Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Parifer Chronik

Von ADOLPHE BASLER / Mit zehn Abbildungen
auf fünf Tafeln und einer Abbildung im Text

(Über Kunftkritik / Der Salon der Cuilerien / Fjenri Rouffeau bei
Paul Rofenberg / Picaffo bei Paul Rofenberg / Odillon Redon in
der Galerie Druet / Lotiron in der Galerie Marfeille / Dubreuil
in der Galerie Cüeill / Miro bei Cameleon / Le Breton bei Nouvel
Effor / Barnes Gründung / Aktuelle Fragen / Picaffo, Cogores,
Maffon in der Galerie Simon / Mauny in der Galerie Cljeron.)


in Kunftkritiker, der für etwa zehn 3eitungen und 3eitfcl)riften fdjreibt, hat kürzlich)

in einem feiner Organe die einfache Frage aufgeworfen, zu was die Kunftkritik

nützet) fei. Eigentlich) kann niemand fo feh)r wie er die Nützlichkeit diefes Berufes
verkennen, den ehemals ein phjantafiebegabter Dichter dadurch charaktenfierte, daß er
von der Rubrik Kunftkritik in einer 3e>tung Befitz ergriff und anerkannte „nachdem er
diefen Platz für fich) belegt hatte, als wenn er irgendein Amt beim Nordbah>nhof an-
getreten hätte.“ Und fo gibt es in der Cat feriöfe Leute, die die Kunftkritik zur Genug-
tuung ihrer ebenfo feriöfen Lefer ausüben. Aber ob die Kritik in unferen Lagen noch
dazu nützlich ift, einen fo chjaotifchen Komplex menfchlicher Aktivität zu begreifen wie
die moderne Malerei? Jener Kunftkritiker warf die Frage vor dem Klunderwerk eines
Corot auf, daß er foeben in der Äusftellung „3wei Jahrhunderte franzöfifcher Kunft“
in der rue de la Ville-l’Eveque gefehjen hatte» vor jenem kleinen Damenbildnis, daß
man die „blonde Gascognerin“ nennt, die fct)ön ift wie eine Antike und ebenfo köftlich)
wie der fcßönfte Vermeer von Delft, und die ein glücklicher Liebhaber vor etwa 40 Jahren
für 1000 Franken erwerben konnte. Ohne durch die Kritik feiner 3eit geführt zu fein
und nur feinem eigenem Gefchmacke folgend, wurde demnach jener Amateur um eine
befcheidene Summe Beßrer eines Meifterweikes, das man heute wohl auf eine halbe
Million Franken fchäfeen kann. Crotzdem weiß der fjerr, der den Nutzen der Kunft-
kritik bezweifelte und der keineswegs ein Dummkopf ift, daß diefe Kritik auch gegen-
wärtig für den Liebhaber kein befferer Ratgeber ift.
Aber ohne diefe Frage des weiteren zu erörtern, möchte ich über den neuen Salon
der Cuilerien berichten, den foeben der gegenwärtige Direktor der „Ecole des Beaux-
Ärts“ Mr. Besnard und andere Mitglieder feines Inftitutes begründet haben, die in Er-
kenntnis all der Irrtümer der offiziellen Kunftpflege die Jugend herangezogen und jene
Unabhängigen, um in einem einzigartigen Salon alles zu vereinigen, was innerhalb
aller Beftrebungen von der akademifchen Kunft bis zum Kubismus und nachfolgenden
Modeftrömungen künftlerifcl) gut und lebensfähig erfcheint. Diefer Salon könnte un-
bedingt ein Schickfal fein und eine Art von Enzyklopädie der guten modernen Malerei
vorftellen, wie fid) einer der Mitbegründer diefes Salons, Charles Dufresne, ausdrückte.
Bedauern muß man an diefer Stelle die Abwefenheit eines Matiffe, Derain und Segonzac,
nicht minder des Bildhauers Maillol, für den die Gegenwart eines Despiau tröftet, der
mit Bourdelle zufammen die Plaftik vertritt. Despiaus Frauenbüften, die durchaus Größe
der inneren Konzeption befitzen und deren Charakter durch ein inniges Studium der
Natur beftimmt ift, bedeuten die Vollendung einer Kunft, die durch natürliche Qualitäten
Stil geworden ift. Ähnlich Teltene Qualitäten trifft man nur noch bei einigen Malern
unferer 3e\t an. (Darüber kann man fiel) Redßenfchaft geben in der Äusftellung „3wei
Jahrhunderte franzöfifcher Malerei“ wenn man fieht, wie nahe ein Derain, ein Utrillo
oder Segonzac in ihrer Fjaltung neben den Meiftern vom Schlage eines Chardin, Corot,
Daumier, Cezanne und Renoir ftehen, neben denen die RJerke all der Künftler mit
dekorativen Aspirationen fozufagen wie Klein-Kunftobjekte verfchwinden.) Ein ähnliches
Naturell wie das von Despiau findet man in den Akten von Friesz, in den von wahr-

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