Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Indifcße Kolonialkunft

Von WILLIAM COHN / Mit vier Abbildungen
im Text und sechs Abbildungen auf drei Tafeln

I.

Mit indifcßer Kolonialkunft ift die Kunft in den von den Indern in alter 321t ge-
fcßaffenen Kolonien gemeint. Dabei darf man keineswegs an Kolonien in
europäifcßem Sinne denken. Für Indien Rändelte es fid) nur feiten um Er-
oberungen mit dem Schwerte. Religiöfe Gründe zumeift fcßeinen die Kolonifatoren zum
Entfcßluß getrieben zu haben, ißre Fjeimat zu verlaffen. GCIo die ftammländifcßen Inder
hinkamen, feien es braßmanifcße Gläubige oder Buddßiften gewefen, fproßten Religion,
Literatur und Kunft in unerhörtem Maße auf. Lebten dod) die Kolonifatoren in den-
felben Wärmegraden wie die Bewohner der Cocßtergebiete. ünd die Gegenfäfee der
Raffe und des Blutes waren nid)t entfernt fo große, wie die zwifd)en den indifcßen
Völkern und den erobernden und kolonifierenden Europäern. Merkwürdig, daß das
Kaftenfyftem der Entfteßung von neuen ftaatlicßen und völkifcßen Gebilden kein nennens-
wertes Hindernis in den Weg ftellte. Kurz und gut, die Gegenfä^e aller Art, die es
notwendigerweife gab, waren keine unüberbrückbaren. Denn fonft wäre das Werden
fo reicßer und einheitlicher Welten nicht möglich gewefen.
Nimmt man den Begriff „Indifcße Kolonialländer“ im weiteften Sinne, fo umfaßt er
ein faft unüberfeßbares Gebiet. Was hätte man eigentlich dazu zu rechnen? Kafhmir,
Nepal, Butan, Cibet, üurkeftan im Norden von Indien, im Süden die Infel Ceylon. Im
Often wäre anzufcßließen: Äffam, Burma mit den ehemaligen Reichen Ärakan, Äwa,
Pegu, Kambodja, Siam mit feinen vermiedenen Fürftentümern, Cßampa (Annam), Laos,
alfo das heutige Franzöfifcß-Indocßina. Weiter die Reiche auf der malaiifcßen Fjalb-
infel, fcßließlicß Java mit feinen Staatengebilden und die umliegenden Infein. In all
diefen Gebieten war indifcßer Geift vorhergehend. Nur China vermochte hier und da
neben ißm aufzukommen. Es ift vorderhand noch unmöglich, die Gefamtheit der in-
difeßen Kolonialkunft zu überfeßauen. Vielfad) kennt man woßl einzelne verftreute
Werke, oßne aber eine Vorftellung von dem Wuchs des Ganzen zu haben. Am wenigften
weiß man von der Kunft von Kafhmir, von Nepal und Cibet. Es ift doch noch nicht Kenntnis
zu nennen, wenn man vielleicht imftande ift, nepalifcße und tibetifeße Werke mit Müße
und Not zu unterfeßeiden. Die Kunft von Cßampa fängt eben erft an, greifbarerzu werden.
Dod) ißre Stellung
innerhalb des indi-
feßen Kunftkreifes ift
noeß nicht klar. Von
anderen Gebieten
wiederum find nur
die Perioden recht er-
kennbar, wo die cßi-
nefifeßen Einflüffe
überwiegen, fo von
Curkeftan und dem
öftlicßen Indocßina.
Ceylon dagegen war
feit ältefter 3eit fo eng
mit dem Feftlande
verknüpft, nid)t nur
kulturell, fondern
aud) räumlich, daß
man feineKunftbeffer
unmittelbar zufam-


Äbb. 1.
Grundriß des Stüpa von Böröbudur (Java).

men mit der des
ßauptlandes betrach-
tet. Kurz, unter dem
Begriff indifeßer Ko-
lonialkunft ift füglicß
vor allem die Kunft
Burmas, Kambodjas,
Siams und Javas ein-
zubegreifen. In Wirk-
lichkeit bedeutet jedes
diefer Gebiete einen
gewaltigen Kunft-
kreis, groß genug für
die Arbeit eines Men-
fcßenlebens. Wer ißn
zu überfeßauen fiel)
vermißt, kann nur auf
3ufammenhängeßin-
weifen, Anregungen
und ümriffe geben.

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