Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 1.1885-1886

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llnler brsonderrr Wikwirkung von Lr. pecht, herausgrgrben von drr verlagsanftalt für Runst nnd Mstenschaft
vorinals Lrirdrich Vruckmann in Wünchen

„Tie Kunst für AUe" erschemt iu halbmonatlichen Heften von ca. I Ve—2 Bogen reich illustriertem Text und ca. 4 Bilderbeilagen in Umschlag. Abonnementspreis im
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DLe Verüner MMäumF-AuMellung.
Von Lr. Pecht
D-lS Sittenbild. (Lortsetzung)
c^IIndem ich nun zn München übergehe, stoße ich gleich auf Wilhelm Diez, dessen kleine Perle eines vor
.—>! den geharnischten Führer eines lauernden Ranbrittertrupps an den Ohren herbeigeschleppten Bauern, man
hinter Lindenschmits riesiges Bild so glücklich versteckte, daß neun zehntel der Besucher gar nicht darauf auf-
merksam werden. Denn wenn ein Zwerg mit einem Riesen spazieren geht, so fällt er diesem leicht in die
Westentasche. Das ist nun hier um so mehr zu bedauern, als das Bildchen den ganzen urwüchsigen Humor
des Künstlers zeigt, der sich wie kaum ein anderer in die verschiedensten Zeiten zu versetzen und sie uns mit
einer Lebendigkeit vorzuführen versteht, daß man meint, er wäre dabei gewesen und habe alle Spitzbuben
von drei Jahrhunderten porträtiert. Dem Galgen dürfte indes kaum
einer entrinnen von denen, die er uns hier vorführt, Ritter und Knappen,
wie Bauer. Und doch gleicht Diez auch darin seinen großen Vorbildern,
daß er das Modell nie unmittelbar benutzt, sondern nur Studien nach
demselben zeichnet. Ebenso meisterhaft als die Figuren ist die wilde
Waldebene erfunden, hinter deren Gebüsch die adeligen und bürgerlichen
Schnapphähne lauern, bis die Nürnberger oder Danziger Kaufleute
kommen, deren schwere Frachtwagen zu erleichtern sie die humane Ab-
sicht haben. Man seuszt da unwillkürlich: o goldene alte Zeit, wann
kehrst du zurück, wo Albrecht Dürer von Bamberg bis Mainz bloß sieb-
zehnmal Zoll zahlen mußte, um durchzukommen. Auch die hinter einem
Zaun „Ruhenden Landleute" des Meisters haben wenig Aussicht, unsere
Sehnsucht nach der Vergangenheit zu vermehren, so reizend sie gemalt
sind. Der schlagende Witz liegt bei Diez aber nicht nur in der Auf-
fassung des Stoffes, sondern nicht weniger auch im Vortrag, im Mach-
werk, wie bei Brouwer. Jch wüßte denn auch niemand, der von aller
Romantik so gründlich zu kurieren im stande wäre, als gerade Diez es
durch seine so schlagend wahren als witzigen Bilder thut.
Selbst Klaus Meyer vermag es nicht, dessen Würfler aus der Zeit nach dem dreißigjährigen Kriege
einander das Geld doch auf weniger gewaltsamem Wege abnehmen. Das die Spannung des Spiels, den
Ärger des Verlierenden, die Genugthuung der Gewinner wie die Schadenfreude der Zuschauer unübertrefflich
charakterisierende Bild geht in seiner Darstellung des Seelenlebens weit über Pieter de Hooghe hinaus,
dessen Formen es wohl adoptiert, ihn aber im Ausdrnck der Figuren gar sehr überbietet. Jn letzterem hat
dieser Künstler, der es so überaus ernst mit der Knnst nimmt, überhaupt große Fortschritte gemacht seit seinem
„Beguinenkloster", das vor vier Jahren seinen Ruf begründete. Die Erfindung seiner Charaktere wie ihre
Ausführung ist gleich meisterhaft, was auch von seinem „Raucher" gilt, wo das Spiel des Sonnenlichts an
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