
Pastell,
Heinrich erhielt eine sorgfältige Erziehnng, welche seine
schönen Anlagen zu erfreulicher Entwickelung brachte, Bon
glücklicher Empfänglichkeit für die Erscheinungen der Anßen-
welt, gab er sich früh den Eindrücken des malerifchen
Lahngrundes hin, zu dessen interessantesten Partien seine

Vaterstadt und ihre Uingebung niit den jah zum mühlen-
reichcn Fluß abfallenden Granit- nnd Porvhyrwänden
zählt. Namentlich an stürmifchen Herbstabenden hielt den
romantifch angelegten Knaben nichts im Hause, er konnte
stundenlang dem Rauschen der Bäume lauschen und
träumcnd dem Zuge der Wolken zuschauen, Und dieser
romantische Sinn ward noch genährt nnd gesteigert durch
die Gewohnheit des Vaters, im Zimmer auf- und abgehend
Monologe und ganze Szcncn aus Shakspeare und Ge-
dichte Ossians zu rezitieren. So war es nicht zu ver-
wundern, daß Heinrich während seiner Gymnasialstudien
als ein zerstreuter und träumerischer Junge galt.
Obgleich es in Weilburg einen eigenen Hofmaler,
Namens Verflassen gab, erhielt Heinrich doch den ersten
Zeichenunterricht von seiner Mutter. Auch im Klavier-
und Violinspiel ward er daheim unterwiesen.
Nach dem Ableben des Fürsten nahm der alte Hein-
lein seine Entlassung aus dem Hofdienst und siedelte nach
Mannheim über, wo er wieder sein elterliches Haus be-
wohnte. Heinrich war damals erst fünfzehn Jahre alt
und kannte von Kunstwerken nur die romanischen und
gothischen Bauten an der Lahn und deni Rhein, in Mann-
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