Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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laufen Linien über Schirmer zu Böcklin, zur Schule von Barbizon, zu Courbet und
Cijoma. Man möchte aud) noch den Jung-Romantiker tflirfching nennen. Perfpektiven
in die verborgenen Möglichkeiten der Kunft von kommenden Generationen reißen fid)
auf. Ludwig Richter übertrieb nicht, wenn er von Fohr Tagte, er hätte der Kunft eine
neue höchfte Richtung geben können.
Mit der „Ciroler Alpenland[d)aftu und der „tüaldfd)lud)tu wurde die 3al)l der bisher
bekannten Ölgemälde des Meifters verdoppelt. Außerdem gelangen der Ausftellungs-
leitung nod) zwei intereffante 3uweifungen. Die eine ift ein großes Aquarell: „Illyri[d)e
Küftenlandfchaft“ (Nr. 33), reich in der Kompofition, ein mächtig [ich entfaltendes
Landfchaftsdrama mit einer [ehr zierlich eingefügten altdeut[d)-biedermeierlichen Gruppe
von Reifenden, die von anderer Hand (Horny?) zu fein fcheint. Etwas befremdend für
Fohr ift die nicht abfid)tslofe zweimalige Anbringung des Kreuzes, rechts eines wie
zufällig aus Geäft fid) bildenden und links eines auf den Felfen gezimmerten Kreuzes.
Das Aquarell ift vielleicht die Vorftudie zu einem ähnlichen Motiv in Öl, welches, leider
verfd)ollen, von Dieffenbad) in feiner Biographie (Neudruck 1918, S. 84) erwähnt wird.
Die andere 3uweifung (Nr. 133), eine aquarellierte Federzeichnung aus der Mann-
heimer Kunfthalle, trug dort bisher den Namen Schwind, der ihr auch im Ausftellungs-
katalog noch beiaffen wurde. Die 3^id)nung ift aber von Schwind fo abweichend und
für Fohr fo charakteriftifd), daß der Umtaufe wohl kaum ein Bedenken entgegenftehen
und die herzliche Begrüßung in dem fid) bereichernden Ulerk des Fohr eine allgemeine
fein dürfte. Schon die Kompofition ift typifd): eine burgengefchmüdde Bergkette zieht
fid) in fd)räger Linie von rechts nach links in den Hintergrund. 3u ihren Füßen ver-
liert fid) ein waldiges Cal in die Ciefe, aus der ein Ritter heraufreitet. Fohr liebt diefe
fchrägen Ausblicke und die aus Geftrüpp hervorbred)enden Geftalten, während Schwind
den Hintergrund immer in voller Breite aufrollt und die Geftalten faft niemals nach
vorn zieht, fondern meift in den Hintergrund führt oder blicken läßt.
Die 3ei(t>nung ift eine [ehr feine und ergänzt trefflich das bisher bekannte tüerk
Fohrs, das nun, wo das Intereffe glücklich auf den Meifter gelenkt ift, wohl nod)
weiteren 3uwad)s erhalten wird. Denn ficherlid) fteckt noch manches in vergeffenen
i£Iinkeln oder reift unter falfchem Paß.
Ein jugendlicher Heiliger des Meifters von Eriskirch
Mit einer Tafel Von HUBERT WILM
In den Beßö des Münchner Kunfthändlers Norbert Fifd)mann gelangte vor kurzer 3eit
ein Kunftwerk, das wegen feiner hot)en Qualität die Beachtung weiter Kreife ver-
dient. Es ift die Holzpgur eines jugendlichen Heiligen ohne Attribut, die man, ohne
(Uiderfprud) befürchten zu müffen, dem Meifter von Eriskirch zufchreiben darf.
Die Figur, die von verfd)iedenen Kennern als Engel bezeichnet wird, dürfte meiner
Meinung nad) einen hl- Stephanus darftellen. Engel haben, auch in der Gotik, ge-
wöhnlich Flügel; find diefe verlorengegangen, fo find an ihrer Stelle immer nod) die
alten Diebellöcher, in denen fie befeftigt waren, vorhanden. Auf der Rückfeite der \)ier
be[prod)enen, vollftändig ausgehöhlten Figur ift von dem Vorhandenfein folcher Diebel-
löcher keine Spur zu entdecken. Diefe Deutung darf alfo als gänzlich unwahrfd)einlid)
aus|d)alten. Dagegen fpricht alles dafür, daß die Figur ehemals ein hl- Stephanus war.
Sie ift mit dem Diakonengewand bekleidet, in dem der 1;1- Stephanus ftets dargeftellt
wird, fie zeigt eine Stellung der Arme, die, ergänzt man fid) im Geifte die Attribute
diefes Heiligen, ein folgerichtiges Bild ergibt. Die rechte Hand wird die Palme, mög-
licherweife auch da Buch, die erhobene Linke zweifellos die drei Steine gehalten haben.
Die 123 cm hohe Figur ift aus Lindenholz ge[d)nitten und hat eine fd)öne Renaiffance-
faffung auf dünnem Kreidegrund. Die ehedem vergoldeten Haare find dunkelbraun,

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