Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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können, ift der Kuttenberger Dom (St. Barbara-Kirche)1, der [eine Erhaltung nur
dem Umftande zu verdanken hat, daß dort der Ängriff der Fjuffiten fiegreich ab-
gefd)lagen wurde. * ■*
3um Schluffe fei noch bemerkt, daß die vorher und hier befchriebenen und repro-
duzierten und fpäter noch zu bringenden gotifchen Meifterwerke der böhmifchen Bild-
hauerkunft, zum erftenmal im Auslände veröffentlicht und durch die Publikation im
„Cicerone“ der weiteren, eingehenderen Forfdjung zugänglich gemacht werden.
Meine Arbeit, die ich nach befter Möglichkeit fortzufeßen gedenke, foll nur als An-
regung betrachtet werden und mein Bemühen wird reichlich belohnt fein, wenn es zur
Erfchließung einer noch im Dunkeln [teilenden Kunftprovinz beitragen würde; zur wohl-
verdienten, fachmäßigen Rlürdigung des Kunftzweiges eines Landes, der uns in feinen
zum Ceil noch erhaltenen gotifchen Werken, [old)e Idyllen voll Urwüchfigkeit, Schön-
heit und edler Schaffensfreude überliefert hat.
* *
*
Die Photos der im Befiß des Mufeums der Stadt Prag befindlichen (Uerke wurden
mir nebft näheren Angaben über Provenienz ufw. von der Verwaltung des Mufeums
in liebenswürdigfter und zuvorkommendfter COeife zur Verfügung geftellt; ich fpreche
hierfür an diefer Stelle der genannten Leitung meinen verbindlichften Dank aus.
Aus Raummangel kann ich das gefamte, mir gegenwärtig zur Verfügung ftehende
Material nicht in einem ßeft des „Cicerone“ voll ausnüßen und muß mich daher be-
fcheiden, demnächft einen dritten Ceil folgen zu laffen.

Neue Bilder von Georg S d) r i m p f
Mit acht Abbildungen auf vier Tafeln Von OSKAR MARIA GRAF

Die größte Kunft war immer die, das Einfacßfte, Naßeliegendfte, Alltägliche als
Sinnbild aus [ich hßrauszugeftalten, deffen unficßtbares Riefen fo kriftallklar
fichtbar in einem Rlerke darzuftellen, daß der Näcßfte und der Fernfte vom
erften Atemzug an aus dem Geftalteten eine taufendmal geahnte Antwort auf eine
Frage herauszuempfinden vermag. Daß — um es noch deutlicher zu fagen — die
3eit, die fonftig zu vergehen pflegt, wenn man [ich über etwas klar werden will, vor
dem Kunftwerk auf einmal wie weggelöfcht ift, daß man plötzlich) in der Fielle eines
ewigen Gleicßniffes fteßt, am Urfprung des Unerklärlichen [ich befindet und Erklärung
erhält, begreift —: FJier hat einer keine Umwege mehr gemacht. Jpier hat einer das
Bekanntere, Vertrautefte in die Form einer endgültigen, einmaligen RIirklicf)keit gebracht.
Die Rlerke Georg Schrimpfs find alle aus einem folgen RIollen heraus entftanden.
Sie find in diefer Fjinficht Verwirklichungen. Ein Menfch, der auf eine bündige Frage
eine ebenfo präzife Antwort gibt, und diefer Maler, fie beide haben — zutiefft be-
trachtet — die gleiche feelifche Grundierung —: Das gleichfam logifche Gefühl für
das RIefentliche, für die Sache. Für beide gibt es im Grunde keine 3eit, die
zwifchen ihnen und dem lagert, worauf es ihnen ankommt. Deshalb überzeugen fie,
erhellen fie, find fie wahr.
Die 3eit> da Kunft eine Art Rätfelaufgeben für geiftige Jongleure war, hat aufgehört.
Die Riege verbreitern [ich-

1 3denek Klirth bringt in feinem Bud) „Kutna IJora“ (Kuttenberg), Verlag „Nova Edice“, Prag
1912 (in deutfcher und böbmifcber Sprache), einige in diefem Dome befindliche, fchöne ötlerke der
gotifchen Malerei (Fresken und Cafelbilder) und Bildhauerkunft.

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