Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Bemerkungen zu Emil ßeufers „Porzellan
von Straßburg und Frankenthal im
18. Jaßrßundert“' von ernst polaczek
Der reich ausgeftattete Folioband vermeidet es mit Red)t und Abpdjt, fid) als Gefdjidjte der
im Eitel genannten Porzellanmanufakturen zu bezeichnen. In lediglich chronologifcher
Reihung bietet er eine Folge von größeren und kleineren, auf Aktenftudien und Sammler-
erfahrung aufgebauten ünterfudjungen, aus denen dem Lefer, fofern er das in den beiden Bänden von
Fr. 5- F)°fmanns „Frankenthaler Porzellan“ dargebotene Material hinzuzieht, der Gefamtablauf und
die Gefamtleiftung der Frankenthaler Fabrik und ihre Straßburger Vorgefchichte deutlich werden kann.
Frankenthal verdankt feine Gründung bekanntlich dem Straßburger Fayencefabrikanten Paul *
Hannong, der fdjon von 1751 bis 1754 in Straßburg echtes Porzellan gemacht hatte, dann aber
zur Löfchung feiner Öfen gezwungen worden war. Die Hauptfrage ift nun: öüas hat er in Straßburg bis
1755, und was hat er unmittelbar darauf in Frankenthal gefchaffen? Da die Arbeiter, die Mo-
delle und die Maffe hier und dort die gleichen gewefen, wird die ünterfcheidung fdjwer fein.
Die Antwort, die ich Telbft im Cicerone III, S. 387 gegeben, kann ich nur zum Ceil aufrecht
erhalten. Die mit der Blaumarke PH in Ligatur zwifchen zwei Punkten bezeichneten Gefdjirre
können nicht der Jahrhundertmitte angehören, fondern pe find, wie aus ihrem Formcharakter her-
vorgeht, ganz am Ende der Fabrikation, etwa um 1780 unter Peter Anton Hannong in Hagenau
entftanden. fllefentlich anders verhält es fich mit den pgürlichen Porzellanen. Es gibt bekanntlich
Stücke, die mit dem eingepreßten PH, dann folche, die mit PH und dem blauen Rautenfchild,
endlich folche, die mit PH und dem pfälzifchen Löwen bezeichnet pnd. Die Stücke der beiden
lebten Arten pnd für Frankenthal pher, natürlich nur, was die Ausformung oder, ganz genau
angefehen, nur was die farbige Stafperung und den letzten Brand betrifft. Die Modelle felbft
können älter, d. h- aus Straßburg mitgebracht fein. Die mit PH allein bezeichneten Stücke haben
natürlich eine ftärkere Anwartfdjaft auf Straßburger Herkunft. Aber man darf pch keineswegs
vorftellen, daß mit dem Augenblick des Beginns der Frankenthaler Fabrikation auch fofort eine
auf den Entftehungsort hinweifende Marke eingeführt und konfequent angewandt worden fei.
Aud) Heufer glaubt dies nicht; er folgt vielmehr der fdjon früher von mir ausgefprochenen Mei-
nung, daß der Frankenthaler Blindftempel PH mit dem Straßburger identifd) fei. Aber er glaubt
ein anderes Qnterfcheidungsmittel gefunden zu haben: Die Sockelform. Grasfockel = Straßburg,
Rocail-Sockel = Frankenthal. Im großen Ganzen ift diefe Unterfcheidung natürlich zutreffend.
Man darf es fich nur nicht fo vorftellen, als ob Paul Hannong mit dem Lage der Überpedlung
nach Frankenthal den Grasfockel grundfä^lid) aufgegeben und den Rocail-Sockel grundfä&lich
eingeführt habe. Catfächlid) aber gibt es nur ganz wenige Figuren mit dem primitiven Gras-
fockel und einer der beiden frühen Frankenthaler Marken. Die Grasfockelpguren pnd regelmäßig
ganz ohne Fabrikmarke oder pe haben nur das eingepreßte PH, fo daß ihre Enifteßung in Straß-
burg mindeftens fehr möglich ift. Daß fo viele diefer primitiven Stücke (z. B. die des Münchner
Refidenzmufeums) aus bayrifchen d. h- wohl urfprünglich aus kurpfälzifchen Schlöffern ftammen,
wäre dann fo zu erklären, daß pe fertig oder mindeftens als Rauhgut nach Frankenthal mit-
gebracht worden find. „Paul Hannong muß dergleichen, als er fich am die Konzeffion um Fran-
kenthal bewarb, dem Kurfürften als Probe feiner Kunft vorgelegt haben“, fo hatte ich es bereits
im Cicerone II, S. 390 formuliert, tüas im Kunßhandel als früßeftes Frankenthal gilt, wird alfo
in 3uknnft wohl richtiger als Straßburg zu bezeichnen fein.
Es wäre nun kunftgefchichtlich wichtig gewefen, nachdrücklicher, als es durch Heufer gefchehen
ift, den 3ufammenhang des frühen Frankenthaler Porzellans nicht nur mit dem Straßburger Por-
zellan, fondern auch uiit der Straßburger Fayence zu betonen. Formen und Farben ftammen
daher. Aus den gleichen Matrizen wie ehedem Fayencegefchirre und -Figuren wurden nun
Porzellangefchirre und -Figuren geformt2. Sie fehen in der Porzellanausformung etwas weniger
derb aus, weil Porzellanerde eben ein bildfamerer Stoff ift, pe find etwas kleiner, weil die Por-
1 Porzellan von Straßburg und Frankentßal im 18 Jahrhundert. Von Emil Fjeufer. Mit farbigem Citelbild, 272 Äbb.
im Cext und einer Markentafel. Druck und Verlag Pfälzifcße Verlagsanftalt Carl Liefenberg, Neuftadt a. d Fjardt 1922.
2 Die mit dem VierteUchild bezeicßnete Butterdofe wie die Goldkanne des Münchner Nationalmufeums pnd in
Fayenceausformungen erhalten, ebenfo aber zahlreiche Figuren und uruppen, fo z. B. die Schäferin bei Jean ÜJurz,
die ttleltteile, die Jäger mit den zur lagd gehörenden Cieren, die Bauernmupkanten, Äffen u. a. Belege im Kunß-
gewerbemufeum in Str^ßburg, im Schloßmufeum Berlin, in Potsdam, Krefeld.
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