Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

Page: 511
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1923/0535
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
fifche Charakter der auf fpanifdjem Boden gefchaffenen Skulpturen ift nicht nur aus
einem Vergleich mit den von fpanifdjen Nachfolgern in Sasamön bei Burgos und in
Burgo de Osma gearbeiteten Bildwerken zu erkennen, fondern aud) aus den engften
Beziehungen zu verwandten Schöpfungen in der Ile de France. Ganz gewiß haben
fpanifche Hilfskräfte bei untergeordneten Dekorationsteilen, befonders beim Dekor der
Cympana und Figurenfockei, den Meiftern zur Seite gestanden. Es machen fid) auch,
wie dies bereits Bertaux andeutet, Beziehungen zu füdfranzöfifchen Arbeiten bemerk-
bar, fo erinnern die noch erhaltenen gotifchen Äpoftel an der Puerta del Sarmental an
die Figuren in Dax1. Ferner haben die Meifter ikonographifch Chemen behandelt und
geftaltet, wie wir fie in Frankreich bei den Skulpturen der großen Kathedralen nicht
antreffen. So ift die Bildung des Cympanons der Puerta del Sarmental mit Chriftus
zwifchen den Evangeliftenfymbolen (mit den Evangeliften als Begleitern zu ihren
Symbolen, aber nicht als Hauptperfonen!) fehr fpanifch, wenn fie auch, wie Bertaux
bemerkt, den Parifer Bildhauern nicht unbekannt war. Dagegen ift die Darftellung der
Caufe Chrißi (Kreuzgangportal) als Cympanonfchmuck überhaupt fehr feiten; Beifpiele
aus der franzöfifchen Gotik find mir nicht bewußt.
Die Verwandtfchaft der Königsfiguren mit den etwas älteren Vorbildern auf franzö-
ßfchem Boden fei hier durch Gegenüberftellung mit zwei weniger bekannten Arbeiten
befonders veranfchaulicht. Es ßnd zwei Königsfiguren (Salomo und David?) mit Schrift-
bändern, die zufammen mit einer Madonnenfigur aus der 1239—1244 von Pierre de
Montereau errichteten Chapelle de la Vierge in St. Germain des Pres fich gegenwärtig
im amerikanifchen Kunfthandel befinden.

Eine (Uinterlandfchaft mit Eislauf
von Salomon Ruysdael
Mit einer Abbildung (s. Tafel S. 494)
Das hier wiedergegebene, im Befitj der Bad) ftiß-Galerie im Haag befindliche Öl-
gemälde von immerhin anfehnlicher Dimenfion überrafctjt zweifellos im erften
Augenblick durch die links unten angebrachte Signatur „S. van Ruysdael 1656“,
an deren Echtheit nicht zu zweifeln ift. Angefid)ts diefes reich belebten, durch un-
zählige Gruppen und Figuren ausgeftatteten Bildes würde man im erften Moment eher
auf einen anderen Urheber fchließen, fprädje nicht die prachtvoll hingelagerte, fein-
tonige Landfcßaft für den Urheber, der mit Jan van Goyen und Pieter Molyn jene
ältere Gruppe der naturaliftifchen h°üändifd)en Schule auf diefem Gebiete repräfentiert,
die der jüngeren Richtung eines Jakob Ruisdael etwa den Gleg bereitet hat. Crot^dem
wird man annehmen dürfen, daß tro^ der Signatur, die Staffage als folcße von einem
bewährten Figurenmaler der 3eit in das Bild hmeingefefet worden ift und da man
weiß, daß viele der von S. Ruysdael gefcßaffenen „Dorfwirtshäufer“ durch Es. van de
Velde ftafßert worden find, liegt der Gedanke naße, auch diefem Künftler die Urheber-
fchaft an der von Menfd)en und Eieren belebten Szenerie figürlichen Charakters zuzu-
weifen. Solcher Vorgang verteilter Arbeitsleiftung ift ja bekanntlich in der holländifchen
Malerei des 17. Jahrhunderts nicht feiten und abgesehen davon fcheint dies im Gefamt-

1 Äbb. Michel, Histoire de l’flrt II, 1, Äbb. 159.

511
loading ...