Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Gotifdje Meifterwerke der böl)mifd)en Bildtjauerkunft
Mit fünf Abbildungen auf zwei Tafeln Von P. E. VONDOERFER-Prag


Die bötymifdje Bildhauerkunft der Gotik ift ein Gebiet der Kunftwiffenfdt)aft, das
noch wenig erforfd)t ift. In letzter 3eit haben fich wohl einige Forfcher bemüht,
mit gelegentlichen, kleinen Arbeiten, durch zufällige Entdeckungen veranlaßt,
mehr Lid)t in die Dunkelheit zu bringen. Aber das vorhandene Material ift nod) fo
fpärlid), daß fiel) dasfelbe noch lange nicht zu einem überfid)tlid)en Gefamtbild
formen läßt.
Diefe empfindlichen Lücken nach und nach auszufüllen, wäre eine äußerft dankbare
Arbeit. Denn die böhmifd)e Richtung der gotifchen Plaftik, welche die füddeutfche
Schule fichtlid) ftark beeinflußte, birgt fo viel Lieblichkeit und Anmut in den Formen,
fo viel Urfprünglid)keit in ihrer Auffaffung, daß fie wohl verdient, unter den großen
Schulen Deutfd)lands, Frankreichs, Italiens und anderer Länder, einen würdigen Plafe
zu erhalten.
In letzter 3eit ift es gelungen, von der Ctiorrier Madonna ausgehend, eine Gruppe
der böhmifchen (Herkftätten der Gotik ans Licht zu bringen; diefe Entdeckung bringt
uns einen bedeutenden Schritt vorwärts und läßt viele, bisher als füddeutfd), mittel-
rheinifd) oder gar direkt als Kölnifch angefprochene Bildwerke als folche böhmifcher
Herkunft erkennen. Und von diefern Punkt ausgehend, erfdjeint die Sondierungsarbeit
gewiß wefentlid) erleichtert.
In vielen Fällen ift wohl die ünficherheit in der Beftirnmung einzelner ÜJerke nicht
leicht zu überwinden. Erich ((liefe weift gelegentlich einer Abhandlung über eine Ma-
donna und einen Schmerzensmann in der Dorotheenkirche zu Breslau (Cicerone fjeft 13,
jahrg. XIV) darauf hin, daß „recht wohl die Möglichkeit befteht, daß ,böhmifd)e‘ (üerke
aus Breslauer (Herkftätten hervorgingen“. Auch ich will dies nicht leugnen, aber hinzu-
fügen, daß der Einfluß der böhmifchen Gotik in der Plaftik zeitweilig eben ein fold)er
war, daß die einwandfreie 3uweifung in diefem Falle an die fd)lefifche oder die böh-
mifche Richtung äußerft fchwierig, wenn nicht in manchen Fällen vielleicht unmöglich
erfcheint und daß daher ebenfo gut „Breslauer“ (Herke in böhmifchen (Herkftätten ent-
ftanden fein könnten.
Bei der Breslauer Madonna in der Dorotheenkirche fehlt leider das Jefuskindlein —
das vorhandene ift modern und ganz unkünftlerifd) —. Hnd diefes abhanden gekom-
mene Kindlein hätte, wenn es vorhanden wäre, zu wertvollen Schlüffen verholfen und
die 3uweifung zur böhmifchen oder Breslauer Schule ficher wefentlid) erleichtert. Denn
die gewinnende, ungemein anfprechende, geradezu Robbiafd)e klaffifche Körperfd)önheit
und Lieblichkeit des Knaben der Madonna in der Ceinkirche zu Prag ift bei böh-
mifchen Madonnen von Meifterhand geradezu frappierend; während bei jenen der
deutfchen Richtung das Kindlein mehr oder weniger den Cypus des unentwickelten,
ungelenken, nicht weniger lieblichen Knaben darftellt, dem jedoch der fo d)arakteriftifd)e
Liebreiz der Robbiafchen Kindlein fehlt. Bei folchen Skulpturen handelt es fid) aller-
dings nicht um (Herkftattarbeiten, fondern höchftwahrfcheinlich um fold)e, die von der
Fjand irgendeines hervorragenden Meifters herrühren, merke, die diefe charakteriftifche
Idealijierung der Knabengeftalt nicht kennzeichnen, dürften auch, falls fie fonft die
Meifterhand verraten, meines Erachtens nach, außerhalb der beften Epoche der böh-
mifchen Bildhauerkunft der Gotik entftanden fein. Dies ift beifpielsweife bei der Ma-
donna der Pfarrkirche zu 3t>ynice der Fall, deren fichtliche Strenge in 3ügen und
Fjaltung, deren Stil fd)on die nahe Renaiffance verrät. Fjier ift das Kindlein nicht das
wohlgerundete, von Gefundljeit ftrotjende Knäblein, fondern ein fchmächtiges (Hefen,
das im Verhältnis zur Mutter etwas klein geraten fcljeint und deffen Bewegungen
ziemlich eckig und unnatürlich wirken.

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