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Charis.

Rheiniſche Morgenzeitung fuͤr gebildete Leſer.

Ne 18.

Samstag,

den 2.

Mærz

1822.

Fragmente einer maleriſchen Reiſe

d ur ch

verſchiedene Gegenden des ſüdlichen
Teutſchlands.

Fortſetzung.

nur von der buntgeſchmuͤckten Sonntagswelt beleb-
ten Straßen.
Ernſt und ehrfurchtgebietend ſtrebt der rothleuch-
tende koloſſale Dom aus den zuſammengeſchobe-
nen Haͤuſermaſſen hervor; um ihn erheben ſich die
ſturmtrotzenden Thuͤrme der alten Quintins-, der
heiligen Emeranskirche, ehrwuͤrdig ſchaut der
St. Stephan herab, und ſtolz reihen ſich in
blaͤulicher Ferne die beiden Thuͤrme der Peters-
kirche an dieſe erhabenen Vorvordern. Die blau-
ſchwarzen Schieferdaͤcher harmoniren melancholiſch
mit dem grauen Mauerwerk alternder Gebaͤude,
und der tiefe Ernſt der Stadt wird nur durch die
netten, ſie umgebenden, italieniſchen Villen gemil-
dert. Hie und da jauchzt die froͤhliche Schaar ſpie-
lender Kinder; von Zeit zu Zeit werden noch die
Glocken angezogen; polternd raſſelt die ſtaubige
Chaiſe von der Chauſſee in die enge Straße; mun-
ter ſchreitet auch wohl von den benachbarten Doͤrfern
ein Landmann, mit ſeinem hohen Haſelſtock in der
braunen Hand und dem reingepuzten Spitzhut auf
dem Kopf, nach der Stadt; und rings auf den Waͤl—
len blinken die Gewehre der preußiſchen und dſter-
reichiſchen Wachen.
Jezt erheben ſich die Winde aus Weſten, und
ſchon hat ſich die belebende Sonne hinter das ſchwarz
aufſteigende Gewoͤlk verſteckt. Dichter, immer
dichter und ſchwaͤrzer waͤlzt ſich die Maſſe uͤber das
waldige Berggeſtruͤppe; der Rauch aus den Schorn-
ſteinen fliegt in blauen Ringen, durcheinander ge-
peitſcht, in die Luft; die duͤſtern Schieferdaͤcher in
der Tiefe und der dunkle Wolkenflug in der Hoͤ—
he, geben ein Bild trauriger Uebereinſtimmung.
Schwarz quillt das tobende Gewitter uͤber die

Duͤſtre truͤbe Flugwolken ziehen uͤber die niedrigen
Berge aus Weſten herauf. Der Sonne gluͤhende
Stralen ermatten, verſchwinden ploͤtzlich und blicken
ebenſo ſchnell wieder hervor.
Noch tritt die Umgegend von Mainz reizend und
in ſtrotzender Fuͤlle vor das Auge. Ruhig ſchlaͤn—
gelt ſich das blaue Flußbett, zur Rechten, zwiſchen
lachenden Wieſen und fruchtbaren, zum Theil ſchon
herbſtgelben, Feldern, die freundliche Petersaue
umſpielend, dem entfernten Bingen zu. Hinter
einzelnen. dichten Waldpartieen blinken die ſpitzen
Kirchthuͤrme verſteckter Doͤrfer hervor, ſchwankende
Kaͤhne gleiten uͤber den Fluß, und in weiter Ferne
zieht ſich jenſeits ein Aſt des waldigen Tau-
nus-Gebirges, aus dem das Haupt des hohen
Feldbergs und Altkoͤnigs majeſtaͤtiſch in die
Wolken ragt, an den Rhein herab, Jn leichten
Umriſſen ſchwimmt Caſſel im Spiegel des Stro-
mes und diesſeits, zur Linken, begraͤnzt eine Reihe
niedriger, buntgemalter Berge, welche mit den
gruͤnbewachſenen Schanzen zuſammenſchmelzen,
die uͤppige Landſchaft. Jn der Mitte dieſer Be-
graͤnzung liegt die altgothiſche ehrwuͤrdige Stadt.
Ein feierlicher Ernſt herrſcht darin, und weder das
Raſſeln geſchaͤftiger Wagen, noch das Haͤmmern auf
hellklingendem Amboß; weder das gellende Geſchrei
der Hauſirer, noch das froͤhliche Gewuͤhl der Markt-
leute, kurz nichts von dem ſchoͤnen geſchaͤftigen Le-
ben des Mittelſtandes wogt heute durch ihre duͤſtern,
 
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