Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 1.1919/​20

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dann nach Haarlem, sah die Franz Hals, die Bilder der
alten Vorsteher und Vorsteherinnen, das der herrliche
überirdische Künstler im Alter von 80 Jahren mit groß-
artigem Feuer heruntergemalt hatte. Hier wurde es mir
schon klar, daß dieses Bild ein inneres Erlebnis, der
Ausdruck seines Greisenalters, seines ganzen Lebens war.
Von den Menschen verlassen, in bitterster Armut mußte
er die Almosen des Armenhauses annehmen. Als er
diese alte Frau mit dem grauenhaft verwüsteten Gesicht
und dem durch das Alter und die Arbeit ausgemergelten
Händen malte, war er es selbst, der sich geistig noch
einmal den Menschen zeigen wollte.

Es sind ja nur einige Anmerkungen, die ich zu
diesem Thema zu geben vermag. Ich habe versucht, zu
zeigen, daß eine allseitige Erklärung des künstlerischen
Erlebnisses nicht möglich ist. Aber das Unerklärliche
habe ich selbst beim Schaffen eines meiner großen Bilder,
des Jeremias, aufs Tiefste empfunden. Vor etwa 25 Jahren
befand ich mich in einer sehr schlimmen Lebens-
verfassung. Ich war mit dem Ringen gegen die Unver-
nunft und den Egoismus der Menschen zu Ende — kein
Geld und auch nicht die geringste Aussicht, daß es mir
in diesem Leben noch einmal besser gehen könnte. In
dieser unglücklichen Stimmung suchte ich Trost in der
Bibel — man mag sagen was man will, sie ist doch das
edelste Buch, das menschlicher Geist hervorgebracht hat.
Un so kam mir der Gedanke, den Jeremias zu malen.
Nun trat die Frage auf, wie ich die Gestalt machen
sollte: gehend, sitzend oder stehend. Ich kam zu keinem

Resultat. Immer trat mir die Gestalt des sitzendes Jere-
mias von Michelangelo entgegen. Wie sollte es mir ge-
lingen, einen Jeremias zu schaffen, der nicht an diese
hoheitsvolle Gestalt erinnerte!

Da geschah etwas wunderbares, das ich hier er-
zählen möchte, um vielleicht zeigen zu können, wie
blitzschnell einem Künstler die Lösung seines Werkes
kommen kann. Ich lag an einem späten Nachmittag auf
dem Sopha in meinem Atelier und grübelte verzweifelt
über mein Schicksal nach. Langsam sank der Tag, die
Dunkelheit wurde größer in meinem Atelier, hüllte bald
Alles in einen schwarzen Schleier ein. In meinem
Schmerz und in meinem Unglück empfand ich nichts
davon. Plötzlich sah ich auf, oder vielleicht mußte ich
aufstehen — und da sah ich gerade gegenüber von
meinem Sopha meine liegende Gestalt in dem Spiegel.
In demselben Augenblick wußte ich, daß dies die Figur
zu meinem Jeremias sein mußte — liegend auf der
weiten dunklen Erde mußte ich ihn malen.

So weit wäre ja das künstlerische Erlebnis zu er-
klären. Aber wie kam ich auf den Gedanken, einen
drei Meter großen Nachthimmel zu malen, von dem die
Sterne kühl und gleichgültig herniederschauen? Dieser
Himmel durfte nur so sein, in dieser unendlichen Größe;
und nur tiefe Nacht mußte den von allen Schmerzen der
Verzweiflung gepeinigten Jeremias umgeben. — Aber wie
ich auf diese tolle Idee gekommen bin, das kann ich
nicht sagen. Und hier beginnt auch die Unmöglichkeit,
Uber das Rätsel des künstlerischen Erlebnisses zu sprechen.

Sciocebungcn der LDiener Gemäldegalerie

feit Kriegsbeginn

non

Gulfau» Glück

|| ie Gemäldegalerie des kunsthistorischen Museums
in Wien hat dank der Opferwilligkeit einer Anzahl
von Kunstfreunden auch in den schwierigen Zeiten des
Krieges nicht ganz auf Erwerbungen von Bildern alter
Meister verzichten müssen, die den Bestand dieser welt-
berühmten Sammlung nicht nur vermehren und ergänzen,
sondern sich auch dem eigenartigen geschlossenen
Ganzen, das die historisch gewordene fürstliche Privat-
sammlung darbietet, vortrefflich einfügen. Es ist ja wohl
etwas schwierig, für eine solche alte Galerie zu kaufen;
denn einerseits ist sie so reich an Werken allerhöchsten
Wertes, daß daneben leicht das Neuerworbene ver-
schwindend unbeträchtlich erscheint, andrerseits hat sie
so viele Lücken, die sich aus der besonderen Art ihrer
Entstehung erklären, daß das Hinzugekommene, vor-
sichtig gewählt, zu dem Alten ganz passen muß, damit
es nicht dem Vorhandenen gegenüber vereinzelt und
fragmentisch wirkt. Die Bereicherung der Galerie in den
letzten fünf Jahren umfaßt nicht mehr als elf Gemälde,
wenn man von Unbedeutendem ganz absieht, aber diese

elf Gemälde vertreten die Kunst von drei Jahrhunderten,
vom fünfzehnten bis zum achtzehnten, und zugleich die
drei bedeutendsten Malerschulen, die deutsche, die nieder-
ländische und die italienische.

Das älteste von diesen neuerworbenen Bildern ist
die von der berühmten Kaufmannschen Sammlung in
Berlin her, bei deren Versteigerung sie vor zwei Jahren
erstanden werden konnte, Kennern wohlbekannte kleine
Madonna von Hans Holbein dem Älteren, ein
vorzügliches Werk dieses großen deutschen Meisters,
das in der Innigkeit der halb religiösen, halb mütterlichen
Empfindung kaum von einer anderen Darstellung dieser
Art übertroffen wird und in der geschlossenen Kompo-
sition mit ihrem zärtlichen Anschmiegen von Mutter und
Kind und in der warmen, niederländischen Art noch nahe-
stehenden Färbung mit dem feinen alten Ton des schwarz
getupften Goldgrundes von höchstem Reiz der malerischen
Erscheinung ist. Das köstliche Stück, bei dem wir die
unzweifelhaft richtige Bestimmung des Meisters dem
Scharfblick des ausgezeichneten Berliner Kenners Max

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