Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Die Frankenthaler Porzellanfammlung des
Heidelberger Kurpfälzifdjen Mufeums
Mit zwei Abbildungen auf einer Tafel Von WERNER SCHMIDT-Heidelberg
Die Neuordnung, die aus den früheren „Städtifdjen Sammlungen“ zu Heidelberg
mit ihrem Gemifd) aus wertvollem Beftand und oft recht wertlofen lokalgefd)id)t-
lidjen Erinnerungen ein Mufeum von erlefenem Gefdjmack und kunftgefd)id)tlid)er
Bedeutung machte, l)at ihm in einem der Räume eine befondere Anziehungskraft für
den Forfdjer und für den kunftfreudigen Befud)er gefdjaffen: im Saale des Franken-
thaler Porzellans.
Diefer ehemalige Prunkraum des alten, von Adam Breunig 1712 erbauten Patrizier-
haufes war auf Veranlagung des Befißers Karl von 3yllnhardt zu Ende des 18. Jahr-
hunderts vom Frankenthaler Meifter Konrad Link und feinen Schülern aufs feinfte
ftuckiert worden. Es ift der Saal, in dem im September 1815 Goethe mit dem Land-
grafen von Heffen und Karl Augujt von Weimar als Gäfte weilten. Auf Grund alter
Akten hat der Leiter des Mufeums, Dr. Karl Lohmeger, in diefem Jahre den Saal im
alten Gewände wieder erftehen laffen. Es find nur die drei Farben Blau, Weiß und
Gold, die hier in reinfter Harmonie erklingen. Auf blaugrauem Grunde leuchten die
feinlinigen weißen Stuckierungen, großen Wedgewoodplatten vergleichbar, die mit gol-
denen Rofettennägeln an die Wand geheftet find. An diefen hellen» lichten Saal
fdjließen fid) an rechts das „pompejanifche 3immer“ mit den fcßwarzgründigen Wand-
malereien des F. Deurer (1804), links mit zartem, gelbem Don das Seidentapeten-
zimmer in der Originalausftattung um 1780, zwei Durchblicke von köftlicher Wirkung.
Auf reich profilierten Marmorkaminen in den Ecken ftehen Alabafterplaftiken mit Wad)s-
boffierung, Bronzeleuchter mit Porzellanfüßen. Und in diefem Rahmen, der die Stim-
mung einer hochftehenden, feinfinnigen Kultur auf den Befudjer unmittelbar überträgt,
befindet fid) die Sammlung von Figuren und Servicen der kurpfälzifd)en Porzellan-
manufaktur Frankenthal.
1754 durch den Kurfürften Karl Cßeodor unter Berufung des Straßburger Fayence-
fabrikanten und Keramikers Paul Anton Hannong ins Leben gerufen, war fie nach
kurzer Blüte befonders in den fed)ziger Jahren bereits gegen das Jahrhundertende der
völligen Auflöfung verfallen und ging 1800 ganz ein. Die in ihrer Vollftändigkeit einzig-
artige, in Figuren und Servicen erwähltefte Sammlung ift in hohen, freiftehenden Vitrinen
untergebracht. Da find zunächft die lebendigen, echte Barockkunft verkörpernden Figür-
djen des Johann Lanz, den P. Hannong 1755 aus Straßburg mitbradjte und der bis
1761 in der Fabrik nachweisbar ift. Mit kräftiger Modellierung fcßuf er feine meift
etwas unterfe&ten ügpen aus dem täglichen Leben (Obftverkäufer) oder ländliche
Gruppen (Schaffcherer, Hofmann 63)1, ferner Jagdfzenen und Figuren der italienifchen
Komödie (erwähnenswert der Scapin, Hofmann 51). Etwas unbeholfener find im Gegen-
fajj zu den Einzelfiguren die größeren Gruppen (hier Puttengruppe: Herbft, Hofmann 148),
die zufammengefefet erfcheinen und auseinanderfallen.
Neben ihm arbeitete von 1758 bis 1764 Johann Friedrich Lück, deffen Grenadiere
eine, allerdings inhaltlich bedingte, Steifheit zeigen, der aber andererfeits auch die zier-
lichen und eleganten Koftüm- und Komödienfiguren fdjuf (Scapin, Hofmann 241).
Nur vier Jahre, von 1762 bis 1766, war Konrad Link an der Fabrik felbft tätig,
doch lieferte er auch fpäter noch Entwürfe. Es fteht heute feft, daß er der befte

1 Die angeführten Stücke befinden ßi<h in der Sammlung, die beigefügte 3abl verweift auf:
Friedrich H- Hofmann, Frankenthaler Porzellan. München 1911, und die Abbildungen dafelbft.

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