Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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ftraße: für alle diefe Grade findet Klagner das cßarakteriftifcße grapßifcße Medium, die
klobige, plätfd)ernde oder fächelnde Strichführung und das treffende Maß von Ver-
fcßrägungen, kleinteiligen oder ausgreifenden Einzelzügen. Er gelangt mitunter dabei
zu einer Kraft ftörrifcßer, verbeulter, dumpf treibender Form, die wie Vorbote genia-
lifcßer Eigenwilligkeit wirkt. Da ift in aller 3weifello[igkeit der fcßauenden Begabung
und des fchönen Gelingens zuweilen ein Sicßrecken, das betreten macht. In aller Reife
ein Klerden.

Louis Lozowick

Von BRUNO W. REIMANN / Mit
vier Abbildungen auf zwei Tafeln

Als im Urbeginn der Menfd)t)eit der erfte Gedanke des Bauens erwachte, war da-
mit der tiefe Urgrund der Kunft in der Kielt entftanden. Erftes Getaft, zaghafte
Formung wurde das Idol des ßoßen fcßöpferifcßen Vermögens, im Krug, in den
Pfählen des Lebensgebrauchs, rafcß und gewaltig anwachfend zum Cempel, zum Gottes-
bild. Somit ßebt fich die Norm der Kunft vom gemeinen Sinn als dem „Können“,
pfyd)ifd)e Klaßrneßmungen in pßyfifcße Geftaltung zu überfetjen, ftetig und pegßaft
zur ßößeren Bedeutung der intuitiven Schöpfung.
Im Ablauf der Jahrtaufende ftrebte künftlerifcße Geftaltung zur ßöcßften Gipfelung,
gigantifcße Kleltftädte dokumentieren leiste Potenzen der modernen Kultur. Kunft tritt
aus eigenbrödlerifcßem Kaftengeift ihrer lebten Entwicklung ßeraus in eine unendliche
Kielt, vom fcßöpferifcßen Geift der Menfcßen aufgebaut; in ißr herrfchen Ingeniofität,
Cecßnik und Cektonik ohne Schranken kleinlicher Refforts.
Es bedarf der völligen Emanzipation von aller fentimentalen Romantik, um die auf-
fteigende Lebenskraft diefer neuen Kunftauffaffung, die reftlofe Fortentwicklung über
die bisher erzielten Ergebniffe hinaus anzuerkennen. Amerika gewann mit welterfd)üt-
ternden Leitungen auf diefer Bahn den Vorrang, feine Erfinder, Architekten, Inge-
nieure bilden eine impofante Phalanx des Fortfehritts, neue Künftler treten an ihre
Seite, um das gemeinfame 3iel zu erkämpfen, deffen Erreichung Umfturz einer durch
ältefte Cradition eingeengten Kleltanfchauung bedeutet.
Louis Lozowick, der junge Amerikaner, fteht feiner ganzen Obfervanz nach in
diefer neuen Front. Die Nerven des 3ukunftslandes, hochgefpannte Energie der Riefen-
bauten, impofante Dynamik, Hochfrequenz des grenzenlofen Verkehrs beftimmen den
Rhythmus feiner Klerke.
Da ift New York; — ein Koloß vifionär geftaffelter Klolkenkraljer ragt auf. Nach
kubifchen Gefetjen gliedert fid) das ungemein differenzierte, mit fymbolifcher Ausdrucks-
kraft geftaltete Klerk. Kurven fließen finnverwirrend empor, ftählern fpannt der
Bogen von Brooklyn Bridge die Kompofition zufammen. Crofe aller wilden Bewegt-
heit ift das Bildganze ftreng ftatuarifd), in vollem künftlerifchen Gleichgewicht, ein
Monument von eherner Gefd)loffenl)eit. Naturaliftifche Momente find mit abfolut klarer
Prägnanz vollends in die freie Bildkonftruktion überfetjt, auf Faktoren von ele-
mentarer Klirkung gebracht. Die ganze Anlage eines folcljen Klerkes ift im Grunde
durchaus abftrakt. Der Aufbau ift nach keiner Dimenfion von Feffeln an Gegenftänd-
lichkeit beengt und dennoch nach jeder Richtung hin durchaus eindeutig, ohne Kom-
promiß. Frei und rein klingen alle Motive fymphonifch zufammen.
Es ift auf den erften Blick erfichtlich, daß es Louis Lozowick nicht darum zu tun
ift, lediglich) eine perfönlich-künftlerifdhe Abbildung der architektonifchen und ted)nifd)en
Struktur feines Landes zu geben. Seine Klerke find von wefentlicherer Bedeutung.
3um Elementaren, zum Urgrund der künftlerifchen Geftaltung durchzudringen ift des
Künftlers Klille. Nicht um die naturaliftifche Anficht, nicht um das „Cemperament“ han-
delt es fid) bei ihm. In der neuen Kunft, zu der fid) Lozowick feinem ganzen Schaffen

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