Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

Page: 738
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1923/0764
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
und hemmungslos aud) hier, h)eiß und wirbelnd, verlangend, ungebärdig, nach Ver-
geffenßeit greifend. Der Mythos des Begehrens, der unaufhaltfam vergehenden Luft,
des undenkbaren „Jetzt“ und des nie zum Grund-Gelangens.
Das ift die Abfolge feines Lebens und Schaffens in der Seit von 1914—18. Dann
überkommt Revolution und Not Rußland. Er wird verftrickt in das F)in~ und Ver-
treibende des Chaos, in den 3ufammenprall von Gegenfäßen. Mitgeriffen und um-
hergezogen reibt feine zu fenfitive zarte Natur fid) auf. Er ift viel zu paffiv und
eigenwillig verletzbar, um ftandzuhalten. Als einzige Möglichkeit der Rettung bleibt
ihm die Abftumpfung. Er zieht fid) zurück, fcßlägt pcß durch, und kommt fchließlid)
wieder nach Wefteuropa. Mehr aus Ratlofigkeit denn aus innerem 3wang. Von neuem
fcßeint ihn eine leere Fjeimatlopgkeit überkommen zu haben. Eine Fremdheit und ein
Ungenügen inmitten der Crümmer einer ßnnlos gewalttätigen 3ßit-
Was in diefen lebten Jahren entftanden ift, ift fcßwer zu überfehen, fcheint noch nicht
abgefcßloffen zu fein und zu Ende gebracht. Das Meifte ift zudem in Rußland. Die
großen Wandmalereien im ftaatlicßen jüdifcßen Kammertheater in Moskau pnd feine
größten Arbeiten aus letzter S&t. Sie wirken, foviel man beurteilen kann, überreich,
faft wirr, nervös und manchmal exaltiert; mehr zeicßnerifd) als aus der großen Fläche
der Wand entwickelt; zufammengehäuft und durcheinander gekritzelt. Daneben eine
große Reiße von Aquarellen, wecßfelnd im Cßema, ftark erzäßlerifd) und illuftrativ;
virtuos im Können; fcßwebend und frei in der Koloriftik. Darunter die eindrucksvollen
Büßnenfkizzen zu Gogol. Und dann, als letzte Arbeit, der 3yklus „Mein Leben“, feine
erften Radierungen. Wie ein Rüdeblick auf feine Jugend, fanft und zart, von einer
nervöfen Intimität, klar und ßellpcßtig und wieder derb und blutvoll. Sie fcßließen an
die Arbeiten feiner Jugend und aus dem Jahre 1914 an. Vielleicht pnd pe ein Hin-
weis, daß wieder ein Neues in ißm pcß klärt und feftigen will, wie er in foldjen 3eiten
pcß immer feiner Fjeimat bepnnt und zu ißrer Welt zurückkehrt.
Es ift in diefem Augenblick vielleicht für Chagall die 3ßit gekommen zur Reife, zur
entfeßeidenden Einkehr als Mann, zum Schweigen, Warten und Beßnnen. Vielleicht
zum erften Male der Ernft der Selbftbefinnung, 3weifel und Seßnfucßt.

3wei moderne Porträts

Von OSKAR SCHÜRER
Mit einer Tafel

Spiel des 3ufalls führte vor einiger 3^it zwei Bildwerke moderner Meifter in naeß-
barlid)e Näße (im feßönen Oberfaal der Galerie Arnold in Dresden), deren ftarke
innere wie formale Beziehungen eine gegenfeitige Polarität nur um fo deutlicher
werden ließen. Exponenten alfo, hier Beifpiele typifeßer Entfcßeidungsmöglicßkeiten
modernen Lebens überhaupt. Mund) und Kokofcßka trafen fieß in der Darftellung je
eines jungen Mannes, in läfpger Fjaltung als Knieftück gegeben, in leifer Verfponnen-
ßeit wandernder Bewußtfeinsfcßicßten nur lofe dem Moment verknüpft. Muncß ftellt
fein Modell ins Fjalbproßl, die linke Gepcßtsfeite, die beau cote des Weibes zeigend,
Kokofcßka nimmt den Dargeftellten faft frontal, mit leifer Wendung des Kopfes zu-
gunften der rechten Seite. Bei Kokofcßka fammeln pd) die Flächen der Fjände zu
wirrem Formenfpiel, bei Mund) ift nur linker Arm und Fjand deutlich hingebreitet, aus-
rinnend wie in zögernder Frage.
Unter den fpezißfcß modernen Eigentümlichkeiten der Porträtauffaffung, die beide
Werke teilen, jenem halb bewußten, halb unbewußten Verwobenfein in große, unruhig
wellende Beziehungen, aus denen das Individuum ßervortaueßt, — unter diefen Merk-
malen der 3eit treibt in beiden jenes eben nur im Porträt ausdrückbare faft ängftlicße
Fragen und Stoßen, jenes ftumme Rufen aus eigenftem Grund in dumpf ißn umbrau-

738
loading ...