Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

Page: 608
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1923/0632
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile

<LisyiA&Y-' SteA*' tr&ris

Hrdjipenko als 3 e i d) n e r
Mit acht Abbildungen auf vier Tafeln Von ERICH WIESE

Zeichnen können ßeißt nicßt gut zeicßnen,“ fcßrieb Gauguin. Clnd meinte mit
diefem „gut“ die Arbeit mit „Eftampen und Brotkügelcßen“, die fein fäuberlicße
Manier akademifcßer Schulung, kurz, etwas, das man lernen kann, das F)and~
fertigfein. Aber, wer zeichnen kann, ift ftets ßandfertig, in dem Sinn und Maß feiner
befonderen Art. Darum ift es ein önfinn, den Allzuvielen das Fjandwerk beibringen
zu wollen in der Abficßt, fie durcß diefes zum Künftler zu macßen. Die Kunft ßat
das Handwerk, diefes nicßt oft die Kunft.
Alfo: „Die modernen Künftler können alle nicßt zeicßnen“, fagt „man“. Man fagt
lieber, ftatt zu feßen. Aber tröften wir uns: ein Kokofcßka kann zeicßnen, aucß ein
Grosz, ein Feininger, ein Molzaßn, ein Kandinfky, felbft — Arcßipenko, der Bildhauer.
ünd wie! Frauen bewundern feine Frauenkörper. Das will was ßeißen: nämlicß ficß
felbft vergeffen vor der „Idee“ feiner felbft.
Arcßipenkos Segnungen find typifcße Bildßauerzeicßnungen, weit meßr, wie etwa
die Rodins, weil diefer nicßt in dem eindeutigen Sinne Plaftiker war wie jener es ift.
Daßer find aucß in den Segnungen Arcßipenkos die Hauptprobleme plaftifcßen
Schaffens, Form- und Raumgeftaltung, überall greifbar, bald in Löfungen, bald in Ver-
fucßen zu folcßen. Dabei läßt ficß innerßalb der zeitlicßen Folge der Blätter eine Ent-
faltung von feltener Folgericßtigkeit erkennen. 1909: Frau und kniendes Kind. Beginn
ftarker Befcßränkung auf das Plaftifcß-COirkfame, Betonung der Gelenkfunktionen,
Aufbau vom plaftifcßen (Flerke ßer empfunden, nicßt von der Naturbeobacßtung aus.
Der Raum wird, im Sinne des Reliefs, aus 3onen gefcßicßtet. 1913: 3wei Körper.
Reduktion der Einzelformen bis zur Geometrifierung. Scßärffte Fjerausftellung der
Gelenkfunktionen. Konfequente Rßytßmifierung, aucß in der dritten Dimenfion: der
Raum wird umfaßt. In der zeitlicß parallelen Gruppe „Boxe“ ift dies Moment bereits
zu größter plaftifcßer ÜJirkung geftaltet, und das in unferen Gagen zuerft von Arcßi-
penko, trotj unbewiefener gegenteiliger Beßauptungen. Ja, über das ümfaffen des
Raumes ßinaus wird gerade bei diefem ülerk fcßon etwas begonnen, was an den
3eicßnungen feiten zu beobacßten ift, an der Plaftik vom Künftler fpäter ßerrlicß voll-
endet wurde: Raumgeftaltung durcß „Paufen“, durcß Ausßößlung der Form: die kleinen

608
loading ...