Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

Page: 541
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1923/0565
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Georg Kars

Von MAURICE RAYNAL / Mit
14 Abbbildungen auf sieben Tafeln

u leicht vergeffen die Menfd)en den Gedanken eines großen Geiftes, der fcßeinbar


nur geringen Einfluß auf fie ßat, den man aber manchmal lebendig, fowoßl im

^—1 üemperament des einzelnen als aucß in feinen Gaten mit Genugtuung wieder-
erkennt. Mit geheimer Freude findet man ißn dann in fiel) felbft unter den unum-
ftößlicßen Ulaßrheiten wieder und er beftätigt fid) an den Begriffen, die man faft als
irrtümlich zu entdecken fürchtete, zumal fie in die Praxis überfe^t, feiten find und ißr
tieferer Sinn dem Geifte einer Epoche fremd erfcßeint, die fid) lieber mit verftandes-
mäßigen, auf die Vernunft geftübten Erwägungen zufrieden gibt.
Rivarol ßat diefem feltfamen 3weifel mit folgenden ÜHorten Ausdruck gegeben: „Das
tUefen, das nur der Empfindung lebt, ßat nod) nicht zu denken gelernt, aber das liefen,
das denkt, empfindet immer.“
Unfere Epoche fcßeint fid) im Einblick auf die malerifcße Entwicklung ganz befonders
auf den erften Geil diefes Geftändniffes eingeftellt zu ßaben, und zwar in einem dop-
pelten Sinn. 3u diefem Punkt müßte man einige Erklärungen geben, bevor man auf-
zeigen kann, wie die Kunft, die wir als die am meiften vollendete, ähnlich derjenigen
eines Kars, anzufprecßen berechtigt find, in der Empfindung immer einen Reft geiftiger
Arbeit in uns zurückläßt.
Es fagt durchaus nichts gegen die Perfönlid)keit, wenn man annimmt, daß der3wang
des eigenen Cemperamentes in feiner Unmittelbarkeit nicht auch den Keim einer Ori-
ginalität notwendigerweife verraten würde. Aber \)zuiz leben viele Künftler aus-
fchließlid) der Empfindung ohne zu denken, und andere ebenfo zahlreiche denken nur,
ohne etwas zu empfinden. Das Ergebnis ift in beiden Fällen, daß die (Uerke nicht
originell, aber meift höchft unvollkommen find. Diejenigen, die aus dem Gedanklichen
heraus fchaffen, klammern fiel) faft ausnahmslos an die tote Formel, aber fehen nicht
den Geift der Dinge. Immer befangen in den rein verftandesmäßigen Reflexionen, geht
ihr Denken über das Gefühl hinweg, foweit, daß es für das eigentliche Galent keinen
Ausweg mehr gibt, was fie unfehlbar durch ihre geiftige Erfchlaffung und die Rai-
fonnements ihres Verftandes verraten müffen. Vor folcher Gedankenmalerei erleben
wir dann ein für allemal das Gefchwätj von den gegebenen Mitteln, die ganz allge-
mein und ohne jede befondere Vorliebe entborgt werden. Dies ift die Formel der neu-
klaffifc±)en Kunft, die fid) jede Epoche des Niedergangs zu eigen macht. Solange diefe
befteht, darf man in der Blutleere folcher Produktion, die fid) offiziell vor dem Ulerk
vergangener Meifter verbeugt, ein 3eid)en reiner verftandesmäßiger Kunft erkennen
und es braucht nicht noch befonders betont zu werden, daß folches Schaffen nicht aus
der reinen Empfindung als Mittel der Expreffion fd)öpft, fondern lediglich auf Grund
ted)nifd)er Gegebenheiten eine Vorftellung vermitteln will.
Die d)riftlid)e Symbolik lehrt, daß dem Kruzifix gemäß das Fjaupt Gottvater anruft,
der finnlicße Leib den Soßn, die Bruft als Sitj des Herzens und der Lunge aber den
Geift. ßeute follte der Künftler, durchaus lyrifd) geftimmt, ausfd)ließlid) mit dem Fjerzen
denken; d. h- das Fjerz, allein zwifchen der Vernunft und den finnlichen Grieben ge-
legen, ift der wid)tigfte Faktor der künftlerifd)en Erziehung und als folcher berufen,
gleichmäßig die Vernunft wie die Sinnlichkeit zu beraten, im Sinne des reinen wunder-
vollen Gefühles, das die wahre Aufgabe der Kunft bedeutet.
Umgekehrt ift im Sinne Rivarols jene Malerei, die nur aus dem Gefühl fd)öpft und
deshalb die höhere Idee noch nicht erfaßt hat, fondern fid) ohne Reflexion den Dingen
hingibt, ausfd)ließlid) der finnlichen Welt untertan.
In diefem Sinne eröffnet fie nur fet)r kurze Perfpektiven und muß, was nid)t wunder-
nehmen kann, bald fterben. 3weifellos darf man dem Überwiegen des rein Gedank-
Dcr Cicerone, XV. Jaijrg., 5eft 12 29 541
loading ...