Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Die Cöpferkunjt der Japaner

Von ERNST' GROSSE / Mit
6 Abbildungen auf 2 Tafeln

Keine japanifcße Kunft hat in Europa fo frühe und große Bewunderung erregt wie
die Keramik und keine ift bis auf den heutigen Cag fo unbekannt und unver-
ftanden geblieben. Scheinbar find Japaner und Europäer in ißrer Schätzung einig,
aber der Schein trügt; denn die Erzeugniffe, die in der Fremde den breiteften Erfolg
haben, gelten in ißrer Fjeimat nicht als die beften, und den Dingen, welche die Japaner
am ßöcßften werten, würden die meiften Europäer kaum einen Blick fcßenken. Die
Europäer haben natürlich die japanifcße Cöpferkunft zunäcßft nad) dem Schema ißrer
eigenen Kunfttöpferei aufgefaßt und beurteilt, fie haben bei jener Ähnliches gefucßt wie
pe bei diefer gefunden patten und pe find eben deshalb an den eigenartigften (Berken
der japanifcßen Kunft vorbeigegangen. Diefe find nämlich) mit wenigen Ausnahmen
keine Schau- und Prunkftücke gleich) den Figuren und 3iervafen, welche die keramifcßen
Künftler Europas geliefert haben, fondern Nutsgeräte, und nicpt nur pro forma wie
unfer Luxusgefcßirr, das eigentlich) nur im Glasfcßranke bewundert wird, fondern für
wirklichen Gebrauch), freilich) nicht für den alltäglichen, fondern für einen feftlichen.
Faft alle Meifterwerke der japanifd)en Eöpferkunft find für das Cßanoyu, die Cee-
zeremonie, gefchaffen worden: als Chaire, Urnen für den grünen Pulvertee, als Cßawan,
Ceefcßalen, Midzuzafhi, (Uafferbeßälter, Kogo, Dofen für Räucßerwerk, Koro, Räucher-
gefäße, Fjanaike, Blumenvafen ufw. Künftlerifd) bedeutende keramifcße Arbeiten ohne
praktifchen 3weck kommen zwar vor, jedoch fo feiten, daß ich rnieß fließt entfinne,
ein folcßes Stück in einem japanifcßen Daufe gefehen zu haben. Jedenfalls fpielt der-
gleichen keine wichtige Rolle in dem Lebenswerke der großen Cöpfer. Die Brauchbar-
keit eines keramifchen Kunftwerkes ift für den Japaner nicht etwa Nebenfache; er
verlangt vielmehr von einem feßönen und edlen Gefäße vor allem, daß es zweckmäßig
gebildet fei, und gerade die beften Meifter haben diefe Forderung offenbar immer als
felbftverftändlicß empfunden und erfüllt. (Uie vollkommen zweckmäßig ihre Erzeugniffe
geftaltet find, kann allerdings nur der recht würdigen, der den Gebrauch diefer Dinge
aus eigener Erfahrung kennt. Man muß felbft einmal das üeepulver mit dem fchmalen
Bambuslöffel aus einem guten Chaire gefch)öpft habe, um zu erkennen, wie trefflich die
innere (Hölbung und die Mündung bemeffen und geformt find; man muß bei einem Chanoyu
den grünlichen feßäumenden Cee aus demChawan eines großen Künftlers gefcßlürft haben,
um zu wiffen, wie weich und feft pcß eine folcße Schale in die greifenden Fjände fchmiegt,
wie anmutig ihr fcßwellender Rand die Lippen des Crinkenden küßt, wie peßer fie nachher
mit dem niedrigen kräftigen Fuße auf der Bodenmatte fteßt; man muß mit jedem einzelnen
Geräte erft praktifcß vertraut geworden fein, um den eigentümlichen Reiz empfinden zu
können, den es feiner zweckmäßigen Bildung verdankt. In der Regel pnd die äftßetifcß
feßönften Stücke zugleich die praktifd) beften. öder dieUIerke der japanifcßen Cöpferkunft
auf ißre 3weckmäßigkeit prüft, wird in ißr ein recht zuverläffiges Merkmal für echte alte
Kunftwerke und moderne Fälfcßungen finden. Einem gefeßiekten Nacßaßmer gelingt
es manchmal, das Äuge zu täufeßen, welches das Gefäß rein äftßetifcß betrachtet, aber
feßr feiten die Fjand, die feinen Gebrauch kennt. Befonders der moderne Fälfcßer, der
vornehmlich auf ausländifcße Liebhaber rechnet, gibt pcß auch in der Regel gar nicht
die Müße, feine Produkte vollkommen zweckgerecßt durchzubilden. Für die Meifter
felbft aber ift das Gefeß der 3weckmäßigkeit ficßerlicß nie eine läftige Feffel gewefen,
unter der die Freiheit ißres Schaffens litt; fie werden die praktifchen Forderungen viel-
mehr angefeßen haben wie die Regeln eines Spieles, die, indem pe der Bewegung des
Spielers beftimmte Grenzen und Fjinderniffe fetten, nießt etwa hemmend und lähmend
auf ißn wirken, fondern ißm erft die rechte Gelegenheit geben, feine ganze Kraft und
Gefcßicklicßkeit zu entfalten. Und in der Einßeit von 3weckmäßigkeit und Schönheit,
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