Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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3u den neuen Arbeiten Ludwig Meidners

Von PAUL FECHTER

Mit acht Abbildungen auf vier Tafeln

der lefete große Hmwandlungsprozeß in der Malerei des lebten Menfchenalters


[icß vollzog und aus dem verfinkenden naturaliffifd)en Impre[fionismus die Gegen

* ^bewegung des Expreffionismus erftand, da war es verhältnismäßig einfach,
begrifflich den Sinn deffen aufzuzeigen, was [ich in den Bildern der jungen Maler im
Konkreten begab. 3unäd)ff einmal: gegen eine Gefamtbewegung, die impreffioniftifche,
erhob fid) eine andere, ebenfalls überperfönlicl) allgemeine: die expreffioniffifche. Es
ftanden nicht verwirrend Individuen gegen Individuen, fondern eine ßeerfeffar gegen
die andere. Sodann: Der Chefis folgte \)ier fauber und klar die Äntithefis. „Kunft
kommt von Können \)era, hieß es auf der einen Seite; „aber wenn mans kann, ifts
keine Kunft mehr“, klang die Antwort höhnifch von der anderen zurück, f)ier war
Natur, Freilicht, Sehen alles — dort hieß es Los von der Natur, zurück zum Bild und
zurück zum Gefühl! Die Gegenfäffe ftanden fid) dialektifd) reinlich gegenüber: das
Bisherige wurde verneint durch fein Gegenteil. Das Pendel fdffug exakt nach der
anderen Seite aus.
Inzwifdjen ift der Expreffionismus ebenfalls alt geworden und in diefelbe Situation
gekommen, in die er damals den alternden Impreffionismus drängte. Die Jahre, die
ihm gehörten, foweit er eine zeitliche Entwicklungsphafe und nicht vielleicht doch tieferes ift,
find vorüber: eine neue Generation fteht vor der Aufgabe, ihn abzulöfen und durch
Neues zu erfetjen. Diefe Aufgabe aber ift erheblich fchwerer zu löfen als die, die feiner-
zeit dem jungen Expreffionismus geftellt war. Denn der ftand vor einem Gegner, der
letzte Phafe einer jahrhundertelangen Entwicklung war, deren man nicht nur in der
Malerei, fondern auf den meiften geiftigeren Gebieten des Lebens überdrüffig geworden
war. Man konnte ihr nicht nur, fondern man mußte ihr fozufagen ihre kontradikto-
rifd)en Gegenkräfte entgegenftellen: indem man ihr (Hollen verneinte, bejahte man be-
reits das eigene, entgegengefetff gerichtete, (Hollte die neue Generation, die der ex-
preffioniftifchen folgt, in gleicher (Heife verfahren und jetff ihrerfeits wieder die ex-
preffioniftifche Bewegung rundweg verneinen — fo würde fie konfequentermaßen
wieder beim Impreffionismus ankommen müffen, als bei der Äntithefis der expreffio-
niftifchen Chefe. Das aber wäre bloße Rückkehr und (Hiederholung — die durch die
dazwifchenliegende innere (Handlung unmöglich gemacht ift. Das Pendel fchwingt
wohl zurück, aber es fteigt zugleich- Über Oiefis und Äntithefis wächff die Synthefis:
es gilt jetff, weiterzukommen, nicht nur mehr von einer feindlichen Vorausfetjung aus,
in das Entgegengefetjte, fondern zufammenzufaffen. Vielleicht auch zu bewahren und
noch weiterzutreiben: denn es ift noch lange nicht ausgemacht, daß das Pendel bereits
wieder am Hmkehrpunkt angelangt ift. Es hat am Ende nur den tiefften Punkt durch-
laufen und fteigt jetff, mit verlangfamter Bewegung, weiter an.
In jedem Fall: die Aufgabe, die der nachexpreffioniftifchen Generation geftellt ift, ift
erheblich komplizierter als etwa die des Gefd)led)ts von 1880. Hnd man braucht nur
einmal ein paar Aufteilungen jüngerer Malerei zu durchwandern, um zu fehen, auf
wie verfdffedenen (Hegen die Fjeraufkommenden die Klärung fud)en, die fie zum
(Heiterkommen brauchen. Man fieht, wie die Cendenzen der letzten Phafe fortwirken,
wie das abftrakte (Hollen fid) ins Konftruktive und Konftruktiviftifd)e gewandelt hat,
bis zur Verneinung der Malerei überhaupt und ihrer Überführung ins handwerkliche
Konftruieren und Bafteln; man fieht, wie die fpezißfd) expreffioniffifche, das Gefühl
betonende (Helle weiterrollt, die Bildrückfid)ten immer noch weiter zurückdrängt und
aus geftaltlofem, reinem Gefühl Gefüge von neuer Ausdruckskraft fd)on weit jenfeits
aller Bildbaubeftrebungen des Expreffionismus hervorbringt. Hnd man fieht fd)ließlid),

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