Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Ein neuer Stephan Lodjner?
Mit zwei Abbildungen auf einer Tafel Von EGID BEITZ

Heribert Reiners hat vor kurzem ein Bieronymusbild der Sammlung Sehniger, Köln,
Stephan Lochner zugewiefen und Fj. 0. Foer[ter pflichtet diefer 3uweifung in
in feinem Auffaße S. 968 f. des Cicerone 1922 bei. Beide Forfd)er feljen in
dem Bilde eine nahe Verwandtfd;aft mit dem tüeltgeridjtsaltar in Köln, Frankfurt und
München. Gerade für diefe Schöpfung ift bekanntlich nicht bloß die Frage, ob es fict)
um ein Früh- oder Spätwerk Locßners handelt, bisher unentfd)ieden, fondern es ift
hier die Äutorfcßaft Lochners überhaupt mit guten Gründen in 3weifel gezogen. Schon
deshalb ift die neue 3ufd)reibung bedenklich- Im übrigen fprecßen viele andere Gründe
bei dem Fjieronymusbilde geradezu gegen die ürßeberfcßaft Lochners.
In erfter Linie ift das ßieronymusbild für Lochner zu flämifch. Dies ift es um fo
mehr, wenn man es, wie Reiners und Foerfter wollen, etwa um 1430—1440, in den
Anfang von Lochners Cätigkeit in Köln, feßen würde. Der Meifter wäre dann nicht
fortgefd)ritten, fondern immer ard)aifd)er geworden. Lochner kam vom Bodenfee nach
Köln. Ganz unerklärlicherweife hätte er aber ßier nicht mit füddeutfcßen, fondern mit
niedcrländifd)en Motiven fein Sd)affen begonnen. Diefen niederländifcßen Einfcßlag
würde er im Verlaufe feiner Kölner Cätigkeit nicßt etwa verftärkt, fondern immer mehr
verloren haben. Und zwar das alles in Jahrzehnten, in denen die Kölnifcße Kunft
mehr und mehr dem niederländifcßen Einfluß anheimfiel. Lochner ftarb 1451, und
gerade in der erften Hälfte feines Jahrhunderts rang man in den Niederlanden um das
Raumproblem. Bei dem Gemach, in dem Hieronymus fitjt, ift befonders auf eine
wirklichkeitstreue Raumdarftellung Odert gelegt. Lochner geht aber in den ihm mit
Beftimmtheit zuzufchreibenden Bildern ftets einer folgen Raumdarftellung aus dem
öüege. Man betrachte daraufhin z. B. einmal die Kreuzigung in Nürnberg, die Madonna
mit dem Veilchen, die Anbetung der Könige und die Verkündigung auf dem Kölner
Dombilde. Oüie wenig perfpektivifcße Raumlöfung dem Meifter noch lag beweift deutlich
die Rofenlaube auf dem bekannten Kölner Madonnenbilde. Äuf der Darmftädter Dar-
ftellung im Cempel erfcßeint vor dem bei Lodjner üblichen prunkvollen Vorhang noch
ein Altar, das Bild wird etwas mehr wie gewöhnlich vertieft, aber dem Raum als
folchem weicht Lochner auch hier aus» indem er die Darftellung in prahlendes Gold
bettet. Diefes Bild gehört zu den Spätwerken des Meifters, da es 1447, alfo vier Jahre
vor Lochners Code, gemalt ift. öder weiß, ob nicht gerade der Archaismus Lochners
ein entfcheidender Grund war, weshalb er gegen Ende feines Lebens wirtfchjaftlich
immer mehr zurückging und fd)ließlich in Armut ftarb. Sein Schaffen war für die
3eitgenoffen zuleßt nicht mehr modern. (Hie man bereits um die Mitte des Jahrhunderts
in Köln Lod)nerfd)e Ehernen wie Verkündigung, Anbetung der Könige und Darftellung
im Cempel behandelt wiffen wollte, zeigt der Altar Rogiers van der OCJeyden für
St. Columba, jeßt in München. Er bedeutete in Köln den Sieg einer neuen über eine
alte 3eit. der noch Lochner angehörte. Foerfter wehrt fich zwar gegen die Annahme
flämifchen Einfluffes in dem Fjieronymusbild und meint, es könne die Vermutung gar
nicht aufkommen, ein Schüler Eyckfcher Kunft fei der Maler des Schnitperfchen Hi-
eronymus — „denn eben das Flüffige, Routinierte des Epigonentums fehlt dem ftockend-
mühfam gemalten Bilde“, (üären indes noch 3we*fßh daß das Bild einen ftarken
niederländifchen Einfluß aufweift, dann müßte ein niederländifcher Stich des Britifcßen
Mufeums jeden 3weifel zerftreuen. Diefer Stich wird dem fogenannten Meifter des
Codes Mariä zugefchrieben, einem Stecher, deffen Bauptfchaffenszeit Leßrs und Geisberg
in die Jahre 1430—1440 fetjen. Ein Vergleich des Gemäldes mit dem Stiche (f. Cafel)
zeigt, daß der Stich älter fein muß, er zeigt aber auch, daß das Kölner Bild durch den

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