Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Deutfcße tllandteppicbmanufakturen
im 18. J a ß r l) U n d e r t / Die Bildteppidjmanufak-
turen in den Markgraffrfjaften Bayreutb und Änsbad)
Mit drei Abbildungen auf drei Tafeln Von H. GÖBEL
II. Sdjwabad) (Fortfe^ung aus IJeft 7
Nocß vor dem Bayreutßer Einwanderungserlaß (1686) ficßert Markgraf Joßann Friedrich
zu Änsbad) unter dem 25. Oktober 1685 den aus Glaubensnöten Eingewanderten
das „freie Exercitium Religionis“ und eine Reiße fonftiger Rechte zu. Die Ver-
fügung wird in den Dekreten vom 4. Januar 1686 erläutert und ergänzt.
Äls erfter franzöfifcßer Emigrant erfcßeint Anfang 1685 der Capetenwirker Micßel
de Claravaux aus Äubuffon. Er läßt fid) in FJennebacß nieder, um bereits im darauf-
folgenden Jahre nacß Schwabach überzufiedeln. Die 3uficßerungen des Markgrafen
find ziemlicß weitgehender Natur. Äußer der unentgeltlichen Benutjung der Uloßn-
und Ätelierräume wird Meifter Micßel ein Kleide- und Gartenplatj überlaffen, er erßält
Steuer- und Einquartierungsfreiheit, ferner einen auf zwei bis drei Jaßre unverzins-
lichen, dann mit 6% zu berechnenden Vorfcßuß von 3000 Livres — weitere 3000 bis
4000 Livres werden ißm im Bedarfsfälle in Äusficßt geftellt, fcßließlicß 30 Klafter ßolz
in Selbftwerbung. Die Regierung verpflichtet fid), die Stüßle auf eigene Koften, unter
Eigentumsvorbeßalt, zu erbauen und aufzuftellen und Meifter Claravaux ein 15jäßriges
ausfcßließlicßes Privilegium zu gewähren. Äls Gegenleiftung fteßt dem Landesherren
das Vorkaufsrecht auf die erzeugten Klirkereien zu. Es fällt auf, daß die neue Kolonie
nicßt wie in Bayreuth in der Landesßauptftadt felbft angefiedelt wird. Einesteils fprecßen
politifcße und rein wirtfcßaftlicße Gründe mit, andernteils macht die proteftantifcße
Geiftlicßkeit ißren reformierten Glaubensbrüdern die gleichen Schwierigkeiten wie in dem
Nachbarlande1.
Claravaux ift mit der Überfiedlung nacß Scßwabacß einverftanden, fofern er die
Privilegien im gleichen ömfange erßält. Unter dem 14. September 1686 erfolgt die 3u-
ficßerung, zugleich werden verfcßiedene bauliche Anordnungen in Auftrag gegeben2.
Der Klirker nimmt in dem fogenannten Fürftenßaufe Kloßnung. Die Manufaktur ift
nur von kurzer Dauer, nocß vor Ablauf der erften drei Jaßre fegnet Meifter Michel
das 3eitlicße — „une prompte mort arriuee ä Ratisbonne“ —; die Klitwe vermag
der Krife nur fcßwer FJerr zu werden: „Die Fabrique von Capeten, welche, ver-
mittelt Michaels de Claravaux, daßin gebracht worden, der aus der Stadt Äu-
buffon, in der Landfehafft La Marche de Gouvernements von Lion gebürtig
war, und dergleichen Capetenmacßer nachher Schwabach verfeßrieben, die aber
nacß dem Code erfagten Claravaux, ißres Directeurs, [ich weiter nacß Klien in öfter-
reich, Berlin, Dresden, Stuttgard und anderen Orten meßr ßingezogen und dafelbft
gleiche Fabriquen erricßtet, die aber alle ißren Urfprung von der Schwabacßifcßen haben,
und noch an diefem Ort unter der Protection Seiner Fjocß-Fürftlicßen Durchlaucht be-
findet“3. Ganz fo fcßlimm, wie der FJocß-Fürftlicße Rat J. 5. v. Falckenftein die Wir-
kung des Codes Meifter Claravaux’ fcßildert, geftalteten fiel) die Verßältniffe nicßt. Die
1 G. Schanz, 3ur Gefcßicßte der Kolonifation und Induftrie in Franken, Erlangen 1884.
2 Kreisarcßiv Nürnberg, Änsbacßer Oberamtsakt Nr. 1095, fol. 132.
8 Joßann Heinrichs von Falckenftein Qocß-Fürftl. Brandenburg!fcß-Onolzbachifcßen fJof-Ratßs,
und der Königl. Preußifcßen Societät der tCIiffenfcßafften Mitglieds,
Cßronicon Svabacense
oder ausführliche
Befcßreibung der hocß-Fürftl. Brandenburg-Onolzbachifcßen Raupt-Münz- und Leqe-Stadt Scßwa-
baeß. 1756, S. 277.

Der Cicerone, XV. Jabrg., fjeft 8

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