Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Äus dem Kreife des Meifters E. S.
Mit zwei Abbildungen auf einer Tafel Von KARL TH. PARKER

Die wiffenfd)aftlid)en Mißgefchicke von der Mebrzabl jener 3eid}nungen, die man geglaubt
bat auf den Meifter E. S. zurückfübren zu dürfen, fteben dem Kunftbiftoriker wie ein ab-
fcbreckendes Beifpiel gegen weitere übereilte 3ufd)reibungen vor Äugen* 1, ttlenn id) es
dennoch wage, den beiftebend abgebildeten Scbeibenriß zu E. S. in engfte Beziehung zu fetjen, fo
gefcbiebt dies in der Überzeugung, daß feine ftiliftifcben Indizien tatfäd)lid) nur zwei A\öglid)-
keiten zulaffen: entweder, daß der Meifter felber der tlrbeber war, oder ein, vielleicht unbekannt
gebliebener, ibm außerordentlich nabeftebender Schüler. I)ier ßndet pd) nicht bloß jene allgemeine
zeitliche Verwandtfchaft, wie fie uns etwa in den Vogelßudien in Bafel entgegentritt. Die Über-
einftimmung von fowobl äußeren wie inneren Kriterien häuft fid) vielmehr zugunften von E, S. in
einer folchen ttleife, daß nur nod) allenfalls eine extreme wiffenfd)aftlicbe Skepps von einer definitiven
3ufd)reibung abfteben wird. Die Frage der Eigenhändigkeit iß zwar hier durd) die Catfache erfd)wert,
daß man es mit einer mehr kunftgewerblichen Ärbeit zu tun hat als fonft, und es muß ja als faß all-
gemeine Regel gelten, daß Scbeibenriffe etwas gröber in der Ausführung und ßiliftifd) diskrepant
erfcheinen, vergleicht man pe mit „autonomen“ 3eichnungen derfelben 5and. In die letztere
Kategorie gehören bekanntlich alle drei beglaubigten 3eicbnungen von E. S.: die Parifer Caufe
Cbrißi, das Mädchen mit dem Ring in Berlin und das ßebende Mädchen in Frankfurt. Da man
deshalb keine unmittelbaren Vergleicbsftücke bat, muß man pd) mit einem gewiffen unbeßimmten
Gnterfd)iedsfaktor abpnden. Es bandelt ßd) übrigens im gegenwärtigen Falle nicht um die Neu-
benennung einer bereits bekannten 3eid)nung, deren Bedeutung fo eifrigen Forfcbern wie Lebrs und
Geisberg entgangen wäre. Das in Frage ßebende Blatt bat an einem recht unwabrfcheinlichen Ort,
in der Vorbilderfammlung des Victoria and Äibert-Mufeums (South Kensington, London) ver-
ßeckt gelegen, iß nie publiziert, nicht einmal ausgeftellt oder photographiert worden. Id) betone
dies aus dem Grunde, weil natürlich damit meinen Ausführungen von vornherein ein höherer
Grad von ÜHabrfcbeinlicbkeit zukommt, als es der Fall wäre, müßte man an ein Überfeben feitens
der gewiegteßen E. S.-Kenner glauben.
Es hat ßd) zwar ein dem Londoner eng verwandtes Blatt erhalten, deffen Abhängigkeit von
E. S. recht wohl erkannt worden iß. Id) fprecbe von dem Scheibenriß im Bafeler Kupferßid)-
kabinett mit dem Klappen der dortigen Fjimmelzunft (Äbb ). Diefe 3eicbmmg iß mehrfad) als
die Originalarbeit eines Bafeler Künßlers um 1460, der unter dem Einßuß des Meißers E. S. ßand,
veröffentlicht worden, dod) iß fd)on vor dem Aufpnden des Londoner Blattes der Verdacht wach-
geworden, daß pe, wie nod) andere frühe 3eichnungen der gleichen Sammlung, nur als alte Kopie zu
gelten habe. Diefe Änpcht beßätigt pd) jefet mit einer fd)led)terdings nicht von der 5and zu weifenden
Deutlichkeit. Daß aber die Londoner und Bafeler Seicbmmgen letzten Endes auf den gleichen
Künßler zurückgehen, wird keiner bezweifeln wollen, und, weiß man erß, daß pe bei gleicher Kompo-
ption und Cechnik, übereinßimmende Maße (43X29 cm) und gegenfeitige Cüappenftellungen auf-
1 Gemeint find: Die kniende Stifterin in Curin; die Bafeler Dreifaltigkeit; die Ciburtinifche Sibylle im Louvre; die
1 rankfurter Heiligenfiguren und Madonna mit der Rofe und fchließlid) die Madonna des Straßburger Kopialbudjes.
Vgl. fahrbud) der Pr. K. 11 u. 27; Monatshefte f. Kw. III.

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